Ausgabe 07-08/2026
Mag. Silvia Stefan-Gromen
Rektor Matthias Gauly leitet mit seinem Team seit mehr als einem Jahr die Geschicke der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Mit dem Vetjournal sprach er über Maßnahmen gegen den Tierärzt*innenmangel, die Zukunft des tierärztlichen Berufs sowie über den vor Kurzem erfolgreich absolvierten Qualitätsmanagement-Prozess und die damit verbundene EAEVE1-Akkreditierung der Uni.
Die Vetmeduni wurde erst vor Kurzem wieder erfolgreich durch die EAEVE akkreditiert – was bedeutet diese Auszeichnung für Studierende und Absolvent*innen?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Die EAEVE-Akkreditierung ist ein wichtiger Qualitätsnachweis. Internationale Gutachter*innen, diesmal von Universitäten aus Finnland, der Türkei, Norwegen, Italien und Rumänien, überprüften dabei, ob die Ausbildung den höchsten europäischen Standards entspricht – hier gibt es ganz klare Standards, ganz klare Vorgaben. Für Studierende bedeutet dies die Sicherheit, an einer Universität zu studieren, deren Ausbildung top und international anerkannt ist; für die Vetmeduni ist die erfolgreiche Reakkreditierung bereits zum dritten Mal eine Bestätigung der hohen Qualität in der Lehre und Ausbildung. Gleichzeitig liefert das Verfahren wertvolle Hinweise darauf, wo weitere Verbesserungen möglich sind.
In welchen Bereichen hat die Universität besonders gut abgeschnitten – und wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Insgesamt hat die Vetmeduni die Akkreditierung ohne besondere Auflagen bestanden, verbessern können wir noch die Evaluierung der Lehrveranstaltungen. Derzeit liegen die Rücklaufquoten der digitalen Befragungen bei etwa 15 bis 20 Prozent – die Gutachter*innen haben daher empfohlen, Maßnahmen zu entwickeln, um die Beteiligung der Studierenden weiter zu erhöhen. Inhaltlich wurde die Qualität der Ausbildung in Summe sehr positiv bewertet.
Gab es im Zuge der Vorbereitung auf die Akkreditierung Anpassungen im Curriculum oder in der praktischen Ausbildung?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Die grundlegenden Anforderungen haben wir ja bereits erfüllt, da die Universität seit vielen Jahren akkreditiert ist. Die Vorbereitung bot jedoch Anlass, bestehende Prozesse kritisch zu überprüfen und wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Das betraf insbesondere Bereiche der Biosicherheit sowie organisatorische Details in den Kliniken. Darüber hinaus wurden kleinere infrastrukturelle Verbesserungen umgesetzt, etwa bei Spinden, Hygieneeinrichtungen oder der Ausstattung einzelner Klinikbereiche. Der Akkreditierungsprozess ist zwar sehr aufwendig, führt aber regelmäßig zu sinnvollen Optimierungen.
Wurden auch das Auswahlverfahren und der Zugang zum Studium unter die Lupe genommen? Anders gefragt: Spiegelt das aktuelle Auswahlverfahren die Kompetenzen wider, die man als Tierärztin oder Tierarzt benötigt – oder vor allem schulische Leistungen?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Das Auswahlverfahren soll in erster Linie sicherstellen, dass die Bewerber*innen das anspruchsvolle Studium erfolgreich absolvieren können. Veterinärmedizin erfordert nicht nur praktische Fähigkeiten, sondern auch umfangreiches theoretisches Wissen. Deshalb werden im Aufnahmeverfahren insbesondere jene Grundlagen überprüft, die für das Studium entscheidend sind. Die hohe Berufsquote unserer Absolvent*innen zeigt aus meiner Sicht, dass wir grundsätzlich die richtigen Kandidat*innen auswählen. Gleichzeitig ist klar: Bei rund 1.800 Bewerbungen auf 223 Studienplätze erhalten viele geeignete und hoch motivierte Personen keinen Studienplatz, obwohl sie später sehr gute Tierärzt*innen geworden wären.
