Ausgabe 07-08/2026
Sophie Hanak
Das Urothelkarzinom der Harnblase zählt zu den aggressivstenTumorerkrankungen des Harntrakts beim Hund. Fortschritte in der molekularen Diagnostik ermöglichen heute eine frühere Identifikation betroffener Patienten, während neue therapeutische Ansätze derzeit intensiv untersucht werden.
Etwa 90 Prozent aller malignen Harnblasentumoren beim Hund entstehen aus dem Urothel. Das Urothelkarzinom (UC), früher häufig als Übergangszellkarzinom (TCC) bezeichnet, stellt dabei die häufigste Tumorform dar. Viele Patienten werden erst diagnostiziert, wenn die Erkrankung bereits lokal fortgeschritten ist, und rund ein Fünftel der Hunde weist zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Metastasen auf. Besonders häufig betroffen sind regionale Lymphknoten, Lunge, Leber und Knochen. Die Metastasierungsrate nimmt im weiteren Krankheitsverlauf deutlich zu.
Unspezifische Symptome erschweren die Diagnose
Die klinischen Symptome hängen wesentlich von der Lokalisation und der Ausdehnung des Tumors ab. Zu den häufigsten Anzeichen zählen Hämaturie, Pollakisurie, Dysurie, Strangurie sowie andere Symptome der unteren Harnwege. Da diese Beschwerden häufig denen einer Harnwegsinfektion oder einer chronischen Zystitis ähneln, wird die Diagnose nicht selten erst nach wiederholten Episoden oder unzureichendem Ansprechen auf eine Therapie gestellt.
„Besonders bei älteren Hunden mit persistierender oder rezidivierender Hämaturie sollte ein Urothelkarzinom frühzeitig in die Differenzialdiagnosen einbezogen werden“, betont Onkologin Nataliia Ignatenko, Leiterin der Onkologie an der Kleintierklinik der LMU München. Somit kommt nach der klinischen Untersuchung und den ersten laborchemischen Abklärungen der sonographischen Untersuchung der Harnblase eine zentrale Rolle in der weiteren Diagnostik zu. Sie ermöglicht die Beurteilung der Harnblasenwand, des Trigonums sowie der proximalen Urethra und kann wertvolle Hinweise auf das Vorliegen einer neoplastischen Erkrankung liefern.
Molekulare Diagnostik erweitert Möglichkeiten der Tumordiagnostik
In den vergangenen Jahren haben Fortschritte in der molekularen Diagnostik die Erkennung des kaninen Urothelkarzinoms erheblich verbessert. Bei vielen betroffenen Hunden lassen sich tumorspezifische genetische Veränderungen nicht invasiv im Urin nachweisen. Am häufigsten wird dabei die BRAF-Mutation untersucht, die bei einem Großteil der Hunde mit Urothelkarzinom nachweisbar ist. Ein positiver Nachweis der BRAF-Mutation liefert einen sehr starken Hinweis auf das Vorliegen einer entsprechenden Neoplasie; ein negatives Ergebnis schließt ein Urothelkarzinom jedoch nicht sicher aus. In solchen Fällen stehen ergänzende molekulargenetische Untersuchungen zur Verfügung, die zusätzliche genetische Veränderungen erfassen und die diagnostische Sensitivität weiter verbessern können.
„Die molekulare Diagnostik ist heute ein wichtiger Bestandteil der Abklärung von Patienten mit Verdacht auf ein Urothelkarzinom. Sie ermöglicht häufig bereits frühzeitig und nicht invasiv einen konkreten Tumorverdacht und ergänzt die klinische sowie bildgebende Diagnostik sinnvoll“, erklärt Ignatenko.
Trotz der hohen diagnostischen Aussagekraft molekulargenetischer Untersuchungen sollten die Ergebnisse stets im Zusammenhang mit Klinik und Bildgebung interpretiert werden. Da bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung ein Teil der Patienten Metastasen aufweist, sollte bei Verdacht auf ein Urothelkarzinom frühzeitig ein vollständiges Staging erfolgen. Hierzu gehören die Beurteilung der lokalen Tumorausdehnung, die Untersuchung regionaler Lymphknoten sowie die Abklärung möglicher Fernmetastasen. Diese Informationen sind entscheidend für die Prognoseeinschätzung und die Wahl der geeigneten Therapie.
Von einer transabdominalen Punktion verdächtiger Harnblasenläsionen wird aufgrund des Risikos einer Tumorzellverschleppung grundsätzlich abgeraten. Wenn eine weiterführende Diagnostik erforderlich ist, kommen stattdessen Verfahren wie die Zystoskopie mit Biopsie in Betracht.
Die histopathologische Untersuchung bleibt weiterhin der Goldstandard der Diagnostik. Insbesondere bei Patienten mit hohem klinischem Verdacht auf ein Urothelkarzinom und charakteristischen bildgebenden Befunden können weiterführende diagnostische Maßnahmen erforderlich sein, wenn molekulargenetische Untersuchungen keine eindeutige Diagnose ermöglichen. In solchen Fällen kann die Gewinnung von Gewebeproben entscheidend für die definitive Diagnosesicherung und die weitere Therapieplanung sein.

