Schwerpunkt

Anweiden ohne Risiko

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
03.07.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 06/2026

Dr. Sophie Hanak

Pferdeweiden erfüllen mehrere Funktionen gleich­zeitig: Sie dienen als Futterquelle, Bewegungsraum und ­Ausscheidungsfläche. Pferde stammen ursprünglich aus nährstoffarmen Steppengebieten und sind auf roh­faserreiches, energiearmes Futter spezialisiert. ­Moderne Weiden enthalten dagegen häufig energie- und proteinreiches Gras, da sie auf Hochleistungsrinder angepasst wurden.

Entsprechend sensibel reagieren viele Pferde auf die Umstellung von der Winterfütterung auf frisches Weide­gras, denn das Verdauungssystem benötigt Zeit zur Anpassung, da das frische Gras deutlich mehr Wasser und leicht verfügbare Kohlenhydrate enthält als Heu. Gelangen davon bei einer zu schnellen Umstellung große Mengen in kurzer Zeit in den Dickdarm, kann es zu Übersäuerung und Fehlgärungen kommen. In weiterer Folge sterben wichtige Darmbakterien ab, während sich schädliche Keime vermehren und Endotoxine entstehen, die unter anderem Hufrehe auslösen können. Manche Pferde reagieren darauf zunächst mit Kot­wasser oder Verdauungsproblemen, weshalb eine langsame Umstellung wichtig ist. „Idealerweise beginnt der Einstieg mit zehn Minuten Grasen an der Hand. Anschließend lässt sich die Dauer um etwa zehn Minuten täglich steigern“, erklärt Mag.     Nora Studer, Tierärztin
in Brunn am Gebirge. Nach ungefähr zwei ­Stunden ­Weidezeit am Stück ist das Darmmikrobiom der ­meisten gesunden Pferde bereits gut angepasst und die Tiere können ganztags auf die Weide.

Deutliche Unterschiede bestehen zwischen verschiedenen Pferdetypen: Während Voll- und Warmblüter energie­reiche Weiden oft besser tolerieren, reagieren leichtfuttrige Rassen deutlich empfindlicher. „Wenn man ein Shetlandpony, einen Isländer oder einen Haflinger auf eine fette Weide stellt, werden sie sehr schnell dick“, warnt Studer. Die Tierärztin beobachtet eine deutliche Zunahme der Zahl übergewichtiger Pferde. Viele Tiere würden heute wesentlich weniger bewegt als früher, gleichzeitig aber weiterhin energiereich gefüttert. Daher gewinnen Aktivställe und Paddock-Trails zunehmend an Bedeutung. Besonders strukturierte Weiden fördern zudem die natürliche Bewegung der Pferde: Hügel, Bäume, verschiedene Futterstellen oder ­längere Wege zwischen Wasser- und Futterstellen regen die Tiere dazu an, mehr Strecken zurückzulegen.

Auch während der Weidesaison bleibt ausreichend Raufutter wichtig. Heu oder Stroh sollten ergänzend angeboten werden, um längere Fresspausen zu vermeiden und die Verdauung zu unterstützen. Zudem kann Heu vor dem Weidegang verhindern, dass Pferde zu hastig große Mengen frischen Grases aufnehmen. „Wie viel zusätzlich gefüttert werden muss, hängt stark von der Dauer des Weidegangs und der Qualität der Weide ab. Robustrassen wie Isländer oder Haflinger können bei passender Weidequalität durchaus rund um die Uhr auf der Weide gehalten werden“, meint Studer. Voll- und Warmblüter benötigen dagegen häufig zusätzliches Futter.

Stehen die Pferde nur stundenweise auf der Weide oder verbringen die Nächte in der Box, sollte zusätzlich Heu angeboten werden, auch in Kombination mit Stroh. Reicht das Grasangebot auf stark beanspruchten ­Flächen nicht aus, ist Zufütterung besonders wichtig.

