Ausgabe 09/2026
Dr. Sophie Hanak
Fluoreszenzfarbstoffe können die Abgrenzung von Tumorgewebe während einer Operation verbessern. Bei Hunden mit Weichteilsarkomen wird derzeit untersucht, ob sich dadurch häufiger eine vollständige Entfernung erreichen lässt. Die Forschung ist auch für die Humanmedizin relevant, da sich Sarkome bei Hund und Mensch stark ähneln.
Weichteilsarkome gehören zu den häufigeren Tumorerkrankungen beim Hund. Für die Prognose ist entscheidend, ob der Tumor bereits bei der ersten Operation vollständig entfernt werden kann. Das ist jedoch nicht immer möglich: Da sich mikroskopische Tumorausläufer intraoperativ nicht erkennen lassen, werden Weichteilsarkome in bis zu 50 Prozent der Fälle nicht vollständig reseziert. Ein Grund dafür ist das infiltrative Wachstum: Tumorausläufer können über die makroskopisch erkennbare Grenze hinaus in das umliegende Gewebe reichen.
„Die Tumorgrenzen sind nur mit dem Auge nicht vollständig erkennbar, da Sarkome mit feinen Ausläufern in das umliegende Gewebe wachsen können“, erklärt Prof. Dr. Mirja Nolff, Leiterin der Abteilung für Weichteil- und Tumorchirurgie des Universitären Tierspitals Zürich. Auch ein definierter Sicherheitsabstand reicht deshalb nicht in jedem Fall aus.
Eine erste Studie untersuchte, ob ein Fluoreszenzfarbstoff diese Tumorausläufer während der Operation sichtbar machen kann. Eingeschlossen wurden 20 Hunde mit Weichteilsarkomen; zehn wurden konventionell operiert, zehn erhielten am Tag vor dem Eingriff den zielgerichteten Fluoreszenzfarbstoff Angiostamp intravenös. Das Fluoreszenzsignal wird während der Operation mit einem speziellen Kamerasystem dargestellt.
Bei vier der zehn Hunde, die Angiostamp erhalten hatten, wurde aufgrund des Fluoreszenzsignals zusätzliches Tumorgewebe entfernt. Ohne den Farbstoff wären diese Bereiche nicht als Tumorgewebe erkannt worden. Bei diesen vier Patienten hätte auch der ursprünglich geplante Sicherheitsabstand nicht ausgereicht. „Wir sind immer noch sehr überrascht, wie gut dieser Farbstoff funktioniert. Das hätten wir nicht erwartet“, sagt Nolff. Nebenwirkungen wurden bei den Hunden der Pilotstudie nicht beobachtet. Angiostamp befindet sich allerdings noch in einer frühen Prüfphase und ist derzeit nicht zugelassen.

Gezielter Farbstoff im Vergleich mit ICG
Angiostamp gehört zu den zielgerichteten Fluoreszenzfarbstoffen. Dafür werden bestimmte Proteine genutzt, die auch in gesundem Gewebe vorkommen können, in Tumoren aber deutlich häufiger vorhanden sind. An den Fluoreszenzfarbstoff ist ein Molekül gekoppelt, das eine solche Zielstruktur erkennt und diese an den Farbstoff bindet. „Der Farbstoff funktioniert nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Er erkennt spezifische Proteine auf den Tumorzellen und bindet gezielt an diese“, erklärt Nolff.
Ein anderes Prinzip nutzt Indocyaningrün, kurz ICG. Dieser Fluoreszenzfarbstoff ist bereits als Medikament verfügbar und vergleichsweise kostengünstig, bindet aber nicht gezielt an Tumorzellen. ICG funktioniert auf die Weise, dass sich der Farbstoff die erhöhte Durchlässigkeit neu gebildeter Tumorgefäße zunutze macht. Nach der intravenösen Verabreichung kann ICG aus diesen Gefäßen austreten und sich im Tumorgewebe anreichern. Da eine erhöhte Gefäßdurchlässigkeit auch bei Entzündungen vorkommen kann, ist das Fluoreszenzsignal jedoch nicht tumorspezifisch.
Ob die gezielte Bindung von Angiostamp tatsächlich bessere Ergebnisse liefert als ICG, wird derzeit in der vom Schweizer Nationalfonds finanzierten „VISION“-Studie untersucht. Insgesamt sollen 80 Hunde eingeschlossen werden; eine Hälfte erhält Angiostamp, die andere ICG. „Wir gehen davon aus, dass ein Farbstoff, der so gebaut wurde, dass er Tumorzellen erkennt, wahrscheinlich besser funktioniert als einer, der unspezifisch ist. Aber das hat bis jetzt noch niemand bewiesen“, sagt Nolff. Ein direkter Vergleich beider Fluoreszenzfarbstoffe soll diese Frage klären.