Bevorzugt das Aufnahmeverfahren indirekt Bewerber*innen mit gut situiertem urbanem Hintergrund?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Einen grundsätzlichen Vorteil für Bewerber*innen aus Städten sehe ich nicht. Einen Nachteil haben aber junge Menschen aus landwirtschaftlichen Fachschulen: Sie haben die im Aufnahmeverfahren abgefragten theoretischen Inhalte meist früher gelernt als Maturant*innen allgemeinbildender Schulen und haben diese meist nicht mehr so präsent. Sie verfügen oft über hervorragende praktische Kenntnisse – aber es reicht nicht, eine Kuh besamen zu können und zu rektalisieren oder zu melken, sondern es gibt viele theoretische Inhalte, die man als gute Tierärztin, guter Tierarzt auch können muss. Und das ist keine Banalität; daher versuchen wir, die richtigen Personen auszuwählen. Um es aber Bewerber*innen aus Landwirtschaftsschulen leichter zu machen, haben wir neue Außenstellen ins Leben gerufen, um dort auch den Nachwuchs gezielter vorbereiten zu können bzw. die Schulen dabei zu unterstützen.

Wo gründen Sie die neuen Außenstellen?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Nach Tirol sollen weitere Standorte in Oberösterreich, der Steiermark und Salzburg folgen. Ziel ist es, Studierende frühzeitig mit der landwirtschaftlichen Praxis und regionalen Tierarztpraxen zu vernetzen, Vorbereitungsmöglichkeiten auf das Auswahlverfahren zu schaffen und interessierte Jugendliche frühzeitig zu unterstützen.
Wäre ein verpflichtendes Praxisjahr vor Studienbeginn sinnvoll?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Ein Praxisjahr hätte durchaus Vorteile, weil es realistische Einblicke in den Beruf ermöglicht. Allerdings stellt sich die Frage, in welchem Bereich dieses Praktikum stattfinden sollte. Zudem würde sich die Ausbildungszeit um ein weiteres Jahr verlängern. Man darf dabei auch die soziale Dimension nicht unterschätzen: Ein verpflichtendes Praxisjahr könnte jene benachteiligen, die sich ein zusätzliches Jahr ohne volles Einkommen nicht leisten können. Deshalb sehe ich diesen Ansatz ambivalent.
Wie die ÖTK-Zukunftsprognose 2026 belegt, wird sich der Tierärzt*innenmangel im ländlichen Raum mit der Pensionierungswelle der Babyboomer leider drastisch verschlechtern. Sollte die Zahl der Studienplätze für bestimmte Fachrichtungen wie die Großtierpraxis gezielt erhöht werden?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Zunächst muss man festhalten, dass der Tierärzt*innenmangel nicht nur die Nutztierpraxis betrifft – auch in Kleintierpraxen, bei Behörden, in der Lebensmittel- sowie Pharmaindustrie und vielen anderen Bereichen fehlen Tierärzt*innen. Die Nutztierpraxis steht jedoch vor einer besonderen Herausforderung, da Arbeitszeiten, Verdienstmöglichkeiten und Work-Life-Balance häufig weniger attraktiv erscheinen als in anderen Berufsfeldern. Interessanterweise zeigen viele Studierende während des Studiums ein großes Interesse an der Nutztiermedizin; das zeigt sich etwa bei der Wahl entsprechender Vertiefungsmodule. Die eigentliche Entscheidung gegen die Nutztierpraxis fällt häufig erst kurz vor dem Berufseinstieg, wenn konkrete Jobangebote und Lebensperspektiven verglichen werden. Um diesem Trend entgegenzuwirken, baut die Vetmeduni ihre regionalen Außenstellen aus.
Sind geförderte Studienplätze für den ländlichen Raum und verpflichtende Tätigkeiten in der Nutztierpraxis eine Lösung des Problems?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Solche Modelle scheinen auf den ersten Blick attraktiv, greifen aber aus meiner Sicht zu kurz. Es ist schwer, junge Menschen bereits zu Studienbeginn auf einen bestimmten Berufsweg festzulegen. Viele Studierende starten ohnehin mit großem Interesse an der Nutztierpraxis. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum entscheiden sich manche später dagegen? Ich halte Förderungen beim Berufseinstieg für zielführender. Denkbar wären etwa finanzielle Unterstützungen für Praxisübernahmen, Steuervorteile oder Investitionshilfen bei der Niederlassung bzw. der Erstausstattung. Besonders wichtig erscheint mir die Förderung von Gemeinschaftspraxen – sie ermöglichen Spezialisierung, geregeltere Arbeitszeiten und damit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Die psychische Belastung im Tierarztberuf und die hohe Suizidrate sind seit Jahren ein Thema. Wie erklären Sie sich das?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Die Arbeitsbelastung spielt sicherlich eine Rolle, erklärt das Problem aber nicht vollständig. Ein wesentlicher Faktor ist aus meiner Sicht vor allem die ständige Konfrontation mit Krankheit, Leid und Tod. Tierärzt*innen erleben dies nicht nur im Umgang mit den Tieren, sondern auch mit deren Besitzer*innen. Die emotionale Belastung, die dabei entsteht, wird oft unterschätzt. Früher spielte dieses Thema in der Ausbildung kaum eine Rolle; heute wissen wir, dass der professionelle Umgang mit psychischen Belastungen erlernt werden muss. Deshalb haben wir an der Uni entsprechende Inhalte stärker in das Curriculum integriert und die Unterstützungsangebote für Studierende laufend ausgebaut.
