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Antibiotikaeinsatz bei österreichischen Geflügelbetrieben

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
31.05.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 05/2026

Mag. Harald Schliessnig, Dr. Peter Mitsch

Der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika stellt eine der zentralen Herausforderungen der modernen Tierhaltung dar. Vor allem in Österreich hat sich die Geflügelbranche frühzeitig dieser Verantwortung gestellt: Mit dem Aufbau der PHD (Poultry Health Data) wurde ein umfassendes herdenbezogenes Datensystem geschaffen, das eine detaillierte Erfassung und Analyse von Behandlungen, Impfungen und Verbrauchsdaten ermöglicht. Dieses System bildet die Grundlage für eine gezielte Antibiotikaminimierung und unterstützt ­Betriebe, Tierärzt*innen und Behörden gleicher­maßen. Die kontinuierliche Reduktion des Antibiotika­verbrauchs in den letzten Jahren zeigt, dass durch ­transparente ­Datennutzung, Weiterbildung und konsequente ­Hygienemaßnahmen große Fortschritte möglich sind.

PHD – Poultry Health Data: Zentrales Datensystem der österreichischen Geflügel­branche

Bei PHD (Poultry Health Data) handelt es sich um ein elektronisches System zur Erfassung, Verarbeitung und Vernetzung umfangreicher Daten aus der gesamten ­österreichischen Geflügelwirtschaft. Dieses herdenbezogene Datenmanagementsystem wurde zwischen 2000 und 2002 entwickelt und programmiert und hat sich seitdem als unverzichtbares Werkzeug für Landwirt*innen, Tierärzt*innen und Veterinärbehörden etabliert.

Alle Mitgliedsbetriebe der QGV (Österreichische Qualitätsgeflügelvereinigung) verfügen über einen Onlinezugang zu PHD und profitieren von einer Vielzahl an Funktionen und Vorteilen. Zu den wichtigsten zählen:

  • Ein dynamischer Beprobungsplan für Elterntier- und Legehennenbetriebe mit integriertem Probenziehungs- und Erinnerungssystem.
  • Eine elektronische Ausfallliste mit automatischer Verknüpfung zum Herdenbestandsblatt
  • Umfassende Auswertungen, Statistiken und Benchmarks, einschließlich eines betriebsspezifischen Antibiotika-Rankings

Des Weiteren müssen alle Therapien, Impfungen und Ergebnisse der Salmonellenproben in das PHD-System ein­gegeben werden. Die Daten werden zum großen Teil auto­matisiert erfasst bzw. fristgebunden eingegeben.

Nachhaltige Reduktion des Antibiotikaverbrauchs

Seit 2011 konnte der Antibiotikaverbrauch in der ­österreichischen Geflügelwirtschaft signifikant gesenkt werden. Wurden 2011 noch insgesamt 4,71 Tonnen ­Antibiotika jährlich eingesetzt, so waren es im Jahr 2024 nur noch 2,17 Tonnen. Dies entspricht einer ­Reduktion um 2,54 Tonnen bzw. etwa 54 Prozent innerhalb von 13 Jahren. Diese erfreuliche Entwicklung ist dem umfangreichen Programm zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes zu verdanken, dem sich die gesamte Branche in Österreich verpflichtet hat (Nationaler Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz – NAP-AMR).

Kategorisierung der Antibiotikaverwendung

Seit dem Auswertejahr 2021 erfolgt die Auswertung des Antibiotikaverbrauchs unter Berücksichtigung der ­Kategorien der EMA (Europäische Arzneimittel-­Agentur). Diese Kategorisierung orientiert sich an der Relevanz der Antibiotika in der Humanmedizin und ­erfolgt in vier Gruppen:

  • Kategorie A: Antibiotika, die in der EU nicht als Tierarzneimittel zugelassen sind und daher in den Auswertungen nicht erscheinen.
  • Kategorie B: Antibiotika, die in der Humanmedizin von kritischer Bedeutung sind und nur in Ausnahmefällen und unter strenger veterinärmedizinischer Indikation zum Einsatz kommen sollten.
  • Kategorie C: Antibiotika, die in der Humanmedizin Alternativen haben, aber in der Tiermedizin ver­wendet werden können, wenn keine geeigneten Alternativen aus Kategorie D zur Verfügung stehen.
  • Kategorie D: Antibiotika, die als Mittel der ersten Wahl gelten und bei bakteriellen Infektionen in der Tierhaltung bevorzugt eingesetzt werden sollten.

