Schwerpunkt

Das geriatrische Kaninchen

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
19.03.26

Inhaltsverzeichnis

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Dr. Sophie Hanak

Ausgabe 03/2026

Kaninchen erreichen in der Regel ein Alter von sechs bis acht Jahren, wobei einzelne Tiere dank guter medizinischer Versorgung deutlich älter werden können. Altersassoziierte Erkrankungen können je nach Rasse, Körpergröße und Haltungsbedingungen auch schon früher auftreten. Die Vorstellungsgründe sind meist unspezifisch – Halter berichten über reduzierte ­Bewegungsfreude, fehlende Sprungaktivität, Schwierigkeiten beim Putzen oder Gewichtsverlust. Ein häufiges Zeichen ist die Verschmutzung im Anogenitalbereich durch Harn oder Kot. Besonders auffällig ist das Liegen­lassen der Zäkotrophe. Dies kann auf Schmerzen, Übergewicht, falsche Fütterung oder orthopädische Einschränkungen hinweisen. Auch Polydipsie, veränderter Uringeruch oder vermehrtes Harnen gehören zu typischen Beobachtungen bei Veränderungen im Urogenitaltrakt.

Fütterung und Haltung

Die Fütterung beeinflusst Zahngesundheit, Harntrakt und Gewicht maßgeblich. Energiedichte ­Komponenten wie Pellets, Obst oder stark kohlenhydrathaltige Futtermittel reduzieren die Anzahl der täglichen Fressphasen und damit den physiologischen Zahnabrieb. Überlängen, Zahnspitzen und ­Abszesse sind mögliche Folgen. Gleichzeitig kann eine un­günstige Mineralstoffzusammensetzung die Bildung von Konkrementen fördern. Empfohlen wird eine überwiegend ­frische, strukturreiche Ration aus geeigneten Blatt- und Wildpflanzen, ergänzt durch qualitativ hochwertiges, kräuterarmes Heu in angepasster ­Menge. „Ich ­empfehle, zehn Prozent Heu und 90 Prozent Frisch­futter zu ­füttern; Pellets, Obst und Gemüse sollten kaum bis gar nicht verabreicht werden“, erklärt die Tier­ärztin für Kaninchen und Nagetiere Mag. Nina Brabetz. Fütterungs­umstellungen müssen schrittweise erfolgen, insbesondere bei empfindlichen Tieren.

Auch die Haltung wirkt sich direkt auf den Gesundheitszustand im Alter aus. Bewegungsmangel fördert Muskelabbau, Adipositas und Arthrose. „Zwei Tiere sollten mindestens vier Quadratmeter zur Verfügung haben. Ein Kaninchen sollte niemals in einem Käfig gehalten werden und schon gar nicht nachts, da ­diese ­Tiere nachtaktiv sind. Niemand kommt auf die Idee, ­einen Hund oder eine Katze in einen Käfig zu setzen, aber beim Kaninchen ist das nach wie vor etabliert“, betont Brabetz. Bei geriatrischen Kaninchen muss die Haltung umgestellt werden, wie etwa niedrige Toiletten­einstiege, rutschfeste Unterlagen, gut erreichbare ­Futter- und Wasserstellen sowie eine sturzsichere ­Gestaltung. Moderate Bewegungsanreize unterstützen den Erhalt der Muskulatur.

Ein wesentlicher Präventionsaspekt betrifft weibliche Tiere. Nicht kastrierte weibliche Kaninchen entwickeln häufig Uterus- und Ovarialpathologien. Eine frühzeitige Kastration reduziert dieses Risiko erheblich.
Impfungen sind unabhängig von der Haltungsform erforderlich. „Alle Tiere gehören geimpft, gegen Myxomatose und RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease, Anm.). Auch Wohnungstiere sind durch indirekte Erreger­einträge gefährdet, das wird manchmal vergessen“, warnt Brabetz. Die Immunisierung erfolgt in der Regel jährlich gemäß aktuellem Impfprotokoll.

Abb. 1: Uteruskarzinom

Strukturierte Altersmedizin

Als Beutetiere zeigen Kaninchen Erkrankungen spät an. „Sie sind absolute Meister im Verstecken von Krankheitsanzeichen“, betont Brabetz. Klinische Symptome sind oft erst deutlich erkennbar, wenn bereits hoch­gradige Veränderungen vorliegen. Regelmäßige Vor­sorgeuntersuchungen sind daher zentraler Bestandteil der geriatrischen Betreuung. „Ich empfehle sowieso immer halbjährliche Kontrollen bei allen Tieren“, meint Brabetz. Neben der vollständigen klinischen Unter­suchung stehen Gewichtskontrolle, Futteranamnese, Haltungsanalyse sowie eine strukturierte Befragung zu Kot- und Harnabsatz im Fokus. Das Körpergewicht gilt als sensibler Parameter für chronische ­Erkrankungen, denn sowohl Gewichtsverlust als auch Adipositas verschlechtern Prognose und Therapieoptionen. Deshalb sollten auch ­zu ­Hause regelmäßige Gewichts­kontrollen durchgeführt werden, um die Früherkennung von Erkrankungen zu unterstützen. Für Halter empfiehlt es sich zudem, jederzeit einen Päppelbrei zu Hause zu haben, um bei Inappetenz rasch zufüttern zu können.

