Schwerpunkt

„Wir bieten eine Aufstockung der Studierenden an“

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
21.08.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 07-08/2026

Mag. Silvia Stefan-Gromen

Die Vetmeduni wurde erst vor Kurzem wieder erfolgreich durch die EAEVE akkreditiert – was bedeutet diese Auszeichnung für Studierende und Absolvent*innen?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Die EAEVE-Akkredi­tierung ist ein wichtiger Qualitätsnachweis. Internationale Gutachter*innen, diesmal von Universitäten aus Finnland, der Türkei, Norwegen, Italien und Rumänien, überprüften dabei, ob die Ausbildung den höchsten europäischen Standards entspricht – hier gibt es ganz klare Standards, ganz klare Vor­gaben. Für Studierende bedeutet dies die Sicherheit, an einer Uni­versität zu studieren, deren Ausbildung top und inter­national anerkannt ist; für die Vetmeduni ist die erfolgreiche Re­akkreditierung bereits zum dritten Mal eine Bestätigung der hohen Qualität in der Lehre und Ausbildung. Gleichzeitig ­liefert das Verfahren wertvolle Hinweise darauf, wo weitere ­Ver­besserungen möglich sind.

In welchen Bereichen hat die Universität besonders gut ab­geschnitten – und wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Insgesamt hat die Vetmeduni die Akkreditierung ohne besondere Auflagen bestanden, verbessern können wir noch die Evaluierung der Lehrveranstaltungen. Derzeit liegen die Rücklaufquoten der digitalen Befragungen bei etwa 15 bis 20 Prozent – die Gutachter*innen haben daher empfohlen, Maßnahmen zu entwickeln, um die Beteiligung der Studierenden weiter zu erhöhen. Inhaltlich wurde die Qualität der Ausbildung in Summe sehr positiv bewertet.

Gab es im Zuge der Vorbereitung auf die Akkreditierung An­passungen im Curriculum oder in der praktischen Ausbildung?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Die grundlegenden An­forderungen haben wir ja bereits erfüllt, da die Universität seit vielen Jahren akkreditiert ist. Die Vorbereitung bot jedoch Anlass, bestehende Prozesse kritisch zu überprüfen und wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Das betraf insbesondere Bereiche der Biosicherheit sowie organisatorische Details in den Kliniken. Darüber hinaus wurden kleinere infrastrukturelle Verbesserungen umgesetzt, etwa bei Spinden, Hygiene­einrichtungen oder der Ausstattung einzelner Klinikbereiche. Der Akkreditierungsprozess ist zwar sehr aufwendig, führt aber ­regelmäßig zu sinnvollen Optimierungen.

Wurden auch das Auswahlverfahren und der Zugang zum Studium unter die Lupe genommen? Anders gefragt: Spiegelt das aktuelle Auswahlverfahren die Kompetenzen wider, die man als Tierärztin oder Tierarzt benötigt – oder vor allem schulische Leistungen?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Das Auswahlverfahren soll in erster Linie sicherstellen, dass die Bewerber*innen das ­anspruchsvolle Studium erfolgreich absolvieren können. Vete­rinär­medizin erfordert nicht nur praktische Fähigkeiten, ­sondern auch umfangreiches theoretisches Wissen. Deshalb werden im Aufnahmeverfahren insbesondere jene Grundlagen überprüft, die für das Studium entscheidend sind. Die hohe Berufsquote unserer Absolvent*innen zeigt aus meiner Sicht, dass wir grundsätzlich die richtigen Kandidat*innen auswählen. Gleichzeitig ist klar: Bei rund 1.800 Bewerbungen auf 223 Studien­plätze er­halten viele geeignete und hoch ­motivierte Personen keinen ­Studienplatz, obwohl sie später sehr gute Tierärzt*innen ge­worden ­wären.

