Ausgabe 09/2026
Dr. Janina Rauch
Ein Interview mit Dr. Deborah Rohner, Dip. ECVS, Fachtierärztin für Kleintierchirurgie, zu neuen Möglichkeiten.
Eine Wunde richtig einzuschätzen, die passende Versorgung zu wählen und den korrekten Zeitpunkt für weiterführende Maßnahmen zu erkennen – das gehört zum klinischen Alltag. Zugleich bietet die moderne Wundversorgung heute zahlreiche Möglichkeiten; von innovativen Wundauflagen und regenerativen Verfahren bis zur Negative Pressure Wound Therapy (NPWT).
Dr. Deborah Rohner, Dip. ECVS, ist Fachtierärztin für Kleintierchirurgie und seit 2020 Oberärztin für Chirurgie an der Kleintierklinik der Universität Bern. Ihre Schwerpunkte liegen in der Weichteil- und Tumorchirurgie. Ab September 2026 wird sie als Oberärztin für Weichteil- und Tumorchirurgie am Tierspital der Universität Zürich tätig sein.
Im Interview spricht Rohner über relevante Entwicklungen in der modernen Wundversorgung, den gezielten Einsatz der VAC-Therapie und die Auswahl geeigneter Wundauflagen. Zudem geht es um typische Fehler, den sinnvollen Einsatz von Antibiotika sowie neue Verfahren wie PRP, PRF und bioaktive Wundauflagen – und darum, welche Methoden bereits gut belegt sind und wo die Evidenz noch begrenzt ist.

Wie hat sich die Wundversorgung entwickelt – und welche Erkenntnisse sind klinisch besonders relevant?
DR. DEBORAH ROHNER: In den letzten Jahren hat sich die Wundversorgung deutlich weiterentwickelt, sowohl bei der Wundbeurteilung als auch bei der eigentlichen Wundbehandlung. Bei der Wundbeurteilung hat sich vor allem das TIME-Konzept (Tissue, Infection/Inflammation, Moisture, Edge) als Beurteilungsraster etabliert. Das ist ein systematischer Ansatz, der die Behandlung konsequent an der jeweiligen Heilungsphase ausrichtet, statt schematisch vorzugehen. Bei der Wundbehandlung ist auf therapeutischer Seite enorm viel Neues dazugekommen; die Evidenzlage ist allerdings sehr unterschiedlich zu bewerten. Bei einigen Verfahren würde ich die Evidenz inzwischen als gut bezeichnen: Autologes plättchenreiches Plasma (PRP) beziehungsweise plättchenreiches Fibrin (PRF) haben inzwischen auch bei der Katze – einer Spezies, die im Vergleich zum Hund verzögert heilt – gute Daten zur Beschleunigung der Wundheilung gezeigt.
Ebenso gewinnen bioaktive Wundauflagen auf Basis extrazellulärer Matrix an Bedeutung, die die Epithelialisierung nachweislich fördern können. Allerdings ist zu erwähnen, dass es speziell für die Tiermedizin zugelassene und vermarktete ECM-Produkte derzeit in Europa praktisch nicht gibt. Es gibt nur Humanprodukte, die in der Kleintierpraxis im Rahmen des tierärztlichen Ermessens (Umwidmung) eingesetzt werden. Ein weiteres spannendes Feld sind azelluläre Fischhaut-Transplantate, vor allem aus Tilapia, die in ersten Fallserien und Fallberichten bei Hund und Katze an ausgedehnten Wunden oder Verbrennungen eine gute, komplikationsarme Wundheilung gezeigt haben. Aktuell ist diese Technik allerdings noch mit vergleichsweise hohen Kosten verbunden.