Zahnerkrankungen gehören zu den häufigsten Proble­men des älteren Kaninchens – die lebenslang wachsenden Zähne reagieren empfindlich auf reduzierte Fressfrequenz und unzureichenden Abrieb durch oftmals falsche Fütterung. Klinische Hinweise sind selektives Fressen, verlängerte Fressdauer, Speichelfluss oder Abmagerung. Häufig liegen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits massive Zahnpathologien wie Wurzel­veränderungen oder Abszesse vor.

Für die Diagnose erfolgt die Maulhöhleninspektion zunächst im Wachzustand mittels eines Wangen­spreizers. Im Wachzustand sollte das Maul niemals mit einem Kieferspreizer geöffnet werden, da ein massives Verletzungsrisiko gegeben ist. Bei Verdacht auf Zahnpathologien schließt sich eine weiterführende Diagnostik in Narkose an. „Ich führe Zahnbehandlungen nicht ohne Narkose durch, denn das stresst die Tiere zu sehr. Komplikationen in Bezug auf Narkosen treten sehr selten auf“, erklärt Brabetz. Mit konsequentem Wärmemanagement, Sauerstoffgabe, adäquater Medikation der Narkose und engmaschiger Überwachung gelten auch ältere Tiere als gut narkosefähig. Das Röntgen stellt eine tragende Säule der Diagnostik dar.

Abb. 2: Kieferabszess

Neben dem Dentalröntgen wird bei geriatrischen Patienten häufig ein Abdomenröntgen durchgeführt. Typische Befunde sind Spondylarthrosen, Coxarthrosen sowie mineralisierte Veränderungen im Harntrakt. Konkremente können in Niere, Ureter, Blase oder Harnröhre lokalisiert sein; Blasengrieß beziehungsweise Sludge wird regelmäßig festgestellt. Bei Nieren- und Harntrakterkrankungen basiert die Diagnostik auf Blutuntersuchung, Harnanalyse inklusive Sediment sowie gegebenenfalls bakteriologischer Untersuchung mit Antibiogramm. „Die Niere produziert Harn. Das Wichtigste, was ich mir deshalb anschauen muss, ist der Harn“, so Brabetz. Ultraschall und Röntgen ergänzen die Befunderhebung, insbesondere bei strukturellen Veränderungen.

Differenzialdiagnostisch ist bei entsprechenden Symptomen auch an Encephalitozoonose zu denken, da sie mit Nieren- und neurologischen Veränderungen einhergehen kann.

Abb. 3: Blasenstein

Therapie im Alter

Die Therapie geriatrischer Kaninchen ist in der ­Regel multi­modal angelegt, wobei der Schmerz­therapie eine zentrale Bedeutung zukommt. Chronische ­Schmerzen führen nicht nur zu Inappetenz und redu­zierter Bewegungs­aktivität, sondern ­begünstigen auch Verschmutzungen und sekundäre Haut­probleme. Da ­Arthrose zu den häufigsten Befunden zählt, ist ­neben einem ­konsequenten Gewichtsmanagement und ­gezielten Haltungsanpassungen vor allem eine ­adäquate, ausreichend dosierte Analgesie entscheidend. Zur Dosierung von Meloxicam wird eine kaninchenspezifische Anpassung betont: „Für Kaninchen sind ein Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zweimal täglich empfohlen“, erklärt Brabetz. Ergänzend kommen Metamizol oder bei starken ­Schmerzen ­Opioide zum Einsatz. Gabapentin kann bei aus­geprägtem Stress oder neuropathischer Schmerzkomponente ebenfalls hilfreich sein. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien steht die Lebens­qualität im Vordergrund. Anhaltende Schmerzen, fehlende Mobilität, ausgeprägte Verschmutzung oder therapie­resistente Organerkrankungen erfordern eine tierärztlich begleitete Entscheidungs­findung – wenn es sein muss, zur Euthanasie.

Abb. 4: Harnröhrenstein

Ziel der geriatrischen Betreuung bleibt eine ­stabile Lebens­qualität durch strukturierte Diagnostik, adä­quate Analgesie, optimierte Fütterung und ange­passte Haltung. Ergänzend gewinnt in der geriatrischen Kaninchenmedizin die fachliche Vernetzung zu­nehmend an Bedeutung – komplexe Zahnpathologien, ausgedehnte Abszesse, onkologische Fragestellungen oder spezielle bildgebende Verfahren erfordern Erfahrung und technische Ausstattung, die nicht in jeder Praxis verfügbar sind. Eine frühzeitige Weiterüberweisung an entsprechend spezialisierte Kolleginnen und Kollegen verbessert Diagnosesicherheit und Therapie­planung. „Ich finde es sehr wichtig, dass die ­Kolleg*innen sich rechtzeitig dazu entschließen, einen Patienten weiterzuschicken und nicht zu lange abzuwarten. Leider habe ich schon viele schlimme Krankheitsverläufe durch eine falsche Therapie gesehen“, erzählt Brabetz.

Auch kann das Besuchen von Fortbildungen oder ­Workshops dazu beitragen, dass das Verständnis ­bezüglich adäquater Therapien wächst. Eine klare ­Kommunikation der eigenen fachlichen Grenzen sowie die Bereitschaft zur Über­weisung gelten dabei als wichtige Bestandteile qualitätsorientierter tierärztlicher Arbeit.

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