Diese Kategorisierung fördert einen gezielten und ­verantwortungsbewussten Einsatz von Antibiotika. Die klare Unterscheidung nach Risikogruppen ermöglicht eine transparente Bewertung des Verbrauchs und bildet die Grundlage für weitere Maßnahmen zur Antibiotikaminimierung. Das Ziel bleibt, den Verbrauch von Antibiotika der Kategorien B und C kontinuierlich zu senken und den Einsatz von Kategorie D effizient und verantwortungsvoll zu gestalten.

Das vorrangige Ziel ist die kontinuierliche Reduktion des Antibiotikaeinsatzes. Wie die Praxiserfahrungen zeigen, ist eine weitere gewichtsbasierte Senkung mittelfristig kaum mehr möglich. Auch die Umstellung auf alter­native Haltungsformen bietet nur begrenztes Potenzial für zusätzliche Reduktionen. Es ist daher davon aus­zugehen, dass sich der Antibiotikaverbrauch in der ­Geflügelhaltung künftig auf dem derzeit erreichten Niveau stabilisieren wird, mit möglichen saisonalen Schwankungen, die primär durch unvorhersehbare Krankheitsausbrüche bedingt sind.

Die PHD-Datenbank trägt somit wesentlich dazu bei, diese differenzierte Betrachtung umzusetzen. Sie liefert wertvolle Entscheidungsgrundlagen für Betriebe, Tierärzt*innen und Behörden; im Sinne eines verant­wortungsvollen Zugangs zur Tiergesundheit und eines effektiven ­Resistenzmanagements. Um diese Senkung und darauffolgende Stabilisierung des Antibiotikaverbrauchs in österreichischen Geflügelbetrieben zu erreichen, wurde eine Vielzahl von unterschiedlichen Maßnahmen gesetzt.

Besonders wichtig war und ist die Weiterbildung und Motivation der Landwirt*innen. In zahlreichen Weiterbildungsveranstaltungen und auch persönlichen Gesprächen wurde die Situation erklärt und die Notwendigkeit der Reduktion des Antibiotikaeinsatzes erläutert. Alle Beteiligten (Landwirt*innen, aber auch Tierärztinnen, Beraterinnen, Integrationen, Futtermittelfirmen etc.) müssen verstehen, warum es sinnvoll und notwendig ist, möglichst wenig Antibiotika zu verbrauchen. Gleichzeitig müssen die Sorgen der Landwirt*innen ernst genommen werden, und es muss klar sein, dass erkrankte Tiere und Herden die nötige Therapie weiterhin bekommen. Das gemeinsame Ziel muss sein, trotz eines geringeren Antibiotikaeinsatzes den Gesundheitsstatus weiter zu verbessern.

Hilfreich war auch das Benchmarking-System im PHD. Jeder Betrieb kann in der Datenbank der QGV seine Verbrauchsdaten einsehen und sieht auch den Vergleich zum Durchschnitt aller anderen Betriebe der gleichen Nutzungsart, wobei diese Daten anonymisiert dar­gestellt sind und keine Rückschlüsse auf die Daten von anderen Betrieben zulassen. Die ­Verbrauchsmenge wird in DDDvet (Defined daily doses for animals) angegeben. Der Vorteil dieser etwas komplexeren Berechnung des Verbrauchs ist die Vergleichbarkeit der Betriebe. Aufgrund der Verbrauchszahlen werden die ­Betriebe in vier Kategorien eingeteilt (Abb. 2): Top-Betriebe (Verbrauch = 0), normale Betriebe (Verbrauch >   0 bis 2 DDDvet), Betriebe mit erhöhtem Verbrauch (>   2 bis 3,5) und auffällige Betriebe (Verbrauch >   3,5).

