Schwerpunkt

Strahlentherapie, Elektro-Chemotherapie und Co

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
14.08.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 07-08/2026

Dr. Janina Rauch

Das Spezialzentrum Equinox Healthcare ist das einzige auf Strahlentherapie spezialisierte Veterinärzentrum im deutschsprachigen Raum. Der Inhaber Dipl.-Ing. Dr. Jan Kuntz studierte zunächst Medizintechnik sowie Sportmedizinische Technik und war anschließend mehrere Jahre am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg wissenschaftlich tätig. Parallel zu seinem Veterinärmedizinstudium setzte Kuntz seine Forschungsarbeit am DKFZ und in Industriekooperationen fort, bevor er sich auf Veterinäronkologie spezialisierte. Im Interview spricht er über häufige Tumor­entitäten beim Pferd, typische diagnostische Fehlerquellen und moderne therapeutische Möglichkeiten. Außerdem er­läutert er, wie sich das Bewusstsein für Tumorerkrankungen und die Erwartungen der Pferdebesitzer*innen in den ver­gangenen Jahren verändert haben.

Welche Tumorerkrankungen sehen Sie beim Pferd am ­häufigsten und welche davon werden Ihrer Erfahrung nach
oft zu spät erkannt oder unterschätzt?

JAN KUNTZ: Das ist eine sehr interessante Frage, da eigentlich alle Tumorerkrankungen beim Pferd unterschätzt werden. Leider wird auch immer noch die Fehlinformation verbreitet, Pferde bekämen keinen Krebs! Wir sehen mit 80 % aller Tumor­erkrankungen Hauttumoren beim Pferd ganz weit vorne. Einerseits ist das für die Diagnostik natürlich ein riesiger Vorteil, da die Haut ja sehr gut zugänglich und Diagnostik so eigentlich sehr gut möglich ist; andererseits ist trotzdem häufig sehr viel Zeit vergangen, bis Tumoren zu einer guten Diagnostik oder Therapie gelangen. Die häufigsten Hauttumoren sind ­Equine Sarkoide, Plattenepithelkarzinome und Melanome – aber natür­lich können Pferde eine Vielzahl weiterer Tumoren ent­wickeln. Bei den Hauttumoren sind etwa wiederum 80 % Equine Sarkoide, und bei diesen gilt das zuvor Gesagte noch einmal ganz besonders. Häufig werden diese nicht als Tumoren angesprochen, sondern verharmlosend „Warzen“ genannt. Es sind aber Tumoren und sollten auch so behandelt werden: möglichst frühzeitig und möglichst aggressiv. Wir sehen hier leider nach unzureichender Diagnostik oder inadäquater Therapie katastrophale Verläufe, die sicher in vielen Fällen hätten verhindert werden können. Aber die Therapie hier ist auch bei ambitioniertem Vorgehen oft schwierig, das muss auch klar sein. Platten­epithelkarzinome sind aus meiner Sicht besonders spannend, weil diese in vielen Fällen extrem gut mittels Strahlen­therapie behandelt werden können und die frühzeitige Diagnose­stellung sehr wichtig ist. Vor z. B. einer Enukleation sollte aus meiner Sicht jeder Besitzer über die Möglichkeiten der Strahlen­therapie informiert sein. Gerade bei DDB2-assoziierten PEK ist die Wahrscheinlichkeit eines Plattenepithelkarzinoms am zweiten Auge ja durchaus gegeben. Ich nehme aber auch wahr, dass sowohl Besitzer als auch Kolleg*innen in den letzten fünf Jahren deutlich mehr Augenmerk auf Tumoren legen. Natürlich gibt es onkologisch ambitionierte Tierärzt*innen, die das schon immer tun; das Thema wird nun aber langsam in der Breite durchaus offener angegangen, sicher auch aufgrund entsprechender Nachfrage von Besitzerseite.

Wo liegen bei der Diagnostik von Tumorerkrankungen beim Pferd die häufigsten Fehlerquellen? Welche Informationen oder Proben fehlen Ihnen bei überwiesenen Fällen besonders oft?

JAN KUNTZ: Der häufigste Fehler der Diagnostik ist aus meiner Sicht: keine Diagnostik! Gerade bei Hauttumoren ist die Zugänglichkeit ja extrem leicht möglich und selbst komplizierte Stellen, z. B. am Auge, sind hier verhältnismäßig leicht zu beproben. Teilweise besteht die Sorge, mit einer Biopsie oder einer Therapie die Situation zu verschlimmern, daher rät man dazu, den Tumor einfach „in Ruhe zu lassen“. Stellen wir uns das einmal in der Human­medizin vor: Wir gehen mit einer Veränderung zum Arzt, und der rät dazu, den Tumor „in Ruhe zu lassen“! Wenn er dann riesig ist, soll dann doch ­behandelt werden, und natürlich ist die Prognose dann schlecht. ­Biopsien machen Tumoren grundsätzlich nicht aggres­siver – einzige und wichtigste Ausnahme ist das Equine Sarkoid, wo eine Probe immer nur genommen werden sollte, wenn das Ergebnis eine Relevanz für die weitere Therapieentscheidung hat. Und natürlich sollten die Therapieoptionen vorher klar abgesprochen sein. Selbstredend sollten auch alle chirurgisch entfernten Tumoren zum Pathologen geschickt werden – leider passiert es uns oft, dass im Vorfeld diese 60 bis 100 Euro aber gespart wurden, was im Endeffekt deutlich teurer kommen kann. Aus unserer Sicht sind die beste Therapie und die beste Überweisung immer interdisziplinär gedacht: Je früher sich unterschiedliche Disziplinen absprechen, je klarer sie ihre Perspektiven und Möglichkeiten kommunizieren, ­desto besser wird die Therapie. Und die Absprache sollte am besten vor Therapiebeginn erfolgen!