Welche konkreten Unterstützungsangebote gibt es?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Wir bieten Studierenden psychologische Erstberatung und Begleitung an. Bei schwerwiegenden psychischen Erkrankungen erfolgt die Weitervermittlung an spezialisierte Einrichtungen. Insgesamt sehen wir uns hier aber auf einem guten Weg, auch wenn es weiterhin Verbesserungsbedarf gibt.
Die Vetmeduni ist die einzige Ausbildungsstätte für Tierärzt*innen in Österreich. Ist das nicht zu wenig?
PROF. DDR. MATTHIAS GAULY: Nein. Für ein kleines Land wie Österreich halte ich eine zentrale veterinärmedizinische Ausbildungsstätte für sinnvoll. Die Konzentration von Expertise, Infrastruktur und klinischen Einrichtungen ermöglicht eine Ausbildung auf international höchstem Niveau. Wir haben fast keine Dropout-Rate unter den Studierenden, hier schneiden wir im Vergleich sehr gut ab. Auch die erfolgreiche EAEVE-Akkreditierung bestätigt diesen Weg. Wir möchten diesen daher weiterverfolgen und haben dem Bund eine Aufstockung auf 250 Studienplätze angeboten; diese Zahl ist als maximale Studienplatzzahl gesetzlich so festgeschrieben. Unser Budgetrahmen beträgt für drei Jahre 470 Millionen Euro, wir erhoffen uns für die nächste Periode eine entsprechende Steigerung des Budgets – und das in einer Höhe, die eben auch die Aufstockung der Studentenzahl auf 250 Personen bedecken kann; zehn Prozent mehr Studierende bedeuten auch mehr Kosten. Diese fallen z. B. auch für Infrastrukturmaßnahmen an. Wir könnten mit dem zusätzlichen Budget zusätzliche Lehrende anstellen sowie in die Außenstellen investieren, also die Ausbildung im Nutztierbereich intensivieren. Das Investment würde die Gesamtversorgungslage langfristig verbessern, und das wiederum wäre sicherlich auch im Sinne der Steuerzahler*innen. Wir werden sehen, was die politischen Verhandlungen bringen, und stehen für weitere Gespräche bereit.
Danke für das Gespräch!
ZUR PERSON
Prof. DDr. Matthias Gauly. Seit April 2025 steht Prof. DDr. Matthias Gauly als Rektor an der Spitze der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Der gebürtige Deutsche verfügt über eine außergewöhnliche Doppelqualifikation in Agrarwissenschaften und Veterinärmedizin.
Nach dem Studium der Agrarwissenschaften an den Universitäten Bonn und Gießen absolvierte Gauly
von 1988 bis 1993 das Studium der Veterinärmedizin und erhielt die Approbation als Tierarzt. Es folgten Promotionen zum Dr. agr. (1991) und Dr. med. vet. (1997) sowie die Habilitation für Tierzucht und Haltungsbiologie im Jahr 2002.
Seine wissenschaftliche Laufbahn führte Gauly zunächst als Assistenzprofessor an die Universität Gießen. Von 2003 bis 2014 war er Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssysteme der Nutztiere an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2014 war er Professor für Nutztierwissenschaften an der Freien Universität Bozen, wo er von 2017 bis 2025 auch als Vizedekan für Forschung tätig war.
Auf europäischer Ebene engagierte sich Gauly von 2016 bis 2020 als Präsident der European Association for Animal Production (EAAP; heute EVT).
Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Nutztierwissenschaften, der Tierzucht und Haltungsbiologie sowie in Fragen der Tiergesundheit, des Tierwohls und nachhaltiger Produktionssysteme in der Nutztierhaltung.
- European Association of Establishments for Veterinary Education (Europäische Vereinigung der veterinärmedizinischen Bildungsstätten) ↩︎