Betriebe mit auffällig hohem Verbrauch werden jedes Jahr verständigt und vom QGV (oft gemeinsam mit dem Betreuungstierarzt bzw. der Betreuungstierärztin) besucht. Bei diesem Besuch werden die Verbrauchsdaten diskutiert, die Situation im Betrieb wird evaluiert und es wird versucht, die Gründe für den erhöhten Verbrauch he­rauszufinden. Der Landwirt bzw. die Landwirtin erstellt dann zusammen mit der jeweiligen Betreuungstierärzt*in ein Konzept zur Senkung des Verbrauchs, das an die QGV gesandt wird.

Ansatzpunkte für Veränderungen liegen oft im Bereich der Biosicherheit und Hygiene. Gerade bei der Reinigung und Desinfektion gibt es Verbesserungs­potenzial, das rasch gute Ergebnisse bringt. Zielgerichtete Des­infektion gegen gewisse Krankheitserreger (zum Beispiel Kokzidien) sowie generell eine gründlichere Reinigung vor der Desinfektion mit einem Reinigungsmittel sorgen für einen guten Start mit einer neuen Herde. Ein gutes Biosicherheitskonzept mit funktionierender Hygiene­schleuse in jedem Betrieb ist Grundvoraus­setzung für eine gesunde Herde und bietet auch bestmöglichen Schutz vor gefährlichen Erkrankungen wie Aviärer Influenza oder Salmonelleninfektionen.

Die Überprüfung des Managements ist ein weiterer kritischer Punkt. Durch optimale Gestaltung der Bedingungen im Stall können sich die Tiere gut entwickeln und gesund bleiben. Regelmäßige Tierbeobachtung, die Kontrolle der inneren Körpertemperatur sowie der Boden- und Umgebungstemperatur sind hier im Mastbereich wichtige Faktoren. Bei Legehennen ist das Vermeiden von direkter Zugluft auf die Tiere vor allem in der Nacht von großer Bedeutung. Regelmäßige Stallklima-Checks oder auch durchgehende Messungen der wichtigsten Parameter wie Temperatur, CO2-Gehalt und Luftfeuchtigkeit über einen längeren Zeitraum helfen, Schwachstellen zu finden.

Komplexere Krankheitsbilder wie Infektionen mit Enterococcus cecorum, die oft für einen erhöhten Antibiotikaeinsatz verantwortlich sind, erfordern eine breit aufgestellte Herangehensweise. Auch hier können die Verbesserung der Hygiene sowie die Überprüfung der Tränkewasserhygiene, die Stabilisierung der Darmflora, die Optimierung des Stallklimas und die Zusammen­arbeit mit dem Futtermittellieferanten dazu beitragen, die Probleme zu überwinden.

Wichtig ist aber auch zu erkennen, dass der Landwirt / die Landwirtin nicht an allem schuld ist: Bei schlechter Kükenqualität helfen der sauberste Stall und das beste Management nicht immer. Daher müssen beim Bemühen, den Antibiotikaeinsatz zu verringern, alle Ebenen der Produktion beachtet werden. Die Gesundheit der ­Elterntiere ist genauso wichtig wie die Hygiene und gute Produktion in der Brüterei. Probleme müssen auch auf diesen Ebenen angesprochen und beseitigt werden.

Es gilt aber auch, eine Übermotivation der Landwirt*innen und Tierärzt*innen zu vermeiden: Manchmal ist man so darauf fixiert, möglichst wenig Antibiotika einzusetzen, dass der Gesundheitsstatus darunter leidet. Hier muss darauf geachtet werden, dass erkrankte Tiere jedenfalls rechtzeitig die nötige Therapie bekommen. Tierschutz muss hier immer vorrangiges Ziel sein.
Das Verringern des Antibiotikaeinsatzes ist ein wich­tiges Ziel, das nicht immer ganz einfach erreicht ­werden kann. Nur durch das gemeinsame Bemühen aller ­Beteiligten kann die Reduktion bei gleichzeitiger ­Erhaltung oder sogar Verbesserung des Gesundheitsstatus ermöglicht werden.

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