Bedeutung des Weidemanagements

Neben der Gesundheit der Tiere spielt auch die ­Qualität der Weide eine wichtige Rolle. Um die Weide zu ­schützen, sollte mit dem Anweiden nicht zu früh ­begonnen werden: „Die Pferde sollten nicht auf die ­Weide gelassen werden, bevor das Gras ungefähr bierflaschenhoch ist, also etwa 25 Zentimeter“, sagt Studer. Wird es bereits in der frühen Wachstumsphase stark abgefressen, geraten die Pflanzen in Stress und können sich schlechter regenerieren. Werden Flächen zudem dauerhaft zu stark abgefressen, verschlechtern sich die Artenvielfalt und der Aufwuchs lang­fristig. „Die Pferde sollten das Gras nicht auf weniger als 10 bis 15 Zenti­meter Höhe abfressen“, empfiehlt Studer. Besonders sinnvoll sei das sogenannte Strip Grazing, bei dem die Weide in mehrere Abschnitte unterteilt wird: Die ­Pferde halten sich jeweils nur auf einem Teil der ­Fläche auf, während sich die übrigen Bereiche regenerieren ­können. Werden Pferde hingegen dauerhaft auf der gesamten Fläche gehalten, fressen sie zunächst ­bevorzugt die schmackhaften Pflanzenarten. Diese können sich dadurch kaum mehr regenerieren, wodurch die Qualität der Weide langfristig sinkt. Somit sind Koppel- oder ­Rotationsweiden, bei denen einzelne ­Flächen ­zwischendurch ruhen können, besonders sinnvoll. Regel­mäßige Pflege wie Abäppeln, Nachmulchen und Nachsaat sowie ausreichende Regenerations­zeiten der Flächen gelten ebenso als essenziell.

Weidegang mit Risiken

Besonders kritisch sind hohe Zuckerwerte von Pflanzen. „Die Weiden im Frühjahr und im Herbst haben sehr viel höhere Werte an Zucker im Gras“, erklärt Studer. „Vor allem nach sonnigen Tagen und kalten Nächten speichern die Pflanzen überschüssige Energie in Form von Fruktanen.“ Für Pferde mit Insulindysregulation oder Equinem Metabolischem Syndrom kann das gefährlich werden. Im schlimmsten Fall droht Hufrehe – besonders betroffen sind robuste Rassen, ältere Pferde sowie Tiere mit Cushing-Syndrom oder bestehenden Stoffwechselproblemen.

Deshalb empfiehlt Studer vor dem Anweiden eine tierärztliche Abklärung: „Wenn man bei der Unter­suchung des Basalinsulins schon sieht, dass eine Insulin­dysregulation vorliegt, sollte dieses Pferd auf keinen Fall auf die Weide“, erklärt sie. Zusätzlich könne ein so­genannter Oral Sugar Test helfen, versteckte Stoff­wechselprobleme frühzeitig zu erkennen.

Fressbremsen als mögliche Unterstützung

Für leichtfuttrige Pferde können Fressbremsen eine sinnvolle Maßnahme darstellen. Allerdings: „Eine Fressbremse hat Vor- und Nachteile“, erklärt Studer: Harte Modelle könnten die Schneidezähne schädigen; zudem seien manche Pferde trotz Fressbremse erstaunlich ­effizient beim Grasen. Auch praktische Aspekte müssten berücksichtigt werden – viele Pferde können mit Fressbremse nicht problemlos aus automatischen Tränken trinken. Darüber hinaus beeinflusst die Fressbremse das Sozialverhalten innerhalb der Herde: „Mit der Fressbremse kann sich das Pferd natürlich nicht mehr gut verteidigen“, sagt Studer. Deshalb müsse die Entscheidung immer individuell getroffen werden.

Eine aktuelle Studie der Universität Kentucky zeigt, dass Fressbremsen bei Pferden mit Insulindysregulation den Insulinanstieg auf der Weide deutlich reduzieren können. In der Untersuchung waren die Insulinwerte bei Pferden mit Fressbremse während eines zehnstündigen Weidegangs um fast 50 Prozent niedriger als bei Pferden ohne Fressbremse. Gleichzeitig fanden die Forschenden keine Hinweise auf erhöhten Stress durch die Nutzung der Fressbremse. Die Autor*innen betonen jedoch, dass der Erfolg stark von der individuellen Stoffwechsel­situation des Pferds sowie vom Zuckergehalt der ­Weide abhängt. Regelmäßige Kontrollen und angepasstes Weide­management bleiben daher entscheidend.

Sommerekzem und Witterungseinflüsse

Auch Insektenbelastung und Wetterbedingungen beeinflussen die Weidesaison erheblich: Pferde mit Sommerekzem profitieren häufig davon, nachts oder außerhalb der Hauptflugzeiten der Mücken auf die Weide zu kommen. Zusätzlich können Ekzemerdecken und Fliegenschutzmittel notwendig sein.
Regen stellt laut Studer weniger für die Pferde als ­vielmehr für die Grasnarbe ein Problem dar. Vor allem kleine oder intensiv genutzte Flächen werden bei Nässe rasch zerstört: „Wenn es gatschig ist, zertrampeln die Pferde schnell das Gras“, erklärt sie.
Insgesamt zeigt sich, dass erfolgreiches Anweiden weit mehr erfordert als das bloße Öffnen der Weidetore. Entscheidend sind eine langsame Futterumstellung, ein angepasstes Weidemanagement sowie ausreichend Bewegung.