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Alternative Nutztiere in Österreich: Veterinärmedizinische Herausforderung

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
26.05.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 05/2026

Dr. Sophie Hanak

Am Kogelhof im westlichen Wienerwald werden seit 2013 Amerikanische Bisons gehalten, aktuell umfasst der Bestand 63 Tiere. „Unser Ziel war es von Beginn an, ein Produkt zu vermarkten, das in Österreich nur wenig verbreitet ist. Dies setzt jedoch spezifische betriebliche Voraussetzungen voraus und ist nur sinnvoll, wenn die gesamte Wertschöpfungskette von der Zucht bis zum Endprodukt im eigenen Betrieb erfolgt“, betont ­Gerhard Egger senior.

Tierärztliche Betreuung mit Grenzen

Die tierärztliche Betreuung stellt eine besondere Herausforderung dar. Sie erfordert ein hohes Maß an Eigeninitiative und Interesse seitens der Tierärzt*innen. Darüber hinaus spielt der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle, insbesondere hinsichtlich der Dauer und Häufigkeit von Behandlungen.

Bisons sind ursprünglich wild lebende Tiere mit ausgeprägtem Fluchtverhalten. Aufgrund ihres Wesens bleiben Bisons auch unter Haltungsbedingungen wie auf dem Kogelhof Wildtiere und werden nicht zahm, wodurch der tierärztliche Handlungsspielraum eingeschränkt ist. Bisons sind sehr robust und zeigen Schmerzen oft erst, wenn die Erkrankung schon fort­geschritten ist. „Meist ist es leider schon zu spät, wenn man überhaupt bemerkt, dass ein Tier erkrankt ist“, sagt Dipl.-TA Robert Heger; er ist Tierarzt in Neulengbach und betreut den Kogelhof.
Bereits das Einfangen und Fixieren von verletzten oder augenscheinlich erkrankten Tieren löst erheblichen Stress aus, der fatale Folgen haben kann. Wird ein Tier mittels Pfeil betäubt, reagiert in der Regel die ­gesamte Herde, was zu Unruhe und großem Stress führt. Dies erschwert das kontrollierte Niederlegen des betäubten Tiers erheblich. Daher werden Eingriffe möglichst vermieden und Behandlungen sind oft nur eingeschränkt umsetzbar. Die einzige regelmäßig durchführbare Maßnahme ist die einmal jährlich stattfindende Fixierung der Tiere in einem Behandlungsstand. Dabei werden in erster Linie Ohrmarken nachgesetzt und die Gesundheit der Tiere wird aus der Nähe kontrolliert.

„Die tierärztliche Betreuung auf unserem Hof kon­zentriert sich bei unseren Tieren vor allem auf Weideparasiten, vor allem auf Magen-Darm-Spulwürmer sowie in geringerem Ausmaß auf Lungenwürmer“, ­erzählt ­Gerhard Egger junior. ­Entwurmungsmaßnahmen werden ausschließlich bei Kälbern oder bei auffälligen Tieren mit Durchfall oder schlechtem Wachstum durchgeführt. Es werden jedoch regelmäßige Kotproben aus unterschiedlichen Altersklassen genommen und untersucht. Das entspricht auch den aktuellen Empfehlungen, nicht ganze Herden pauschal zu behandeln, um Resistenzen zu vermeiden. „In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass der Parasitenbefall bei Tieren ab einem Alter von etwa drei bis vier Jahren kaum mehr eine Rolle spielt“, sagt Egger junior. Besonders gefährdet sind diesjährige Kälber: Ohne Behandlung kommt es zu sehr hohen Verlusten. Spätestens im Alter von einem Monat erhalten sie daher eine erste Behandlung, die mittels einer elektrischen Wasserspritzpistole appliziert wird. Trotz des damit verbundenen Aufwands hat sich diese Methode als praktikabel erwiesen. Im Herbst erfolgt im Zuge der jährlichen Fangaktion eine weitere Entwurmung, diesmal oral.
Auch kommt es gelegentlich zu Verletzungen durch Hornstöße, doch dann gibt es kaum Interventions­möglichkeiten, da ein direkter Zugang zu den Tieren nicht möglich ist. Die Geburten verlaufen insgesamt komplikationslos und die Tiere benötigen keine Hilfe.

Die eingeschränkte veterinärmedizinische Betreuung kann eine Herausforderung darstellen, wird jedoch in Kauf genommen. „Ich habe beobachtet, dass Landwirte deutlich zufriedener sind, wenn eine Direktvermarktung möglich ist, denn da steckt viel Leidenschaft dahinter und das kommt auch den Tieren zugute“, sagt Heger.

