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„Wir lieben unseren Beruf – aber die Rahmenbedingungen machen ihn zunehmend unmöglich“ – Interview mit Ing. Mag. Hans Abel-Reichwald

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
02.05.26

Inhaltsverzeichnis

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Mag. Silvia Stefan-Gromen

Ausgabe 04/2026

Ing. Mag. Hans Abel-Reichwald, Nutztier- und Gemischtpraktiker aus Niederösterreich, hat gemeinsam mit seiner Frau entschieden, sich aus der Betreuung von rund 100 TGD-Betrieben zurückzuziehen. Die Praxis besteht seit 2015, ist wirtschaftlich stabil und breit aufgestellt – dennoch kam nun dieser Schritt.

Herr Abel-Reichwald, Sie ziehen sich aus der ­Betreuung von rund 100 TGD-Betrieben zurück. Was hat letztlich zu dieser Entscheidung geführt?

Es war keine spontane Entscheidung – und schon gar keine Protestaktion –, wir haben sie im familiären Rahmen sehr bewusst getroffen. Kurzfristig ist es wirtschaftlich sogar ein Rückschritt für uns. Aber wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es körperlich und mental einfach nicht mehr geht, die Nutztierpraxis in dieser Intensität weiterzuführen. Es ging letztlich da­rum, unsere Zukunft wieder tragbar zu machen.

Haben Sie mit dem Beruf selbst gebrochen?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich mache diesen Beruf nach wie vor sehr gerne. Die Arbeit am Tier erfüllt mich, und auch die Zusammenarbeit mit vielen Landwirten ist über die Jahre fast freundschaftlich geworden. Das Problem ist nicht der Beruf an sich – es ist das Umfeld, in dem wir ihn ausüben müssen.

Was belastet Sie aktuell am meisten?

Es ist nicht ein einzelner Punkt, sondern das Zusammen­spiel aus Arbeitsmenge, Bürokratie, Verantwortung und ständig wachsendem Druck. Besonders belastend ist die Versorgungspflicht im TGD-System. Kollegen gehen in Pension, Vertretungen fehlen, es kommt kein Nachwuchs nach – aber die Verantwortung bleibt bei uns. Das erzeugt einen permanenten inneren Druck.

Wie erleben Sie die zunehmenden Kontrollen und Dokumentationspflichten?

Oft frustrierend. Es wird sehr stark auf formale Details geschaut – kleinste Dokumentationsfehler werden gefunden –, während wesentliche Probleme teilweise gar nicht im Fokus stehen. Gleichzeitig werden Betriebs­erhebungen immer aufwendiger, ohne dass es klare, einheitliche Vorgaben gibt. Am Ende investiert man enorm viel Zeit, haftet für alles, verdient nichts daran – und hat das Gefühl, dass der tatsächliche Nutzen überschaubar ist.

Die Bürokratie ist ein häufig genanntes Thema. Wie stark betrifft Sie das im Alltag?

Extrem. Sie nimmt inzwischen so viel Raum ein, dass die eigentliche tierärztliche Tätigkeit oft in den Hintergrund rückt. Viele Dinge wirken redundant oder schlicht nicht praxisnah. Und die Digitalisierung ist leider kein Allheilmittel – sie erzeugt oft zusätzlichen Aufwand. ­Vieles passiert im Hintergrund, oft zu einer Zeit, in der man Freizeit haben sollte. Das sieht niemand, gehört aber zum Alltag.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Nachwuchsbereich?

Ehrlich gesagt: besorgniserregend. Immer weniger ­junge Kolleg*innen wollen in die kurative Nutztierpraxis. Und ich kann das gut nachvollziehen. Die Arbeitszeiten, die ständige Erreichbarkeit, die fehlende Planbarkeit, zu geringe Verdienstmöglichkeiten – das ist für viele nicht mehr attraktiv. Der Wunsch nach einer vernünftigen Work-Life-Balance ist absolut legitim. Aber unser ak­tuelles System passt dazu einfach nicht.

Die Landwirtschaft fordert zunehmend, die Medikamentengabe künftig in die Hände der Tierhalter*innen bzw. Landwirt*innen zu legen – häufig mit Verweis auf den bestehenden Tierärztemangel. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Wird der Tierärztevorbehalt beschnitten?

