Dr. Heimo Lassing, AGES
Ausgabe 04/2026
Mit der Schlusskonferenz im April 2025 wurde das EU-Twinning-Projekt „VETcapacity“, über das bereits zuvor berichtet wurde, erfolgreich abgeschlossen. Ziel des Vorhabens war es, die veterinärbehördlichen Kapazitäten in Bosnien und Herzegowina (BiH) systematisch auszubauen und diese schrittweise an das einschlägige EU-Recht anzugleichen. Die Kooperation zwischen Österreich (mit der AGES als Projektleitung), Frankreich und Kroatien ermöglichte eine breit abgestützte fachliche Implementierung von EU-Standards in den Bereichen Tiergesundheit, Tierschutz und Management tierischer Nebenprodukte (TNP).
Im Verlauf von 56 Monaten wurden wesentliche Grundlagen für eine EU-konforme Veterinärverwaltung geschaffen. Die Schwerpunkte umfassten die Überarbeitung gesetzlicher Bestimmungen gemäß Animal Health Law (AHL), Official Controls Regulation (OCR) und EU-Tierschutzrecht, einschließlich der Anpassung nationaler Rechtsakte sowie der Erstellung begleitender Umsetzungsdokumente. Zusätzlich wurde die nationale Strategie für das Management von TNP umfassend analysiert – inklusive Bewertung des Umsetzungsstands, der bestehenden gesetzlichen Grundlagen und der praktischen Abläufe in diesem Sektor. Insgesamt wurden sechs Verordnungsentwürfe, ein nationaler Krisenplan sowie vier Programme zur Bekämpfung bedeutender Tierseuchen ausgearbeitet. Für den Bereich TNP wurden Empfehlungen für eine effiziente Weiterentwicklung in einem Endbericht dokumentiert. Ergänzend entstanden 43 praxisorientierte Fachdokumente (darunter Leitlinien, Handbücher und Checklisten), die unmittelbar in die Verwaltung und Kontrollpraxis einfließen können.
Die Projektumsetzung erfolgte unter herausfordernden Rahmenbedingungen: Pandemiebedingte Einschränkungen, politische Blockaden und aktuelle Tierseuchengeschehen – darunter Ausbrüche der Afrikanischen Schweinepest in BiH – beeinflussten den Ablauf erheblich. Dennoch leisteten 59 europäische Fachexpert*innen (Short Term Experts, STE) in insgesamt 300 Missionen, sowohl vor Ort als auch online, wesentliche Beiträge zur fachlichen Konsolidierung. Im Rahmen von 93 zielgruppenspezifischen Trainings wurden 1650 Personen aus Veterinärbehörden, der tierärztlichen Praxis, dem Inspektionswesen sowie aus Landwirtschaft und Jagd geschult und damit unmittelbar in die operative Weiterentwicklung des Systems eingebunden.
Eine zentrale Rolle spielte der Resident Twinning Advisor (RTA), der während der gesamten Projektlaufzeit in Sarajevo stationiert war und die kontinuierliche operative Umsetzung sicherstellte. Zu seinen Aufgaben gehörten die Koordination der STE aus den Mitgliedsstaaten, die Organisation und Dokumentation sämtlicher Projektaktivitäten sowie die Abstimmung mit nationalen Behörden. Die STE führten Gap-Analysen bestehender Rechtsgrundlagen durch, erarbeiteten Übereinstimmungstabellen und stimmten Gesetzesentwürfe mit den zuständigen Stellen ab. Der RTA veranlasste zudem die zielgerichtete Verbreitung („Dissemination“) der Ergebnisse an die relevanten Partner in BiH. Diese Funktionen trugen entscheidend zur Verstetigung der Projektergebnisse und zur Etablierung langfristig tragfähiger Arbeitsstrukturen bei.
Mit Abschluss des Projekts verfügt Bosnien und Herzegowina nun über deutlich gestärkte veterinärbehördliche Instrumente, verbesserte institutionelle Kapazitäten und praxisorientierte Arbeitsmittel in den Bereichen Tiergesundheit, Tierschutz und Management tierischer Nebenprodukte. Für Österreich ergibt sich ein direkter Nutzen durch erhöhte regionale Biosicherheit und eine verbesserte Prävention übertragbarer Tierkrankheiten im westlichen Balkan. Das Projekt verdeutlicht, dass nachhaltige strukturelle Stärkung und Harmonisierung im Veterinärwesen nur durch langfristige, fachlich fundierte internationale Zusammenarbeit erreicht werden kann.