Ausgabe 07-08/2026
Sophie Hanak
Innovative Therapieansätze wie molekulare Marker oder genomische Analysen eröffnen neue Möglichkeiten in der Veterinäronkologie bei Hunden. Zudem gewinnen Hunde als natürliche Modelle für die Krebsforschung an Bedeutung, da viele ihrer Tumorerkrankungen Parallelen zur Humanmedizin aufweisen.
Krebs zählt zu den häufigsten Todesursachen bei älteren Hunden. Mit zunehmender Lebenserwartung der Tiere gewinnt die Erkrankung in der Veterinärmedizin weiter an Bedeutung und stellt Tierärzt*innen und Forschende vor große Herausforderungen. Um Diagnosen zu präzisieren und Therapien gezielter auszuwählen, setzen Wissenschaft und klinische Praxis deshalb zunehmend auf molekulare Marker, genomische Analysen und neue diagnostische Verfahren.
An der Veterinärmedizinischen Universität Wien werden Patienten einerseits von der medizinischen Onkologie und der Radioonkologie betreut, andererseits gibt es für onkologische Patienten auch eine chirurgische Versorgung. Zu den häufigsten Tumorerkrankungen zählen Lymphome und komplexe Mastzelltumoren. „Besonders häufig behandeln wir Hunde mit multizentrischem Lymphom. Darüber hinaus werden regelmäßig Hunde mit komplexen Mastzelltumoren vorgestellt, bei denen eine alleinige chirurgische Entfernung nicht ausreichend ist“, sagt Univ.-Prof. Dr. Miriam Kleiter, leitende Ärztin der Radioonkologie und Nuklearmedizin an der Vetmeduni Wien.
In der Radioonkologie spielen Tumoren im Kopf-Hals-Bereich eine wichtige Rolle. Hier werden unter anderem Tumoren der Nasenhöhle, der Maulhöhle, des Gehirns oder der Schilddrüse behandelt. Die Bestrahlung wird häufig ergänzend zur Chirurgie eingesetzt oder kommt bei Tumoren zum Einsatz, die nicht operiert werden können. Daneben bleibt die Chemotherapie vor allem bei Erkrankungen mit hohem Metastasierungsrisiko, etwa einem Osteosarkom, ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.

Molekulare Marker verbessern die Diagnostik
Während sich die Onkologie lange Zeit vor allem auf bildgebende Verfahren, Histopathologie und klinische Untersuchungen stützte, gewinnen molekulare Analysen zunehmend an Bedeutung. Ziel ist es, Tumoren nicht nur anhand ihres Erscheinungsbilds, sondern auch anhand ihrer biologischen Eigenschaften genauer zu charakterisieren. Ein Beispiel dafür sind molekulare Marker, die bereits Eingang in die Routinediagnostik gefunden haben. „Dazu zählt etwa die BRAF-Mutation bei Tumoren des Harntrakts. Auch beim Lymphom helfen Oberflächenmarker dabei, verschiedene Unterformen genauer voneinander zu unterscheiden“, so Kleiter. „Die BRAF-Mutation ist bei vielen urothelialen Karzinomen des Hundes nachweisbar und hat sich als wichtiger molekularer Marker in der Diagnostik etabliert. Bei Lymphomen ermöglicht die Analyse von Oberflächenmarkern eine immer präzisere immunphänotypische Charakterisierung, die über die reine Unterscheidung von B- und T-Zell-Lymphomen hinausgeht.“
Die Bedeutung solcher Marker liegt nicht nur in einer präziseren Diagnose – sie liefern häufig auch Hinweise auf das biologische Verhalten eines Tumors. Dadurch kann besser eingeschätzt werden, wie aggressiv eine Erkrankung voraussichtlich verlaufen wird und welche Behandlungsoptionen infrage kommen. Langfristig verfolgen Forschende das Ziel, Therapien immer stärker an den individuellen Eigenschaften eines Tumors auszurichten.
Auch genetische Faktoren rücken zunehmend in den Fokus. Bei zahlreichen Hunderassen sind bestimmte Tumorerkrankungen deutlich häufiger als bei anderen Rassen. Diese Zusammenhänge bieten wertvolle Möglichkeiten, genetische Risikofaktoren zu identifizieren und die Entstehung von Krebs besser zu verstehen. „Beim histiozytären Sarkom denken viele zunächst an den Berner Sennenhund. Inzwischen sehen wir diese Erkrankung aber auch regelmäßig beim Flat Coated Retriever“, berichtet Kleiter. Solche Beobachtungen helfen nicht nur bei der klinischen Arbeit, sondern liefern auch wichtige Ansatzpunkte für die Forschung. Die Identifikation genetischer Zusammenhänge könnte künftig dazu beitragen, Risikopatienten früher zu erkennen und neue therapeutische Ziele zu definieren.
Hunde als wichtige Modelle für die Krebsforschung
Neben ihrer Rolle als Patienten gewinnen Hunde zunehmend als Forschungsmodelle an Bedeutung. Anders als in klassischen Labormodellen entstehen Tumoren bei Hunden spontan und entwickeln sich unter natürlichen Lebensbedingungen. Gleichzeitig teilen Hunde mit ihren Besitzern dasselbe Umfeld; dadurch ergeben sich Parallelen zu Krebserkrankungen des Menschen.