Aktuelle und zukünftige Therapiekonzepte
Die Behandlung des Urothelkarzinoms stellt aufgrund der häufigen Lokalisation im Bereich des Trigonums vesicae und der Urethra eine besondere Herausforderung dar. Da viele Tumoren bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung lokal fortgeschritten sind, ist eine vollständige chirurgische Entfernung häufig nicht möglich. In ausgewählten Fällen, vor allem bei günstig gelegenen Tumoren außerhalb des Trigonums, kann eine chirurgische Resektion jedoch Teil des Therapiekonzepts sein.
Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAIDs) werden seit vielen Jahren in der Behandlung des kaninen Urothelkarzinoms eingesetzt und sind heute ein zentraler Bestandteil multimodaler Therapiekonzepte. Die systemische Behandlung basiert meist auf ihrer Kombination mit Chemotherapeutika wie Mitoxantron oder Vinblastin, wobei NSAIDs bei ausgewählten Patienten auch als alleinige Therapie eingesetzt werden können. Mit diesen Behandlungsprotokollen lässt sich bei vielen Hunden über mehrere Monate hinweg eine gute Lebensqualität sowie eine wirksame Krankheitskontrolle erreichen.
Neben der systemischen Therapie kommen bei ausgewählten Patienten auch lokale Behandlungsverfahren infrage. Hierzu gehören moderne Strahlentherapieverfahren; auch andere lokale Verfahren, darunter die Elektrochemotherapie, werden derzeit untersucht.
Eine wichtige Rolle spielt zudem die interventionelle Therapie: Führt der Tumor zu einer Verengung der Harnröhre oder beeinträchtigt er den Harnabfluss aus den Nieren, können Urethral- oder Ureterstents eingesetzt werden. Diese Verfahren ermöglichen häufig eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität und können insbesondere bei Patienten mit obstruktiven Komplikationen von großer Bedeutung sein.
Da das Urothelkarzinom sowohl lokal invasiv wächst als auch metastasieren kann, besteht weiter Bedarf an neuen therapeutischen Ansätzen. Mit der zunehmenden Charakterisierung molekularer Veränderungen beim kaninen Urothelkarzinom rücken zielgerichtete Therapien zunehmend in den Fokus der Forschung. Für verschiedene Wirkstoffe liegen bereits erste klinische Daten vor, darunter Multikinase-Inhibitoren wie Toceranib und Sorafenib sowie BRAF-gerichtete Therapien wie Vemurafenib. Obwohl die bisherigen Ergebnisse vielversprechend sind, wird ihr Stellenwert in der routinemäßigen klinischen Anwendung derzeit noch untersucht. „Je mehr wir über die biologischen und molekularen Eigenschaften dieser Tumoren lernen, desto besser werden wir künftig in der Lage sein, Therapien gezielt auf einzelne Patienten abzustimmen. Ich hoffe sehr, dass uns die laufende Forschung in den kommenden Jahren zusätzliche therapeutische Möglichkeiten eröffnen wird“, sagt Ignatenko.
Die Prognose wird maßgeblich durch die lokale Tumorausdehnung, das Vorliegen von Metastasen und das Ansprechen auf die Therapie beeinflusst. Durch die Kombination moderner diagnostischer Verfahren mit systemischen, lokalen und interventionellen Behandlungsmöglichkeiten können heute viele Patienten länger mit guter Lebensqualität leben als noch vor einigen Jahren.
Genetik und Umwelt als Risikofaktoren
Die Ursachen des Urothelkarzinoms sind bis heute nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem Kenntnisstand handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung, bei der genetische Prädispositionen und Umweltfaktoren zusammenwirken. „Es gibt keinen einzelnen Auslöser – vielmehr handelt es sich beim Urothelkarzinom um eine multifaktorielle Erkrankung, bei der verschiedene genetische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen können“, erklärt Ignatenko.
Zu den am besten belegten Risikofaktoren zählt die genetische Prädisposition. Besonders auffällig ist das Erkrankungsrisiko beim Scottish Terrier, bei dem ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Urothelkarzinoms beschrieben wurde. Auch bei West Highland White Terriern, Shetland Sheepdogs, Keeshonds, Samojeden, American Eskimo Dogs und Beagles wird eine erhöhte Prädisposition vermutet. Die meisten Patienten sind zum Zeitpunkt der Diagnosestellung älter als sieben Jahre. Darüber hinaus wird Übergewicht als möglicher Risikofaktor diskutiert.
Neben genetischen Faktoren wurden in verschiedenen epidemiologischen Studien auch Umweltfaktoren untersucht. Einzelne Arbeiten weisen auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber bestimmten Herbiziden oder anderen Pflanzenschutzmitteln und einem erhöhten Erkrankungsrisiko hin. Die verfügbaren Daten sind jedoch nicht für alle Substanzen gleichermaßen belastbar, und für viele heute verwendete Produkte liegen keine eindeutigen Erkenntnisse vor. Auch beschreiben mehrere Studien ein erhöhtes Erkrankungsrisiko bei kastrierten Hunden, insbesondere in Populationen mit genetischer Prädisposition.
Die Forschung beschäftigt sich weiterhin intensiv mit den genetischen und biologischen Grundlagen dieser Tumorerkrankung. Ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden molekularen Mechanismen könnte künftig nicht nur zur Identifikation weiterer Risikofaktoren beitragen, sondern auch neue Ansätze für eine individuellere Diagnostik und Therapie eröffnen.