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Allergien in der Kleintierpraxis: Ein Update

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
01.07.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 06/2026

Dr. Janina Rauch

Im Vetjournal 09/2025 beleuchtete Dr. Laura Widorn grundlegende Konzepte der Allergiediagnostik. Themen waren die Unterscheidung zwischen Allergie und Unverträglichkeit, strukturierte Diagnoseprotokolle und aktuelle Entwicklungen bei Testverfahren. Der zweite Teil knüpft direkt daran an und widmet sich vor allem den neuen Therapiemöglichkeiten – zwei JAK-Inhibitoren wurden kürzlich neu zugelassen, das Verständnis der Hautbarriere hat sich weiterentwickelt und die Forschung zur Verbindung zwischen Darm- und Hautgesundheit liefert erste praxisrelevante Erkenntnisse. Dr. Widorn ordnet ein, was sich für den Praxisalltag verändert hat und wo die Datenlage noch mangelhaft ist.

Was sind die häufigsten Auslöser von Allergien bei Hund und Katze?

Bei Hunden und Katzen lassen sich die häufigsten Auslöser allergischer Dermatitiden drei Kategorien zu­ordnen: Umweltallergene, Ektoparasiten und Futter­mittelbestandteile.
Am häufigsten treten Reaktionen auf Umweltallergene auf, darunter Hausstaubmilben, Pollen und Schimmelsporen. Allergene gelangen dabei entweder perkutan oder über Schleimhäute in Kontakt mit dem Immun­system. Bei chronischem Juckreiz spielen T-Lympho­zyten eine zentrale Rolle, was erklärt, warum Medikamente wie Ciclosporin oder JAK-Inhibitoren in der Praxis oft wirksamer sind als Antihistaminika.

Bei Ektoparasiten stehen Reaktionen auf Proteine, z. B. im Flohspeichel, im Vordergrund. Eine konsequente Para­sitenprophylaxe ist daher bei jedem Allergiepatienten der erste Schritt in der Aufarbeitung, auch bei reinen Wohnungskatzen.

Futtermittelallergien werden in etwa 9 bis 50 Prozent der Fälle als Ursache für Juckreiz bei Hunden mit ­allergischen Hauterkrankungen angegeben. Die am häufigsten berichteten Allergene beim Hund sind Rind, Huhn, Lamm, Milchprodukte und Weizen. Das klinische Bild ist variabel: Manche Patienten zeigen ausschließlich dermatologische Symptome, andere nur gastro­intestinale Beschwerden wie chronischen Durchfall oder Erbrechen, und wieder andere zeigen beides. Eine Futtermittelallergie darf daher nicht allein aufgrund fehlender Haut- oder Magen-Darm-Symptome aus­geschlossen werden.

Welche Bedeutung haben Hautbarriere und Mikrobiom bei chronischen allergischen ­Haut­erkrankungen?

Die atopische Dermatitis wird heute als T-Zell-ver­mittelte Erkrankung verstanden, bei der Barriere­störungen, Allergensensibilisierung und mikrobielle Dysbiose zusammenwirken. Eine gestörte Hautbarriere erleichtert das Eindringen von Allergenen und fördert den Juckreiz-Kratz-Kreislauf („Itch-Scratch Cycle“).

Atopische Hunde zeigen Dysbiosen sowohl des Haut- als auch des Darmmikrobioms. Die Verbindung zwischen Darm- und Hautgesundheit – die ­sogenannte Darm-Haut-Achse – eröffnet neue therapeutische ­Ansatzpunkte. Frühe Dysbiosen durch Antibiotika­exposition oder schwere Enteritiden können die Mikrobiomreifung nachhaltig stören. So haben etwa Hunde nach einer Giardia-Enteritis im Jungtieralter signifikant häufiger chronischen Pruritus entwickelt als Kontrolltiere. Ein bewusster Umgang mit Antibiotika ist daher nicht nur für die Darmgesundheit relevant, sondern auch für die langfristige Hautgesundheit.

Für die Praxis bedeutet das: Topische Pflegeprodukte wie Ceramide oder Phytosphingosine können die Hautbarriere unterstützen, wobei die Produktwahl an den individuellen Hautstatus angepasst werden sollte. Der Einsatz von Pro- und Präbiotika ist ein vielversprechender Ansatz, die Wirksamkeit ist jedoch stammspezifisch und die Studienlage reicht derzeit noch nicht für einheitliche Empfehlungen aus.

Atopische Hunde zeigen Dysbiosen sowohl des Haut- als auch des Darmmikrobioms.

Wie wird eine Futtermittelallergie beim Hund diagnostiziert und welche Rolle spielen neue Testverfahren?

IgE-basierte Bluttests werden in der Praxis häufig zur Diagnose einer Futtermittelallergie eingesetzt. ­Diese Testverfahren sind dafür jedoch nicht geeignet, da ­Futtermittelallergien beim Hund meist zellvermittelt sind. Ihr Einsatz kann zu falschen Schlussfolgerungen und unnötigen Kosten führen. Die Eliminationsdiät mit anschließender Provokation bleibt der einzige ver­lässliche diagnostische Zugang.

Praktisch relevant ist, dass ein kurzer initialer Einsatz von Prednisolon oder Oclacitinib zu Beginn der ­Eliminationsdiät mit anschließendem Absetzen und Beobachtung unter fortgesetzter Diät die erforderliche Diätdauer auf vier bis sechs Wochen verkürzen kann. Das ver­bessert die Compliance der Tierhalterinnen und Tierhalter deutlich.