Bevorzugt das Aufnahmeverfahren indirekt Bewerber*innen mit gut situiertem urbanem Hintergrund?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Einen grundsätzlichen Vorteil für Bewerber*innen aus Städten sehe ich nicht. Einen Nachteil haben aber junge Menschen aus landwirtschaftlichen Fachschulen: Sie haben die im Aufnahmeverfahren abgefragten theoretischen Inhalte meist früher gelernt als Maturant*innen allgemeinbildender Schulen und haben diese meist nicht mehr so präsent. Sie verfügen oft über hervorragende praktische Kenntnisse – aber es reicht nicht, eine Kuh besamen zu können und zu rektalisieren oder zu melken, sondern es gibt viele theoretische Inhalte, die man als gute Tierärztin, guter Tierarzt auch können muss. Und das ist keine Banalität; daher versuchen wir, die richtigen Personen auszuwählen. Um es aber Bewerber*innen aus Landwirtschaftsschulen leichter zu machen, haben wir neue Außenstellen ins Leben gerufen, um dort auch den Nachwuchs gezielter vorbereiten zu können bzw. die Schulen dabei zu unterstützen.

Angeregtes Gespräch. Tierärzteverlag-Geschäfts­führerin Mag. Silvia Stefan-Gromen führte das Interview mit Rektor Prof. DDr. Matthias Gauly.

Wo gründen Sie die neuen Außenstellen?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Nach Tirol sollen weitere Standorte in Oberösterreich, der Steiermark und Salzburg folgen. Ziel ist es, Studierende frühzeitig mit der landwirtschaftlichen Praxis und regionalen Tierarztpraxen zu vernetzen, Vorbereitungsmöglichkeiten auf das Auswahlverfahren zu schaffen und interessierte Jugendliche frühzeitig zu unterstützen.

Wäre ein verpflichtendes Praxisjahr vor Studienbeginn sinnvoll?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Ein Praxisjahr hätte durch­aus Vorteile, weil es realistische Einblicke in den Beruf ermöglicht. Allerdings stellt sich die Frage, in welchem Bereich dieses Praktikum stattfinden sollte. Zudem würde sich die Aus­bildungszeit um ein weiteres Jahr verlängern. Man darf dabei auch die soziale Dimension nicht unterschätzen: Ein verpflichtendes Praxisjahr könnte jene benachteiligen, die sich ein zusätzliches Jahr ohne volles Einkommen nicht leisten können. Deshalb sehe ich diesen Ansatz ambivalent.

Wie die ÖTK-Zukunftsprognose 2026 belegt, wird sich der Tierärzt*innenmangel im ländlichen Raum mit der Pensio­nierungswelle der Babyboomer leider drastisch verschlechtern. Sollte die Zahl der Studienplätze für bestimmte Fach­richtungen wie die Großtierpraxis gezielt erhöht werden?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Zunächst muss man fest­halten, dass der Tierärzt*innenmangel nicht nur die Nutztier­praxis betrifft – auch in Kleintierpraxen, bei Behörden, in der Lebensmittel- sowie Pharmaindustrie und vielen anderen Bereichen fehlen Tierärzt*innen. Die Nutztierpraxis steht jedoch vor einer besonderen Herausforderung, da Arbeitszeiten, Verdienstmöglichkeiten und Work-Life-Balance häufig weniger attraktiv erscheinen als in anderen Berufsfeldern. Interessanterweise zeigen viele Studierende während des Studiums ein großes Interesse an der Nutztiermedizin; das zeigt sich etwa bei der Wahl entsprechender Vertiefungsmodule. Die eigentliche Entscheidung gegen die Nutztierpraxis fällt häufig erst kurz vor dem Berufseinstieg, wenn konkrete Jobangebote und Lebensperspektiven verglichen werden. Um diesem Trend entgegenzuwirken, baut die Vetmeduni ihre regionalen Außenstellen aus.