Besonders deutlich zeigt sich dies beim Osteosarkom. Diese Erkrankung weist beim Hund zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der entsprechenden Tumorform des Menschen auf. Ähnliches gilt für verschiedene Lymphome, Mammatumoren oder Melanome. Dadurch können Erkenntnisse aus der Veterinärmedizin auch für die Humanmedizin von Interesse sein.
„Diese spontanen Tumormodelle bringen beiden Seiten einen Nutzen: Die Tiermedizin profitiert von neuen Behandlungsmöglichkeiten und die Humanmedizin von Daten, die aufgrund der kürzeren Lebensspanne der Tiere schneller verfügbar sind“, erklärt Kleiter. Diese Form der vergleichenden Onkologie gewinnt international zunehmend an Bedeutung: Warum bestimmte Tumorarten bei einzelnen Tierarten besonders häufig auftreten und andere vergleichsweise selten sind, könnte wichtige Hinweise auf natürliche Schutzmechanismen gegen Krebs liefern.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Krebsentstehung bei Haustieren bestätigt die Bedeutung von Hunden und Katzen für die vergleichende Krebsforschung: Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass beide Tierarten aufgrund ihrer hohen Krebsinzidenz, gemeinsamer Umweltfaktoren mit dem Menschen und ähnlicher Tumorbiologie wichtige Modelle für die Onkologie darstellen können. Die Studie zeigt außerdem, dass unterschiedliche Tierarten sowohl besondere Anfälligkeiten als auch natürliche Schutzmechanismen gegenüber Krebs entwickelt haben. Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge könnte dazu beitragen, neue diagnostische Verfahren sowie Präventions- und Therapieansätze für die Human- und die Tiermedizin zu entwickeln.
Personalisierte Therapien
Ebenso wie die Diagnostik entwickelt sich auch die Krebstherapie weiter. Während Bestrahlung und Chemotherapie weiterhin wichtige Säulen der Behandlung bleiben, richtet sich der Blick zunehmend auf zielgerichtete Therapien und personalisierte Behandlungsansätze.
In der Humanmedizin gehören solche Verfahren bereits in manchen Bereichen zum klinischen Alltag; in der Tiermedizin befindet sich die Entwicklung noch in einer früheren Phase. Dazu zählen monoklonale Antikörper, Tyrosinkinase-Inhibitoren und verschiedene Formen der Immuntherapie. „Bei zielgerichteten Therapien und in der Immuntherapie passiert derzeit sehr viel. Beide Bereiche entwickeln sich kontinuierlich weiter und profitieren davon, dass Human- und Tiermedizin eng miteinander verbunden sind“, sagt Kleiter.
Besonderes Interesse gilt derzeit personalisierten Therapien, die auf die biologischen Eigenschaften eines Tumors abgestimmt werden. Je besser sich Tumoren molekular charakterisieren lassen, desto größer wird die Chance, Patienten künftig gezielter behandeln zu können. Damit könnten nicht nur die Behandlungsergebnisse verbessert, sondern auch unnötige Belastungen durch wenig wirksame Therapien vermieden werden.

Trotz aller Fortschritte bleibt die Lebensqualität der Patienten ein zentrales Ziel der Veterinäronkologie. Im Unterschied zur Humanmedizin wird bei Hunden und Katzen weniger aggressiv therapiert, etwa bei der Chemotherapie. „Hierbei kann auch eine kürzere Behandlung erfolgreich sein, da die Lebenserwartung niedriger ist. Zusätzlich möchten wir starke Nebenwirkungen vermeiden“, erläutert Kleiter. Im Mittelpunkt steht eine Therapie, die den Tieren möglichst lange eine gute Lebensqualität ermöglicht.
Der Mix aus moderner Diagnostik, molekularen Markern, genomischer Forschung und neuen Therapieansätzen könnte die Krebsmedizin beim Hund in den kommenden Jahren grundlegend verbessern. Gleichzeitig zeigt die vergleichende Onkologie, dass Erkenntnisse aus der Veterinärmedizin weit über die Behandlung tierischer Patienten hinausreichen können. Hunde sind damit nicht nur Patienten, sondern können auch wichtige Partner auf dem Weg zu einem besseren Verständnis von Krebs sein.