Ausgabe 05/2026
Dr. Janina Rauch
Die Blauzungenkrankheit hat sich zu einer dauerhaft präsenten Herausforderung in Europa entwickelt. Mehrere Serotypen zirkulieren gleichzeitig, neue Varianten treten auf, und klimatische Veränderungen begünstigen die weitere Ausbreitung über Vektoren. Damit verändert sich nicht nur die epidemiologische Situation, sondern auch die Anforderungen an die tierärztliche Versorgung. Eine vollständige Tilgung der Blauzungenkrankheit scheint in Europa derzeit nicht realistisch zu sein, und ein langfristiger Umgang mit neu auftretenden Serotypen wird erforderlich.
Im Interview gibt Dr. Bernd Hoffmann, Leiter des Referenzlabors für Blauzungenkrankheit am Friedrich-Loeffler-Institut in Deutschland, eine Einschätzung zur aktuellen epidemiologischen Entwicklung in Europa und erläutert, welche Maßnahmen für einen effektiven Umgang mit den Viren entscheidend sind.

Im Interview gibt Dr. Bernd Hoffmann, Leiter des Referenzlabors für Blauzungenkrankheit am Friedrich-Loeffler-Institut in Deutschland, eine Einschätzung zur aktuellen epidemiologischen Entwicklung in Europa und erläutert, welche Maßnahmen für einen effektiven Umgang mit den Viren entscheidend sind.
Wie beurteilen Sie die aktuelle epidemiologische Situation der Blauzungenkrankheit in Europa und welche Entwicklungen sind aus Ihrer Sicht besonders relevant?
Verschiedene Blauzungenvirus-Serotypen (Bluetongue Virus; BTV) zirkulieren in Europa und stellen eine grundsätzliche Bedrohung für die Wiederkäuer-Population (WDK) dar. Es gibt Serotypen, die endemisch vorkommen und somit immer wieder neue Fälle verursachen werden, insbesondere bei der nicht geimpften Nachzucht (BTV-1, BTV-3, BTV-4, BTV-8). Darüber hinaus bedrohen neu auftretende BTV-Serotypen die Wiederkäuer-Population in Europa (z. B. BTV-5 in Italien). Ein „Totlaufen“ der BTV-5-Infektionen ist grundsätzlich möglich, ähnlich wie bei BTV-20 in den Niederlanden im Jahr 2024. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass sich BTV-5 in der nächsten Vektorsaison weiter in der EU ausbreitet und eine neue Welle von BT-Erkrankungen mit schwerer Klinik hervorruft. Da BTV ein segmentiertes Genom besitzt, sind Reassortierungen von Gensegmenten verschiedener BTV-Serotypen und -Stämme grundsätzlich möglich und schon beschrieben. Neue genetische BTV-Varianten können eine andere Fitness/Replikationseffizienz in den Vektoren (Gnitzen) oder in den empfänglichen Wiederkäuern verursachen.

Wie kann man die Bestände vor BTV-Infektionen schützen?
Der Schutz vor einer BTV-Infektion ist Serotyp-abhängig. Somit muss jeder einzelne Serotyp als eigene Erkrankung diagnostiziert und bekämpft werden. Es stehen sehr gute, zugelassene inaktivierte Impfstoffe für die Bekämpfung der endemisch vorkommenden BTV-Serotypen zur Verfügung. BT ist eine vektorübertragene Erkrankung, und die Gnitzen sind besonders im Sommer und Herbst aktiv. Im Frühjahr ist somit die beste Zeit, um den Tierbestand zu impfen und den Tieren den optimalen Schutz zur vektoraktiven Zeit mitzugeben. Alle BTV-Impfstoffe zeichnen sich durch sehr gute Wirksamkeit und durch sehr geringe Nebenwirkungen aus. Unerwünschte Impfkomplikationen sind äußerst selten; und da die BTV-Impfstoffe schon viele Jahre in Anwendung sind, ist die geringe Nebenwirkungsrate auch schon lang belegbar. Rinder sollten durch eine zweimalige Impfung im Abstand von drei bis sechs Wochen grundimmunisiert werden. Bei Schafen kann eine einmalige Grundimmunisierung für einen Schutz ausreichend sein. Eine zweimalige Grundimmunisierung wie bei den Rindern erhöht die spezifische Immunantwort deutlich. Eine Impfung ist besser als keine Impfung, aber zwei Impfungen sind besser als eine Impfung. Bei allen anderen empfänglichen Arten (Ziegen, Neuweltkameliden, Wild-Wiederkäuern) sollte die zweimalige Grundimmunisierung wie beim Rind erfolgen. Da die kommerziellen Impfstoffe von den Herstellern nur für Rinder und Schafe offiziell zugelassen sind, muss eine Umwidmung dieser Impfstoffe für die anderen Tierarten erfolgen. Schafe und Rinder sind von BTV besonders betroffen, und hier wurden die entsprechenden Studien zur Zulassung der Impfstoffe durchgeführt. Die fehlende Zulassung der inaktivierten BTV-Impfstoffe bedeutet nicht, dass diese Impfstoffe bei den anderen empfänglichen Tierarten nicht wirken oder starke Nebenwirkungen verursachen, sondern nur, dass für diese Tierarten die entsprechenden Daten nicht erhoben wurden. Bei der Umwidmung der BTV-Impfstoffe für die Vakzinierung von Ziegen, Neuweltkameliden und Wild-Wiederkäuern sind über viele Jahre schon sehr gute Erfahrungen gemacht worden. Wirksamkeit und Nebenwirkungsrate sind vergleichbar mit den Daten zu Rind und Schaf. Eine jährliche Nachimpfung im Frühjahr der folgenden Jahre, vor der Vektorsaison, ist empfohlen.