Bei anderen Verfahren ist die Evidenz dagegen noch etwas unklar: Bei der Photobiomodulation (Licht-/Lasertherapie zur Stimulation der Zellaktivität) zeigen kontrollierte Studien an offenen Wunden bislang keinen konsistenten Zusatznutzen, obwohl sie bei dermatologischen Indikationen durchaus wirksam sein kann. Auch zu Kaltplasma (Cold Atmospheric Plasma) gibt es erste Ergebnisse mit antimikrobiellen und wundheilungsfördernden Effekten; die Datenlage stützt sich bislang aber überwiegend auf retrospektive Fallserien und kleinere Studien, sodass hier noch kontrollierte Studien mit größeren Fallzahlen fehlen. Insgesamt sehe ich es daher als wichtig an, nicht jede „moderne“ Therapie unreflektiert als der etablierten Standardversorgung überlegen anzusehen, sondern die Evidenzlage jedes einzelnen Verfahrens kritisch einzuordnen.

Für welche Patienten und Wundtypen eignet sich die Negative Pressure Wound Therapy (VAC-Therapie) besonders – und welche Vorteile bietet sie gegenüber konventionellen Verbänden?
DR. DEBORAH ROHNER: Die VAC-Therapie eignet sich für großflächige, kontaminierte oder infizierte Wunden mit ausgeprägter Exsudation sowie zur Konditionierung des Wundbetts vor größeren rekonstruktiven Eingriffen, beispielsweise mit Hautlappenplastik (Flap) oder Hauttransplantation (Free Graft). Auch nach der Hauttransplantation kann die VAC-Therapie eingesetzt werden, um einen guten Kontakt zwischen Graft und Wundbett zu gewährleisten und damit die Einheilung zu unterstützen.
Gegenüber konventionellen Verbänden bietet die VAC-Therapie den Vorteil einer kontinuierlichen Reduktion von Ödem und Wundexsudat sowie einer mechanischen Stimulation der Granulationsgewebebildung. Zudem sind in der Regel weniger Verbandwechsel notwendig, was sowohl für den Patienten als auch für das Praxisteam eine Entlastung darstellen kann.
Allerdings ist die VAC-Therapie nicht für jeden Patienten und jede Wundlokalisation gleich gut geeignet. Insbesondere die sichere Abdichtung der Wunde kann je nach Lokalisation eine Herausforderung darstellen und beeinflusst wesentlich die Funktion und Effektivität des Systems. Auch die Akzeptanz ist individuell unterschiedlich, sodass bei manchen Tieren die konventionelle Wundversorgung letztlich die praktikablere Lösung darstellen kann.

Wann sollte bei einer Wunde an eine Überweisung gedacht werden? Gibt es typische Situationen, in denen wertvolle Zeit verloren geht – oder moderne Verfahren zu spät eingesetzt werden?
DR. DEBORAH ROHNER: Bei großflächigen Brandwunden ist eine frühzeitige Überweisung wichtig. Hier ist neben der lokalen Wundversorgung häufig mit ausgeprägten systemischen Effekten wie etwa Flüssigkeitsverlusten, Elektrolyt-Entgleisungen oder erhöhtem Sepsis-Risiko zu rechnen. Das erfordert eine intensivmedizinische Betreuung, die in der Allgemeinpraxis meist nicht leistbar ist. Generell sollte eine Überweisung erwogen werden, wenn eine Wunde trotz adäquater Erstversorgung keine Heilungstendenz zeigt – sowie bei ausgedehntem Substanzverlust, der eine Deckung durch eine Hautlappenplastik oder Transplantation erfordert. Zeit geht häufig verloren, wenn trotz ungünstigem Wundverlauf zu lange konventionell behandelt oder heilungsverzögernde Komorbiditäten wie Diabetes und Immunsuppression nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Wo sehen Sie die häufigsten Fehler in der Wundversorgung im Praxisalltag? Welche Maßnahmen können die Wundheilung sogar verschlechtern?
