Ausgabe 10/2026
Dr. Sophie Hanak
Adipositas erhöht bei Hunden und Katzen das Risiko für zahlreiche Erkrankungen und kann die Lebenserwartung verkürzen. Prävention und Gewichtsmanagement sollten deshalb fester Bestandteil der tierärztlichen Betreuung sein.
Fakten:
Übergewicht verursacht Begleiterkrankungen, u. a. etwa Gelenkerkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme.
Die Lebenserwartung von adipösen Hunden und Katzen verkürzt sich im Durchschnitt um zwei bis drei Jahre.
Gewichtszunahmen erfolgen meist durch eine Überversorgung mit Energie in der Nahrung.
Adipositas und Übergewicht zählen zu den häufigsten Diagnosen in der Veterinärmedizin, sind aber nur selten der Grund für einen Praxisbesuch. Veränderungen des Ernährungszustands müssen daher während der Routineuntersuchungen aktiv erkannt und angesprochen werden.
Die Gewichtsentwicklung sollte bereits beim Welpen kontrolliert werden. Wachstumskurven helfen dabei, eine zu schnelle Gewichtszunahme zu erkennen. Auch im weiteren Verlauf sollten Körpergewicht und Ernährungszustand bei Routinebesuchen dokumentiert werden. Hat ein Tier seit der letzten Impfung deutlich zugenommen, bietet der Vergleich mit früheren Werten einen konkreten Anlass, die Gewichtsentwicklung anzusprechen. Tierhalter*innen fällt eine langsame Zunahme häufig nicht auf, da sie ihr Tier täglich sehen.

Das Körpergewicht allein erlaubt jedoch keine ausreichende Beurteilung des Ernährungszustands – Körpergröße und Körperbau müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Ergänzend sollte deshalb der Body Condition Score (BCS) bestimmt werden. Diese numerische Einordnung erleichtert nicht nur die Beurteilung im Verlauf, sondern auch die Kommunikation. „Wenn ich sage, ein Hund sei zu dick, können sich die Tierbesitzer angegriffen fühlen. Mit einem BCS von 8 und einem Zielwert von 5 lässt sich dagegen sachlich erklären, dass der Hund etwa 30 Prozent Übergewicht hat“, erläutert Priv.-Doz. Dr. Petra Kölle, Oberärztin der Ernährungsberatung an der LMU München.
Wird die gesundheitliche Bedeutung des Übergewichts nicht erkannt, kann die Lebenserwartung ein weiterer Ansatzpunkt für das Gespräch sein. „Adipositas kann die Lebenszeit eines Hundes um zwei bis drei Jahre verkürzen. Bei kleineren Hunden kann der Unterschied besonders groß sein. Für Yorkshire Terrier etwa beträgt er zwischen idealgewichtigen und adipösen Tieren bis zu drei Jahre“, betont Kölle.
Rasse, Kastration und Alter beeinflussen das Risiko
Neben der Fütterung beeinflussen Genetik und Rasse das Adipositas-Risiko – Möpse, Beagles, Dackel und Labrador Retriever weisen eine Prädisposition auf. Bei Retrievern besteht eine Assoziation zwischen dem POMC-Gen und einem verminderten Sättigungsgefühl.
Auch die Kastration verändert den Energiebedarf: Dieser sinkt danach um etwa 20 Prozent. Die Energiezufuhr sollte daher unmittelbar reduziert oder auf ein Futter für kastrierte Tiere umgestellt werden. „Mit der Prävention sollte man am Tag der Kastration beginnen und die Fütterung direkt an den niedrigeren Energiebedarf anpassen“, sagt Kölle.
Der Energiebedarf verändert sich auch mit dem Alter: Bei älteren Hunden sinkt er häufig durch geringere Aktivität; Arthrosen oder Herzprobleme können die Bewegung zusätzlich einschränken. Bei sehr alten Katzen kann sich die Situation anders darstellen – Hyperthyreose und beginnende Nierenerkrankungen können mit einem erhöhten Energiebedarf und Gewichtsverlust verbunden sein.