Welche diagnostischen Herausforderungen gibt es aktuell in der Praxis?
Aktuell wird in vielen Tierarztpraxen umfangreich gegen BTV geimpft. Die dabei verwendeten inaktivierten Impfstoffe sind genetisch nicht von den im Feld zirkulierenden BTV-Stämmen unterscheidbar. Diagnostische Blutentnahmen bei Tieren unmittelbar nach der Impfung (z. B. im Rahmen von Verbringungen in BTV-freie Gebiete) können durch den Impfstoff positiv belastet sein und in der PCR ein positives Ergebnis erzeugen. Eine (Nach-)Untersuchung mittels PCR im Abstand von sieben Tagen zur Impfung ist grundsätzlich empfohlen. Die inaktivierten Impfstoffe haben allgemein eine sehr hohe Virusgenomlast. Dadurch werden im Rahmen von umfangreichen Impfkampagnen Kleidung und Equipment (Ablagen, Koffer, Blutröhrchen, Kanülen usw.) durch Impfstoff kontaminiert. So kann es zu Verunreinigungen von diagnostischen Blutproben mit Impfvirus-Genom durch den praktizierenden Tierarzt kommen, auch wenn an dem Tag selbst oder in dem Betrieb gar nicht gegen BTV geimpft wurde. Die PCR ist so sensitiv, dass minimale Mengen von extern zugeführtem Impfstoff in der Blutprobe schon für einen positiven PCR-Nachweis ausreichen. Auch hier bleibt nur die Nachbeprobung durch „saubere“ Tierärztinnen und Tierärzte. Ein Zeitfenster von sieben Tagen ist bei einem Verdacht auf Impfstoff-Kontamination ohne Impfung im Bestand aber nicht unbedingt einzuhalten.
Wie geht es mit der Blauzungenkrankheit in der EU weiter?
Die Infektionen mit dem Virus der Blauzungenkrankheit der Serotypen 1 bis 24 werden zukünftig in der EU statt C+D+E nur noch in den Kategorien D+E gelistet. Diese Herunterstufung in der Kategorisierung bedeutet, dass optionale Tilgungsprogramme durch die EU nicht mehr unterstützt werden. Daraus kann man auch ableiten, dass eine Tilgung von BTV-1 bis BTV-24 aus Europa als nicht realistisch eingeschätzt wird bzw. einen zu hohen finanziellen Aufwand bedeuten würde. Vor der Jahrtausendwende war BT kein Thema in der EU, und auch zu Beginn der 2000er-Jahre war das Vorkommen von BTV in Südeuropa als exotisch einzustufen. Das änderte sich dramatisch mit dem ersten großen BTV-8-Ausbruch (2006–2009) in Zentraleuropa. Auch wenn dieser BTV-8-Ausbruch durch natürliche Durchseuchung und massive Impfkampagnen komplett getilgt werden konnte, war es der Beginn einer stetig steigenden Anzahl von BTV-Ausbrüchen durch verschiedene Serotypen in einer Vielzahl von EU-Ländern. Eine wichtige Erfahrung aus der ersten großen BTV-Epidemie in Zentraleuropa war, dass die Gnitzenpopulation in Europa das grundsätzliche Potenzial hat, die BT-Viren umfangreich zu replizieren und zu verbreiten. Auch wurde klar, dass die Klimabedingungen in Zentraleuropa ein „Überwintern“ der BT-Viren grundsätzlich möglich machen.