DR. DEBORAH ROHNER: Häufige Fehler sind zytotoxische Spüllösungen oder zu aggressive Antiseptika auf gesundem Granulationsgewebe sowie eine unzureichende Wundreinigung bei stark exsudierenden Wunden. Auch eine zu kleinflächige Rasur kann die Versorgung erschweren. Besonders problematisch ist der primäre Verschluss von Penetrations- und Bisswunden, da sich darunter devitalisiertes Gewebe und tief eingebrachte Bakterien verbergen können – ein vorschneller Verschluss begünstigt Infektionen und Abszesse. Ein chirurgischer Wundverschluss sollte daher erst bei sauberem, gut durchblutetem Wundbett und ohne übermäßige Spannung erfolgen. Auch Antibiotika werden häufig zu unkritisch eingesetzt: Nicht jede Wunde benötigt eine systemische Therapie; konsequentes lokales Wundmanagement ist oft entscheidender.
Die Auswahl an Wundauflagen und lokalen Therapieoptionen ist größer denn je. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Versorgung für eine Wunde geeignet ist?
DR. DEBORAH ROHNER: Die Wahl der Wundauflage richtet sich in erster Linie nach der Heilungsphase und dem aktuellen Zustand der Wunde. In der exsudativen beziehungsweise nekrotischen Phase kommen saugfähige, nicht adhärente Schaumverbände oder Alginate zum Einsatz. Sobald sich sauberes Granulationsgewebe gebildet hat, kann man auf feuchtigkeitsregulierende Auflagen wie Hydrogele wechseln, um die Epithelialisierung zu unterstützen. Grundsätzlich verfolgen wir dabei das Prinzip der feuchten Wundheilung. Mindestens ebenso wichtig wie die Wahl der Wundauflage ist, wie wir diese am Patienten befestigen: Ein guter Verband hält die Wundauflage sicher an ihrem Platz, polstert und schützt die Wunde und trägt dazu bei, ein warmes und feuchtes Wundmilieu aufrechtzuerhalten. Sobald ein Verband rutscht, durch Wundsekret oder andere Flüssigkeit durchnässt ist, sollte er gewechselt werden. Bei schwierig zu bandagierenden Körperstellen greife ich gerne auf Tie-over-Verbände zurück. Sie fixieren die Wundauflage zuverlässig und ermöglichen zugleich einfache Verbandwechsel und Wundkontrollen.

Welche Rolle spielen Antibiotika in der Wundversorgung, wann sind sie indiziert und welchen Beitrag leistet gutes Wundmanagement zum verantwortungsvollen Einsatz?
DR. DEBORAH ROHNER: Eine Antibiotikatherapie ersetzt niemals gutes Wundmanagement. Eine kontaminierte Wunde ist nicht automatisch infiziert und benötigt nicht grundsätzlich systemische Antibiotika. Entscheidend sind klinische Infektionszeichen und das Risiko einer Ausbreitung. Bei ausgedehnten, stark kontaminierten oder penetrierenden Wunden, insbesondere mit Gelenk- oder anderer kritischer Strukturbeteiligung, sowie bei immunsupprimierten Patienten, kann eine systemische Therapie sinnvoll sein, möglichst gezielt nach Kultur und Antibiogramm.
Konsequentes lokales Wundmanagement mit Reinigung, Débridement, Entfernung von Fremdkörpern und avitalem Gewebe sowie adäquater Drainage reduziert die bakterielle Belastung und kann den Einsatz systemischer Antibiotika häufig vermeiden. Ergänzend setze ich bei Bedarf gerne medizinische Manuka-Honig-Salben oder Wundauflagen zur lokalen antimikrobiellen Wirkung ein.
Gibt es Techniken, die derzeit noch Spezialkliniken vorbehalten sind, künftig aber auch in der allgemeinen Kleintierpraxis an Bedeutung gewinnen könnten?
DR. DEBORAH ROHNER: Ich denke, dass die patientennahe Herstellung von PRP beziehungsweise PRF auch in der Allgemeinpraxis Einzug halten wird. Mittels kompakter Tischzentrifugen ist die Technik inzwischen relativ einfach und kostengünstig anwendbar. Auch NPWT-Systeme werden durch kompaktere, portable Geräte zugänglicher.
Hier finden Sie eine ergänzende Literaturliste (Auswahl neuerer Publikationen).