Die Onkologie beim Pferd hat sich zuletzt stark weiterentwickelt. Welche neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten gibt es, die Praktiker*innen vielleicht noch nicht bekannt sind?

JAN KUNTZ: Die Diagnostik hat sich weiterentwickelt, allerdings hauptsächlich in den Spezialbereichen. Viele der etablierten Diagnose­möglichkeiten stehen nach wie vor zuverlässig bereit und müssten nur häufiger angewendet werden. Was die Therapie angeht, ist die Strahlentherapie natürlich ein sehr scharfes Schwert. Auch die Kombination mit Chirurgie sollte viel öfter aufgeklärt und durch­geführt werden. Natürlich ist Strahlentherapie aufgrund der Einrichtungen limitiert; es gibt weltweit kein anderes Zentrum, das Pferde routiniert mit modernen Techniken auf dem Niveau der Human­medizin behandelt. Dennoch kommen viele unserer Patienten aus dem ganzen EU-Raum, der Schweiz oder England; Anfahrten von tausend Kilometern und mehr sind keine Seltenheit. Aber auch im Bereich der Chemotherapie gibt es sehr gute neue Entwicklungen. Im Moment ist Elektro-Chemotherapie, also die Injek­tion eines Chemotherapeutikums mit anschließender elektrischer Stimulation der Zellen, sehr stark im Kommen, und diese Technik kann wirklich sehr gut eingesetzt werden. Limitierend ist hier allerdings die Erfahrung und Routine des Anwenders: Erfolgreich sind damit vor allem die Profis, die mehrere Hundert Fälle im Jahr mit dieser Technik behandeln. Sie können die Therapie nicht nur sicher durchführen, sie haben auch die Erfahrung, welche ­Patienten überhaupt damit behandelt und welche Erkrankungen zu anderen Spezialisten überwiesen werden sollten.

Welche Tumorerkrankungen lassen sich bei rechtzeitiger Dia­gnose besonders gut behandeln und bei welchen Erkrankungen ist die Prognose weiterhin vorsichtig zu bewerten?

JAN KUNTZ: Grundsätzlich – und ich kann mich da nur wiederholen – ist ein frühes und aggressives Vorgehen der wichtigste prognostische Faktor. Gerade periokuläre Tumoren fallen mir da aber besonders auf, da die Konsequenz einer Enukleation einfach massiv ist und über dem zweiten Auge aufgrund der Genetik immer irgendwie ein Damoklesschwert schwebt. Besonders Platten­epithelkarzinome am Auge sollten ernster genommen werden. Im Übrigen auch bei der Zucht: Wir haben die Möglichkeit zur Testung auf DDB2, übrigens nicht nur beim Haflinger! Wir könnten diese relativ einfache Testung durchaus einsetzen.

Ist die onkologische Behandlung eher Sportpferden vorbehalten oder sehen Sie auch bei Hobbyreitern eine wachsende Bereitschaft? Hat sich das Mindset der Besitzer*innen in den letzten Jahren verändert?

JAN KUNTZ: Gerade bei Hobbyhaltern ist die Bereitschaft sehr groß. Und onkologische Behandlung ist ja weit mehr als Strahlentherapie. Natürlich ist Strahlentherapie beim Pferd nicht günstig durchführbar. Aber allein die Sensibilisierung für das Thema und die Früherkennung sind wichtig – und sparen unterm Strich Kosten, genau wie in der Humanmedizin. Was wir sehen, ist letztlich ein relativ guter Querschnitt durch die Pferdepopulation: Wir sehen natürlich Hochkaräter mit Millionenwert, aber diese sind verhältnismäßig selten bei uns, weil einfach die wenigsten Pferde Profisportler sind. Am häufigsten sehen wir Tiere, die im Hobby­bereich und Amateursport genutzt werden; der Bereich, dem die meisten Pferdehalter angehören. Wir sehen aber auch Pferde, die als Teil der Familie einfach nur aus sich heraus wertvoll sind und bei denen der materielle Wert oder der Nutzen, den das Tier bringt, gar keine Messgröße ist. Das sind zum Teil Ponys und ­Pferde, die gehegt und gepflegt werden, um ihrer selbst willen. Es gibt aber auch ehemalige Profis, denen in der Rente Dankbarkeit der Besitzer zugutekommt und bei denen die Kosten ebenfalls nicht die primäre Frage sind.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Pferdeonkologie?

JAN KUNTZ: Ich erwarte hauptsächlich, dass die Sensibilität für das Thema steigt, bevor es Meilensteine in Diagnostik und Therapie geben kann. Natürlich haben hier alle onkologisch tätigen Kolleg*innen noch viel zu erklären und ihre Themen in die Welt zu tragen. Aber mit dem Wissen erweitern sich auch die Vorsorge, die Früherkennung und die Therapie – mit großem Nutzen vor ­allem für unsere Pferde, aber natürlich auch für die Besitzer*innen.