Nicht jede Gewichtszunahme lässt sich durch eine zu hohe Energieaufnahme erklären. Bleibt eine Gewichtsreduktion trotz korrekt berechneter Ration aus, müssen medizinische Ursachen abgeklärt werden. Eine Hypothyreose kann beim Hund die Gewichtsabnahme erschweren. Auch Antiepileptika können eine Gewichtszunahme begünstigen.

Bei Katzen ist Übergewicht ein wichtiger Risikofaktor für Diabetes mellitus. Auch Harnwegserkrankungen und Blasensteine treten bei übergewichtigen Tieren auf. Stark adipöse Katzen können zudem so stark in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sein, dass die Körperpflege nicht mehr ausreichend möglich ist.
Bei Hunden stehen unter anderem Gelenkerkrankungen und Arthrosen im Zusammenhang mit Übergewicht. Eine Gewichtsreduktion entlastet den Bewegungsapparat und kann die klinische Situation verbessern. Auch Allergien und Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten bei adipösen Tieren auf, wobei die körperliche Belastbarkeit häufig eingeschränkt ist.
Energieaufnahme erfassen und Ration anpassen
Ist eine Gewichtsreduktion erforderlich, muss zunächst die tatsächliche Energieaufnahme ermittelt werden. Voraussetzung dafür ist eine vollständige Fütterungsanamnese. Neben dem Hauptfutter gehören dazu sämtliche zusätzlichen Energiequellen.
Gerade diese werden von Tierhaltenden häufig nicht als Teil der Ration wahrgenommen – doch Leckerli, Kauknochen, Tischreste, Leberwurst zur Medikamentengabe oder Öl zur Fellpflege können die Energiebilanz erheblich verändern. Bei kleinen Hunden können Leckerli 50 bis 80 Prozent des täglichen Energiebedarfs ausmachen. „Viele Tierhalter*innen sagen, dass sie bereits sehr wenig füttern. Dabei berücksichtigen sie häufig nur das Futter im Napf. Deshalb erfassen wir für die Rationsberechnung alles, was das Tier über den Tag aufnimmt“, erklärt Kölle.
Eine computergestützte Rationsberechnung macht dann sichtbar, wie hoch die tägliche Energiezufuhr ist und aus welchen Quellen sie stammt. Anschließend kann eine Reduktionsration erstellt werden. Dafür kommen kommerzielle Futtermittel, selbst gekochte Rationen oder eine Kombination beider Fütterungsformen infrage.
Nach der Erfassung der Energieaufnahme muss die Ration so angepasst werden, dass der Nährstoffbedarf trotz reduzierter Energiezufuhr gedeckt bleibt. Die Menge des bisherigen Alleinfutters einfach zu halbieren ist nicht sinnvoll, da damit auch die Zufuhr essenzieller Nährstoffe sinkt. Spezielle Reduktionsdiäten liefern weniger Energie, decken aber den Nährstoffbedarf. Sie enthalten weniger Fett, mehr Protein zum Erhalt der Muskelmasse und mehr Rohfaser für ein größeres Futtervolumen. „Es ist wichtig, dass das Tier während der Gewichtsreduktion weniger Energie aufnimmt, aber weiterhin bedarfsgerecht mit Nährstoffen versorgt wird. Genau deshalb reicht es nicht aus, einfach die Menge des normalen Futters zu halbieren“, sagt Kölle. Ein größeres Futtervolumen kann zugleich die Sättigung fördern und Bettelverhalten reduzieren. Auch Nassfutter kann Bestandteil der Reduktionsration sein. Leckerli müssen nicht vollständig gestrichen werden, ihre Energie muss jedoch in die Tagesration eingerechnet werden. Auch können kalorienarme Varianten sowie geeignete Gemüse- oder Obstsorten bei Hunden eingesetzt werden.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass beim Gewichtsmanagement neben der Energiezufuhr auch das Verhalten von Tier und Halter*innen berücksichtigt werden sollte. Betteln und Futtersuche können durch wiederholte Belohnung verstärkt werden: Erhält ein Tier beim Betteln gelegentlich Futter, kann gerade diese unregelmäßige Verstärkung dazu führen, dass das Verhalten besonders hartnäckig bestehen bleibt. Wird die Belohnung plötzlich eingestellt, kann sich das Bettelverhalten zunächst verstärken. Gleichzeitig können starke Futterrestriktionen Hunger, Futtersuchverhalten und Unruhe fördern und damit die Therapietreue der Tierhalter*innen beeinträchtigen. Die Autoren empfehlen deshalb, beim Gewichtsmanagement auch arttypisches Futtersuchverhalten zu ermöglichen, etwa durch Futtersuchspiele und andere Formen der Beschäftigung mit der Tagesration.
