Forschung

Der Haarfollikel als hochdynamisches, zyklisch regenerie­rendes Mini-Organ

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
10.07.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 06/2026

Mag. Silvia Stefan-Gromen

Erkrankungen, die den Haarfollikel betreffen, sind bei Haustieren häufig, aber trotz der Bedeutung einer in­takten Hautbarriere und eines voll funktionsfähigen Haar­mantels ist das Wissen über die detaillierten morphologischen Merkmale und die Vielfalt dieser komplexen Miniorgane oft begrenzt, obwohl es obligatorisch ist, um Hautbiopsien mit einer Vorgeschichte von Alopezie zu bewerten.

Die Übersichtsarbeit von Monika M. Welle in ­Veterinary Pathology (2023) fasst den heutigen Wissensstand zur Struktur, Entwicklung und Regeneration des Haar­follikels zusammen und hat direkte Relevanz für die ­dermatologische und dermatopathologische Praxis in der Tiermedizin. Der Haarfollikel wird darin als hochdynamisches, zyklisch regenerierendes Mini-Organ beschrieben, dessen Verständnis die Grundlage für die korrekte Interpretation zahlreicher Hautbiopsien bei Hund und Katze bildet. Gerade bei Alopezien ist die ­Beurteilung ohne Kenntnis der physiologischen Abläufe des Haarzyklus oft nicht zuverlässig möglich.
Anatomisch gliedert sich der Haarfollikel in Infundi­bulum, Isthmus und den unteren Follikelabschnitt mit dem Bulbus. Besonders der untere Anteil unterliegt während des Haarzyklus starken Umbauprozessen: In der Anagenphase ist er vollständig ausgebildet und metabolisch aktiv, während es in der Katagenphase zu einer kontrollierten Regression kommt; in der Telogenphase bleibt nur eine reduzierte Struktur bestehen, die in der nächsten Anagenphase wieder vollständig neu aufgebaut wird. Für die Histopathologie ist diese ­Dynamik entscheidend, da die Beurteilung der Haar­zyklusphase Rückschlüsse auf physiologische oder ­pathologische Prozesse erlaubt. Fehlinterpretationen entstehen ­häufig, wenn diese zyklischen Verände­rungen nicht berücksichtigt werden.

Ein zentraler Schwerpunkt in Welles Arbeit liegt auf der Rolle follikulärer Stammzellen. Diese befinden sich ins­besondere im sogenannten Bulge-Bereich sowie im sekundären Haarkeim und sind für die kontinuierliche Regeneration des Haarfollikels verantwortlich. Darüber hinaus spielen sie eine wichtige Rolle bei der epidermalen Reparatur nach Hautverletzungen. Ihre Aktivierung und ihre Ruhe werden durch ein fein abgestimmtes Netzwerk aus Signalwegen gesteuert. Besonders hervorzuheben sind dabei WNT/β-Catenin-, BMP-, Sonic-Hedgehog-, NOTCH-, FGF- und TGF-β-Signalkaskaden. Das Gleichgewicht zwischen aktivierenden (insbesondere WNT) und hemmenden (insbesondere BMP) Signalen bestimmt, ob ein Haarfollikel in eine neue Wachstumsphase eintritt oder in Ruhe verbleibt.

Auch die Morphogenese des Haarfollikels wird in Welles Arbeit detailliert dargestellt. Hunde und Katzen werden mit relativ einfachen Follikelstrukturen geboren, während sich die charakteristischen zusammengesetzten Haarfollikel des Hundes erst postnatal entwickeln. Diese Entwicklung ist nicht nur morphologisch relevant, sondern auch funktionell bedeutsam für Felltyp, Dichte und Haar­qualität. Die Arbeit betont zudem die Bedeutung weniger, aber stark wirksamer genetischer Faktoren, die den Felltyp beim Hund wesentlich beeinflussen. Besonders hervorgehoben werden hier Gene wie FGF5, RSPO2 und KRT71, die mit Haarlänge, Struktur und Lockenbildung in Verbindung stehen und auch in der Zuchtmedizin ­zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Für die klinische Praxis ist besonders relevant, dass viele der beschriebenen Mechanismen ursprünglich aus Nagermodellen stammen und nur teilweise direkt auf Hund und Katze übertragen wurden. Dennoch gelten die grundlegenden Prinzipien der Haarfollikelbiologie als über Speziesgrenzen hinweg konserviert. Die Studienautorin weist gleichzeitig auf erhebliche Wissens­lücken in der veterinären Dermatologie hin, insbesondere im Bereich der molekularen Regulation bei Haustieren.

Zusammenfassend liefert die Arbeit eine ­strukturierte und praxisnahe Grundlage für das Verständnis der Haarfollikelbiologie in der Veterinärmedizin. Für Tierärzt*innen bedeutet dies konkret, dass die Interpretation von Hautbiopsien zwingend die Haarzyklusphase berücksichtigen muss – und dass ein vertieftes Verständnis der follikulären Dynamik die diagnostische Sicherheit bei Alopezien deutlich verbessert. Zudem eröffnen die beschriebenen Signalwege perspektivisch neue therapeutische Ansatzpunkte für die Behandlung von Haarwachstumsstörungen, auch wenn dies derzeit noch überwiegend experimentellen Charakter hat.

Quelle

Hair follicle structure, morphogenesis, regeneration and basic priniciples of failure; Monika Welle, https://doi.org/10.1177/03009858231176561

Veranstaltungshinweis

Die Studienautorin Monika M. Welle ist auch Vortragende beim 36th European Veterinary Dermatology Congress – Donnerstag, 27. August 2026, bis Samstag, 29. August 2026, in Lille, Frankreich; https://www.esvd-ecvdcongress.com/