Ein vielversprechender Forschungsansatz ist der ­Lymphozyten-Proliferationstest (LPT), der zell­vermittelte Reaktionen direkt nachweisen kann und in einer ­Studie eine Sensitivität und Spezifität von jeweils 100 Prozent zeigte. Derzeit ist der LPT aber noch kein Routine­verfahren – er ist methodisch aufwendig, nicht ­kommerziell verfügbar und weitere Studien sind nötig, um diese Ergebnisse zu untermauern.

Welche Therapieoptionen stehen für die Behandlung der atopischen Dermatitis zur Verfügung und wie erfolgt die Auswahl?

Die Therapie der atopischen Dermatitis erfordert einen multimodalen Ansatz. Den größten Erfolg erzielt man, wenn alle relevanten Aspekte adressiert werden: juckreizlindernde Medikation, Stärkung der Hautbarriere, Allergenvermeidung bei Futtermittelallergien und al­lergenspezifische Immuntherapie bei Umweltallergien. Kein einzelnes Medikament ist in allen Fällen wirksam und die Behandlung muss individuell angepasst werden.

Bei IgE-vermittelten Soforttyp-Reaktionen bilden Gluko­kortikoide die therapeutische Grundlage, können jedoch durch Antihistaminika ergänzt werden. Deren Wirkprinzip beruht auf der Stabilisierung von Mastzellen sowie der Hemmung der Histaminfreisetzung. Hinsichtlich der Juckreizreduktion ist ihre klinische Wirksamkeit zwar eingeschränkt, ihr Nebenwirkungsprofil jedoch ausgesprochen günstig. Dies macht sie zu einer sinnvollen adjuvanten Maßnahme, die es erlaubt, die Dosierung potenterer systemischer Wirkstoffe zu minimieren. Im chronischen Verlauf verschiebt sich das immunologische Geschehen jedoch zunehmend in Richtung einer T-Zell-vermittelten Hypersensitivität vom Spättyp, was eine entsprechende therapeutische Anpassung er­fordert. Grundsätzlich ist dabei zu beachten, dass beim Hund ein deutlich breiteres Spektrum systemischer Therapeutika für die Behandlung allergischer Erkrankungen zur Verfügung steht als bei der Katze.

Monoklonale Antikörper wie Lokivetmab (Anti-IL-31, rein antipruritisch) und JAK-Inhibitoren wie Oclacitinib (antipruritisch und antientzündlich) zeichnen sich durch ein gutes Langzeitsicherheitsprofil aus. Wichtig zu wissen: Beide Wirkstoffe reduzieren den Juckreiz unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache, also auch bei Futtermittelallergie. Eine laufende symptomatische Therapie kann daher das Ergebnis einer Eliminations­diät verfälschen. Beide Medikamente sind nur für ­Hunde zugelassen. Ein häufiges Missverständnis in der Praxis betrifft die scheinbare Therapieresistenz – sprechen Patienten nicht mehr ausreichend auf die Medikation an, liegt die Ursache seltener in einem Wirkverlust als in nicht adäquat behandelten Sekundärinfektionen der Haut. Eine regelmäßige zytologische Kontrolle ist daher essenziell, um bakterielle oder mikrobielle Dysbiosen frühzeitig zu identifizieren und gezielt zu therapieren.

Neu zugelassen wurden zwei weitere JAK-Inhibitoren, ebenfalls nur für Hunde mit pruritischer Dermatitis: Atinvicitinib ist hochselektiv und bereits ab einem Alter von sechs Monaten zugelassen; Ilunocitinib ist weniger selektiv, darf erst ab zwölf Monaten eingesetzt werden und ist bei Immunsuppression sowie malignen Neoplasien kontraindiziert. Langzeitsicherheitsdaten aus unabhängigen Studien sind für beide Präparate aufgrund der kürzlichen Zulassung noch begrenzt. Mit Tirnovetmab wird zudem ein weiterer monoklonaler Antikörper zur Juckreizlinderung erwartet.

Ciclosporin wirkt stark immunmodulierend, hat jedoch einen verzögerten Wirkungseintritt. Gastrointestinale Nebenwirkungen treten häufig zu Beginn auf und können durch Einfrieren des Medikaments vor der oralen Gabe oder eine initial reduzierte Dosis in vielen Fällen gemindert werden. Bei der Katze sind Ciclosporin und Glukokortikoide zugelassen.
Auch Ernährung spielt in der Therapie eine aktive ­Rolle: Therapeutische Diätfutter mit hautaktiven Zusätzen in therapeutischer Konzentration, darunter Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) zur Modulation entzündlicher Prozesse sowie Omega-6-Fettsäuren zur Stärkung der epidermalen Lipidbarriere, haben in klinischen Studien bei Hunden mit atopischer Dermatitis nachweislich Juckreiz, Hautläsionen und den Medikamentenbedarf reduziert. Eine zusätzliche Supplementierung ist damit nicht in jedem Fall notwendig.

Die einzige kausale Therapieoption für Umweltallergiker ist die allergenspezifische Immuntherapie (ASIT). Sie zielt darauf ab, die Immunreaktion gegenüber identi­fizierten Umweltallergenen langfristig zu verändern. Die Erfolgsrate liegt bei Spezialistinnen und Spezialisten bei 60 bis 70 Prozent, wobei bis zur Beurteilung des Therapieerfolgs in der Regel neun bis 14 Monate vergehen. Eine realistische Erwartungshaltung ist daher von Beginn an wichtig.