Fluoreszenz in der tierärztlichen Praxis
Ein Einsatz der fluoreszenzgestützten Darstellung von Tumorgrenzen bei Sarkomen ist in der normalen tierärztlichen Praxis derzeit nur eingeschränkt möglich. Das Verfahren erfordert sehr empfindliche Kamerasysteme und eine entsprechende technische Ausstattung des Operationssaals. Auch störendes Umgebungslicht muss bei der Bildgebung berücksichtigt werden. Aufgrund dieser Anforderungen ist die fluoreszenzgestützte Sarkomchirurgie derzeit vor allem für spezialisierte Zentren geeignet.
Andere Anwendungen der Fluoreszenzbildgebung lassen sich dagegen bereits heute in der tierärztlichen Praxis einsetzen. Dazu gehört das Wächterlymphknoten-Mapping, bei dem die für den Lymphabfluss eines Tumors relevanten Lymphknoten sichtbar gemacht werden. Dafür kann das bereits verfügbare ICG verwendet werden, zudem sind weniger aufwendige Kamerasysteme ausreichend. Das Verfahren kommt beispielsweise bei häufigen Tumoren wie Mastzelltumoren oder Mammatumoren infrage. Untersuchungen bestätigten bereits, dass die mittels Fluoreszenz dargestellten Lymphknoten tatsächlich den entsprechenden Wächterlymphknoten entsprechen.
„Für Praxen, die regelmäßig onkologische Patienten operieren, kann die Anschaffung entsprechender Systeme in Verbindung mit einer gezielten Ausbildung sinnvoll sein“, sagt Nolff. In Praxen mit einem entsprechenden onkologischen Schwerpunkt könnte die Fluoreszenzbildgebung in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren zunehmend zum Standard werden.

Bedeutung für die Humanmedizin
Sarkome des Hundes ähneln jenen des Menschen stark, treten beim Menschen aber viel seltener auf. Dadurch stehen für klinische Untersuchungen vergleichsweise wenige Patient*innen zur Verfügung. Beim Hund kommen Sarkome wesentlich häufiger vor; zudem entstehen die Tumoren spontan. Hunde leben in derselben Umwelt wie Menschen und sind vergleichbaren Umwelteinflüssen ausgesetzt – dadurch eignen sich spontan erkrankte Hunde besonders für die vergleichende onkologische Forschung.
Veterinärmedizinische Studien könnten zeigen, ob neue Wirkprinzipien unter klinischen Bedingungen funktionieren und ob eine weitere Entwicklung auch für die Humanmedizin sinnvoll sein könnte. Gleichzeitig erhalten die teilnehmenden Hunde eine Behandlung ihrer bestehenden Erkrankung und können so von neuen Verfahren profitieren. „Die Veterinärmedizin kann hier eine wichtige Grundlage schaffen, da sich neue Wirkprinzipien bei Erkrankungen mit hohen Patientenzahlen systematisch untersuchen lassen, während vergleichbare Erkrankungen beim Menschen deutlich seltener auftreten“, sagt Nolff.

Die bisherigen Untersuchungen haben bereits zu engerer Zusammenarbeit zwischen Veterinärmedizin und Humanmedizin geführt. Gemeinsam mit Humanchirurg*innen wurde ein Konsens zur Standardisierung der fluoreszenzgestützten Sarkomchirurgie erarbeitet. Einheitliche Vorgehensweisen sollen die Vergleichbarkeit zukünftiger Untersuchungen verbessern.
Parallel werden weitere Ansätze untersucht. Die Forschungsgruppe entwickelt eigene zielgerichtete Farbstoffe und kombiniert in einer weiteren Studie die Fluoreszenzbildgebung mit PET-CT-Untersuchungen. Damit soll bereits vor der Operation geprüft werden, welche Zielstruktur für einen bestimmten Tumor geeignet ist. Weil Sarkompatienten einen besonderen Bedarf für hochpräzise Chirurgie und innovative Therapie haben, wurde in Zürich erstmalig in der Tiermedizin auch eine spezialisierte Sprechstunde für die Besitzer*innen von betroffenen Hunden und Katzen ins Leben gerufen. Ziel ist es, betroffenen Tieren (und auf diesem Weg auch den Besitzer*innen) die modernsten Therapieoptionen und eine lebenslange Begleitung anzubieten.
Aber auch Mammatumore und Lungentumore könnten künftig mit Fluoreszenz untersucht werden. Langfristig sollen erfolgreiche Farbstoffe bis zur Zulassung weiterentwickelt werden und auch für die Veterinärmedizin finanzierbar bleiben.
Die fluoreszenzgestützte Chirurgie könnte die Behandlung von Weichteilsarkomen künftig präziser machen. Größere Studien müssen noch zeigen, welchen Stellenwert zielgerichtete Farbstoffe in der klinischen Routine erreichen können. Beim Wächterlymphknoten-Mapping wurde der Vorteil bereits belegt, damit bestehen bereits Möglichkeiten für einen breiteren Einsatz. Die Forschung an spontan erkrankten Hunden verbindet dabei veterinärmedizinischen Nutzen mit Erkenntnissen, die auch für die Humanmedizin relevant sein können.