Die Gewichtsabnahme wird in erster Linie über die Energiezufuhr gesteuert. Der zusätzliche Effekt durch Bewegung fällt meist geringer aus als häufig angenommen. Bewegung bleibt dennoch Bestandteil der Therapie, da sie den Erhalt und Aufbau von Muskulatur sowie den Abbau von Fett unterstützt. Die körperliche Aktivität muss an den Gesundheitszustand angepasst werden – für Hunde mit Arthrose kommt beispielsweise Schwimmen oder Bewegung auf einem Unterwasserlaufband infrage. Bei Katzen lässt sich die Futteraufnahme gut mit Aktivität verbinden – Trockenfutter kann versteckt oder über Futterspiele angeboten werden.

Gewichtsabnahme kontrollieren
Für die Gewichtsreduktion ist ein langsamer, kontinuierlicher Verlauf anzustreben. Als Richtwert gilt eine Abnahme von etwa einem Prozent des Körpergewichts pro Woche. Auch 0,5 Prozent können ausreichend sein, wenn das Gewicht kontinuierlich sinkt.
„Die Gewichtsabnahme braucht Zeit. Eine schnelle Reduktion wollen wir nicht, weil die Aspekte Fütterung und Bewegung dauerhaft verändert werden müssen“, sagt Kölle.
Schon bei zehn Prozent Übergewicht erstreckt sich die Gewichtsreduktion über mehrere Wochen. Regelmäßige Kontrollen zeigen, ob die berechnete Ration zum gewünschten Gewichtsverlust führt oder angepasst werden muss. Das Gewicht soll dann auch zu Hause erfasst werden. „Ergänzend können die Tierhalter*innen Fotos des stehenden Tiers von oben und von der Seite zur Beurteilung des Körperzustands machen und uns schicken. Damit sind Verlaufskontrollen auch telemedizinisch möglich“ so Kölle.
Eine erfolgreiche Gewichtsreduktion endet nicht mit dem Erreichen des Zielgewichts. Entscheidend ist, die Energiezufuhr anschließend an den Erhaltungsbedarf anzupassen und das Gewicht weiter regelmäßig zu kontrollieren. Noch wirksamer ist es, eine Gewichtszunahme frühzeitig zu verhindern – regelmäßiges Wiegen und die Erhebung des Body Condition Scores bieten die Möglichkeit, Veränderungen bereits früh zu erkennen und die Fütterung entsprechend anzupassen.
Spezial-Sprechstunde:
An der Kleintierklinik der LMU München bietet die Abteilung für Ernährungsberatung die Spezial-Sprechstunde „Schlank und fit“ für übergewichtige Hunde und Katzen an. Auf Grundlage von Anamnese und Ernährungszustand wird ein individueller Diätplan erstellt und der Verlauf in regelmäßigen Abständen kontrolliert; die Betreuung ist auch telemedizinisch möglich.
Infos zur Spezial-Sprechstunde der LMU-Kleintierklinik finden Sie unter: Spezialsprechstunde „Schlank und fit“ – Kleintierklinik – LMU München