Sind geförderte Studienplätze für den ländlichen Raum und verpflichtende Tätigkeiten in der Nutztierpraxis eine Lösung des Problems?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Solche Modelle scheinen auf den ersten Blick attraktiv, greifen aber aus meiner Sicht zu kurz. Es ist schwer, junge Menschen bereits zu Studienbeginn auf einen bestimmten Berufsweg festzulegen. Viele Studierende starten ­ohnehin mit großem Interesse an der Nutztierpraxis. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum entscheiden sich manche später dagegen? Ich halte Förderungen beim Berufseinstieg für zielführender. Denkbar wären etwa finanzielle Unter­stützungen für Praxisübernahmen, Steuervorteile oder Investitionshilfen bei der Niederlassung bzw. der Erstausstattung. Besonders wichtig erscheint mir die Förderung von Gemeinschaftspraxen – sie ermöglichen Spezialisierung, geregeltere Arbeitszeiten und damit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.


Die psychische Belastung im Tierarztberuf und die hohe Suizidrate sind seit Jahren ein Thema. Wie erklären Sie sich das?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Die Arbeitsbelastung spielt sicherlich eine Rolle, erklärt das Problem aber nicht vollständig. Ein wesentlicher Faktor ist aus meiner Sicht vor allem die ständige Konfrontation mit Krankheit, Leid und Tod. Tierärzt*innen erleben dies nicht nur im Umgang mit den Tieren, sondern auch mit deren Besitzer*innen. Die emotionale Belastung, die dabei entsteht, wird oft unterschätzt. Früher spielte dieses Thema in der Ausbildung kaum eine Rolle; heute wissen wir, dass der professionelle Umgang mit psychischen Belastungen erlernt werden muss. Deshalb haben wir an der Uni entsprechende Inhalte stärker in das Curriculum integriert und die Unterstützungs­angebote für Studierende laufend ausgebaut.

Welche konkreten Unterstützungsangebote gibt es?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Wir bieten Studierenden psychologische Erstberatung und Begleitung an. Bei schwerwiegenden psychischen Erkrankungen erfolgt die Weiter­vermittlung an spezialisierte Einrichtungen. Insgesamt sehen wir uns hier aber auf einem guten Weg, auch wenn es weiterhin Verbesserungsbedarf gibt.

Die Vetmeduni ist die einzige Ausbildungsstätte für Tier­ärzt*innen in Österreich. Ist das nicht zu wenig?

PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Nein. Für ein ­kleines Land wie Österreich halte ich eine zentrale veterinär­medizinische Ausbildungsstätte für sinnvoll. Die Konzen­tration von Expertise, Infrastruktur und klinischen Einrichtungen ermöglicht eine Ausbildung auf international höchstem Niveau. Wir haben fast keine Dropout-Rate unter den Studierenden, hier schneiden wir im Vergleich sehr gut ab. Auch die erfolgreiche EAEVE-Akkreditierung bestätigt diesen Weg. Wir möchten diesen daher weiterverfolgen und haben dem Bund eine Aufstockung auf 250 Studienplätze angeboten; diese Zahl ist als maximale Studienplatzzahl gesetzlich so fest­geschrieben. Unser Budgetrahmen beträgt für drei Jahre 470 Millionen Euro, wir erhoffen uns für die nächste Periode eine entsprechende Steigerung des Budgets – und das in einer Höhe, die eben auch die Aufstockung der Studentenzahl auf 250 Personen bedecken kann; zehn Prozent mehr Studierende bedeuten auch mehr Kosten. Diese fallen z. B. auch für Infrastrukturmaßnahmen an. Wir könnten mit dem zusätzlichen Budget zusätzliche Lehrende ­anstellen sowie in die Außenstellen investieren, also die Aus­bildung im Nutztierbereich intensivieren. Das Investment würde die Gesamtversorgungslage langfristig verbessern, und das wiederum wäre sicherlich auch im Sinne der Steuerzahler*innen. Wir werden sehen, was die politischen Verhandlungen bringen, und stehen für weitere Gespräche bereit.

Danke für das Gespräch!

  1. European Association of Establishments for Veterinary Education (Europäische Vereinigung der veterinärmedizinischen Bildungsstätten) ↩︎