Es ist davon auszugehen, dass sich durch den Klimawandel die endemisch zirkulierenden BTV weiter in Mittel- und Nordeuropa etablieren werden und die Gefahr der Einschleppung neuer, bisher in Europa noch nicht nachgewiesener BTV-Serotypen absolut real ist.

Welche präventiven Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht in Europa realistisch umsetzbar?
Klar ist, dass die Klimaveränderung stetig fortschreitet, eine feucht-wärmere Witterung die Entwicklung von Gnitzen begünstigt und die Verbreitung von BTV durch die Vektoren nicht zu stoppen ist. Die Vermeidung der Verbringung von BTV-infizierten Tieren in von dem speziellen Serotyp freie Gebiete kann die schnelle Ausbreitung der Seuche über große Entfernungen verlangsamen, aber das Risiko durch infizierte Gnitzen bleibt grundsätzlich bestehen. Die Serotyp-spezifische Impfung hat sich als die Methode der Wahl für den sicheren und effektiven Schutz von empfänglichen Tierarten vor einer BTV-Infektion erwiesen. Entsprechende Impfstoffe gegen die jeweiligen Serotypen haben sich millionenfach über viele Jahre in Europa bewährt. Damit ist klar, wie man sich vor BTV-Infektionen jeglichen Serotyps schützen kann. Gegen die endemischen BTV-Serotypen sind die inaktivierten Vollvirus-Impfstoffe tagtäglich erfolgreich im Einsatz und verhindern Klinik, Milchverluste und Tod. Was es darüber hinaus braucht, sind Impfstoffe gegen alle exotischen BTV-Serotypen. Im Fall des Neueintrags eines BTV-Serotyps, für den aktuell kein zugelassener Impfstoff zur Verfügung steht, sollten Impfstoff-Kandidaten ausgewählt und für den sehr schnellen Einsatz im Feld vorbereitet werden.
Dabei ist es nicht wichtig, auf den neuen exotischen BTV-Stamm zu warten. Der Schutz ist Serotyp-abhängig – das bedeutet, dass ein BTV-5-Stamm, der schon vor vielen Jahren erfolgreich isoliert wurde, auch als Impfstoff gegen einen genetisch differenten BTV-5-Stamm, der neu in der EU auftritt, genutzt werden kann. Wichtig ist dabei, im Vorfeld zu klären, ob der potenzielle BTV-Vakzine-Stamm sich gut in Zellkultur vermehren lässt, frei von Fremdpathogenen ist und im Tier substanzielle schützende Impf-Antikörper induziert. Alle diese Vorarbeiten lassen sich zu „Friedenszeiten“ sehr gut durchführen und ermöglichen die Etablierung eines Stockvirus-Panels an geeigneten BTV-Impfstoff-Kandidaten für die BTV-Serotypen, gegen die bisher kein Impfstoff verfügbar ist.
Gerade beim Auftreten von neuen BTV-Serotypen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die WDK-Population innerhalb der EU voll empfänglich ist und deutliche Klinik bei den naiven Tieren auftritt. Eine kurze Reaktionszeit bis zum Vorliegen eines geeigneten marktreifen Impfstoffs zum Schutz der Tiere ist nicht nur aus ökonomischer Sicht sinnvoll, sondern auch gelebter Tierschutz. Neben den etablierten inaktivierten BTV-Impfstoffen können auch neue Impfstoff-Entwicklungen (mRNA- oder Subunit-Impfstoffe, neue Adjuvantien u.a.) zum Aufbau eines Impfschutzes in der empfänglichen Population genutzt werden.
Investitionen in ein umfassendes, schnell verfügbares Impfkonzept zum Schutz von Tieren gegen BTV sind sicher gut angelegtes Geld – BTV ist gekommen, um zu bleiben. Darüber hinaus ist sicher, dass neue BTV-Serotypen die EU erreichen werden. Und nicht nur BTV ist hier ein Problem: Auch das erstmalige Auftreten von EHD (Epizootische hämorrhagische Krankheit) vom Serotyp 8 in Südeuropa deutet darauf hin, dass auch weitere Orbiviren auf dem Vormarsch nach Europa sind. Erfahrungen mit der Erstellung von Impfkonzepten gegen BTV sowie der Schaffung von Kapazitäten für die Großproduktion entsprechender Impfstoffe können auch für andere, neu auftretende Viruserkrankungen genutzt werden.