Ich beurteile das sehr kritisch. Diese Entwicklung greift aus meiner Sicht zu kurz und geht am eigentlichen Kern unseres Berufs vorbei. Unsere zentrale Aufgabe ist nicht die reine Medikamentenabgabe, sondern die fundierte Diagnose, das Verständnis für das Tier und die prak­tische Arbeit vor Ort.
Wenn man nun argumentiert, dass aufgrund des Tierärztemangels Aufgaben verlagert werden sollen, besteht die Gefahr, dass genau diese Kernkompetenzen schleichend entwertet werden. Kurzfristig mag das wie eine pragmatische Lösung wirken, langfristig schwächt es jedoch das Berufsbild und kann auch die Qualität der tierärztlichen Versorgung beeinträchtigen.

Gibt es auch hausgemachte Probleme innerhalb der Branche?

Ja, definitiv. Wir haben es verpasst, klare arbeits­rechtliche Strukturen zu schaffen. Für angestellte Tier­ärzt*innen gibt es oft keine realistischen Rahmen­bedingungen, keinen Kollektivvertrag. In der Nutztierpraxis kommt hinzu, dass man häufig allein arbeitet und alles selbst stemmen muss. Das schreckt viele
ab – völlig verständlich.

Wie haben die Landwirte auf Ihre Entscheidung reagiert?

Überraschend verständnisvoll. Natürlich gibt es ­Sorgen um die zukünftige Versorgung, aber viele sehen die ­Situation sehr klar. In Gesprächen merkt man, dass auch sie unter Druck stehen. Oft kommt sogar die Rückmeldung: „Endlich sagt es einmal jemand!“ Das zeigt, dass die Probleme längst erkannt sind – aber zu wenig passiert.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht dringend ändern?

Wir brauchen echte strukturelle Veränderungen – weniger Bürokratie, realistische arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen und eine bessere finanzielle Absicherung. Es geht nicht um kleine finanzielle Zugeständnisse, sondern um grundlegende Verbesserungen.
Ich fordere keine öffentlichen Zuschüsse, da sich Tierärzte selbst tragen sollten. Werden jedoch aber zusätzliche Leistungen wie ein durchgehender Notdienst erwartet, muss diese Leistung finanziell unterstützt werden – notfalls durch die Allgemeinheit im Sinne des Tierwohls. Sonst wird es zunehmend schwierig, die tierärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten.

Wenn Sie auf Ihren eigenen Weg zurückblicken –bereuen Sie Ihre Berufswahl?

Nein. Ich habe mich sehr bewusst für diesen Beruf entschieden, auch im zweiten Bildungsweg und mit finanziellen Opfern. Ich bin mit Leib und Seele Tierarzt. Aber genau deshalb tut es weh, zu sehen, wie die Rahmen­bedingungen den Beruf immer mehr erschweren. Es geht nicht darum, weniger arbeiten zu wollen – es geht darum, unter Bedingungen arbeiten zu können, die langfristig tragbar und mit der Familie vereinbar sind.

Zur Praxis

  • Tierarztpraxis Abel-Reichwald OG, 2860 Kirchschlag, Bucklige Welt, südöstlichstes NÖ
  • Gegründet 2015 von Sonja und Hans Abel-Reichwald
  • Klassische Landpraxis mit Rind (knapp 50 %), Kleintieren (knapp 40 %), Pferden (10–15 %)
  • 95 TGD-Betriebe aller Größenordnungen ­(davon drei im Burgenland), sowie zusätzlich 25 Betriebe ohne TGD-Vertrag
  • Langsam und nach Erfordernis gewachsen, aktuell wirtschaftlich solide Situation
  • Seit 2023 und bis vor Kurzem noch eine an­gestellte Tierärztin im Bereich Rinder
  • Derzeit noch eine angestellte TÄ im Bereich Kleintiere/Pferde (sehr gut qualifiziert, Diplo­mate Repro)
  • Derzeit noch weitere zwei geringfügig bzw. in Teilzeit angestellte Helferinnen
  • Relativ gute Landpraxisausstattung (digitales Röntgen, Blutlabor, aktuelles Ultraschall-Gerät etc.)
  • Das Standbein Rind ist finanziell annähernd gleich „effektiv“ wie unser Kleintierbereich
  • Unser Rinderbereich ist eigentlich durch ­Pensionierung der umliegenden Kollegen „von allein“ nach und nach gewachsen – es wurde nie aggressiv akquiriert oder aufgrund neuer Mitarbeiter*innen erweitert

Zur Person Hans Abel-Reichwald

  • Jahrgang 1978, verheiratet mit Sonja Abel-Reichwald, zwei Kinder (sechs und elf Jahre)
  • Gelernter HTL-Maschinenbau-Ingenieur mit mehrjähriger Berufspraxis
  • Studienbeginn 2005, erster Studiengang mit Aufnahmebeschränkung und dadurch relativ „alter“ und reifer Jahrgang mit circa 40 % deutschen Studenten

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