Neuweltkameliden: Komplexe Patienten

Neuweltkameliden stellen Tierärzt*innen ebenfalls vor besondere Herausforderungen. Als Fluchttiere zeigen sie wie Bisons Krankheitssymptome oft erst spät und somit kommt der Früherkennung eine zentrale Rolle zu. Entscheidend ist ein fundiertes Verständnis ihrer Ana­tomie und Physiologie, etwa durch charakteristische Veränderungen im Gesichtsausdruck („Pain Face“). Aus tierärztlicher Sicht stellen Neuweltkameliden eine Besonderheit dar. In manchen Aspekten ähneln sie Pferden, in anderen Wiederkäuern wie Rind oder Schaf. Ihr dreigeteiltes Magensystem funktioniert ähnlich wie das der Wiederkäuer, ist jedoch anatomisch und funktionell eigenständig. „Es ist deshalb nicht möglich, bewährte Behandlungsschemata von Schafen oder Ziegen auf Neuweltkameliden umzulegen“, betont Mag. Katrin Laubichler. Entsprechend wichtig ist die Schulung der Besitzer*innen, um frühzeitig auf Abweichungen reagieren zu können. Auch Managementfaktoren spielen eine entscheidende Rolle: „Zu wenig Platz, schlechte Hygienebedingungen, etwa an Wasserstellen, oder fehlende Quarantänemaßnahmen beim Zukauf neuer Tiere begünstigen Krankheitsausbrüche“, warnt Laubichler.
Die Diagnostik basiert auf einer Kombination aus gründlicher Anamnese, klinischer Untersuchung sowie Laboranalysen und bildgebenden Verfahren wie Ultraschall oder Röntgen. Die praktische tierärztliche Versorgung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass viele Maßnahmen im Feld nur eingeschränkt möglich sind. Komplexere Eingriffe wie Zahnbehandlungen, Bluttransfusionen oder bestimmte internistische Therapien erfordern häufig einen Transport in spezialisierte Einrichtungen. „Das kann problematisch sein, wenn Tiere nicht an Handling oder Transport gewöhnt sind. Daher ist ein regelmäßiges Training im Umgang mit den Tieren essenziell“, so Laubichler.

Breites Spektrum an Krankheitsursachen

Die Parasitenkontrolle erfordert ein differenziertes Vorgehen. „Es sollte nicht der ganze Bestand entwurmt werden, um Resistenzen zu vermeiden. Stattdessen sollten regelmäßige Kotuntersuchungen durchgeführt werden. Zudem ist es sehr wichtig, vor jeder Behandlung die Tiere zu wiegen, damit die richtige Dosierung angewendet werden kann“, erklärt Laubichler. Ebenfalls häufig, aber schwer zu erkennen sind Magen­ulzera, die meist durch Stress entstehen und oft nur unspezifische Symptome wie Apathie oder Fressunlust zur Folge haben.
Neben Verdauungserkrankungen spielen bei Neuweltkameliden Hauterkrankungen eine große Rolle. Die Ursachen reichen von Infektionen bis hin zu Mangelzuständen wie Zinkmangel, der zu ausgeprägten Hautveränderungen führt. Milben­befall verursacht ähnliche Symptome und ist diagnostisch anspruchsvoll.
Auch Zahnerkrankungen treten häufig auf, insbeson­dere Zahnwurzelabszesse, die zu Schwellungen, Fressstörungen und Gewichtsverlust führen können. In ­vielen Fällen ist eine chirurgische Behandlung notwendig. Zudem setzen Hengste ihre Zähne zur Verteidigung ein, was zu Verletzungen insbesondere in Gruppen­haltungen führt. Entsprechend kommt der Zahn­kontrolle eine große Bedeutung zu.

Eine weitere relevante Erkrankung ist die Infektion mit Mykoplasmen, die zu Anämie und schweren Allgemeinsymptomen führen kann. Oft bleiben Tiere jedoch symptom­lose Träger, wobei Stress einen Krankheitsausbruch begünstigt.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Fütterung. Fehler können sowohl akute Probleme wie Schlund­verstopfungen als auch chronische Mangelerscheinungen (z. B. Zink- oder Selenmangel) verursachen. Zudem reagieren Neuweltkameliden empfindlich auf bestimmte Pflanzen, etwa Oleander oder Rhododendron, deren Aufnahme oft tödlich endet.

In der Reproduktionsmedizin spielen Geburts­­komplikationen und die Versorgung der Crias (Jung­tiere) eine zentrale Rolle. Entscheidend ist die frühzeitige Auf­nahme von Kolostrum innerhalb der ersten Lebensstunden, da Crias ohne eigenes Immun­system geboren werden; Versäumnisse führen häufig zu schweren ­Erkrankungen. Auch Fehlstellungen während der Geburt oder Uterus-Torsionen sind relevante Notfälle.
Besondere Vorsicht ist bei der Therapie geboten: So sind Glukoseinfusionen kritisch zu bewerten, da Neuweltkameliden physiologisch erhöhte Blutzuckerwerte aufweisen und schnell eine Hyperglykämie entwickeln können.

Insgesamt zeigt sich, dass Erkrankungen bei Neuweltkameliden häufig unspezifisch verlaufen und ein ­hohes Maß an Fachwissen erfordern. Für die tierärztliche ­Praxis wird damit deutlich, dass bei alternativen Nutztieren vor allem Erfahrung, Anpassungsfähigkeit und eine enge Zusammenarbeit mit den Betrieben über den Behandlungserfolg entscheiden.

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