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Ein österreichischer Landtierarzt von Weltruf – Ao. Univ.-Prof. VR Dr.med.vet. Oswald Kothbauer zum 100. Geburtstag

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
28.08.26

Inhaltsverzeichnis

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Ausgabe 07-08/2026

S. Sabadello, A. Zohmann

Oswald Kothbauer wurde am 23. Dezember 1926 in Wien geboren und wuchs in Niederösterreich auf. Sein Vater Oswald, schon im Ersten Weltkrieg Militärtierarzt, war in Großmugl Landestierarzt (vergleichbar heute einem ­Landesveterinärdirektor); 1930 bekam er einen Posten der niederösterreichischen Landesregierung in Matzen im Marchfeld. Oswald jun. und sein Bruder Walther verbrachten dort ihre Kindheit (Letzterer wurde Techniker und konstruierte für Oswald den sog. „Schmerzpunktdetektor“ zur Auffindung ­aktiver Akupunkturpunkte beim Rind). 1940 wurde der Vater als Kreistierarzt nach Monschau/Eifel (D) berufen, um dort auf die reichsdeutschen Veterinärgesetze eingeschult zu werden. 1942 kehrte die Familie nach Österreich (Grieskirchen) zurück, wo Oswald jun. die 6. Klasse Realgymnasium in Ried im Innkreis absolvierte. 1943 Kriegseinsatz: Zuerst (mit 17) als Luftwaffenhelfer in Linz, dann Ranshofen; 1944 Reichsarbeitsdienst in Altmünster, dann zur Ausbildung als Soldat zur Luftwaffe nach Wien und sodann nach Südfrankreich (Nimes). Nach dieser Ausbildung Rückzug, Februar 1945 (gerade erst 18 geworden) amerikanische Kriegs­gefangenschaft (Arbeitslager im französischen Maubeuge).
Am 16. November 1945 Heimkehr nach Grieskirchen; Juni 1946 Matura in Ried im Innkreis. Studium an der Tierärztlichen Hochschule (heute VMU) Wien. Als Student verbrachte Kothbauer die Ferien in Grieskirchen und begleitete seinen Vater in der Praxis. So bekam er einen guten Einblick in das Leben der Menschen und konnte das gute Einvernehmen seines Vaters mit den Bauern miterleben. Damals (Ende der 40er-Jahre) bemerkte er, dass es sehr schwierig war, beim Tier konkrete Diagnosen zu stellen; man versuchte in erster Linie, über die Anamnese auf die Ursache der Erkrankung zu schließen. Nach der Promotion zum Doktor der Veterinärmedizin 1952 begann Oswald Kothbauer seine eigene tierärztliche Tätigkeit in Grieskirchen. Zu dieser Zeit kam ihm zu Kenntnis, dass schon 1885 der englische Neurologe Sir Henry Head eine Beziehung zwischen Hautregionen und inneren ­Organen beschrieben hatte: die „Head’schen Zonen“, heute „Dermatome“. Nach intensiver Befassung mit dieser Thematik reifte in Kothbauer der Wunsch, diese Beziehung auch bei Tieren zu suchen. In seinem ersten Artikel (1959) beschrieb er die von ihm gefundenen kutanen Druckpunkte beim Rind auch in Zusammenhang mit der Homöopathie (Grundlage dafür: Schoeler, H. – „Die Weihe’schen Druckpunkte, ihre Beziehung zur Akupunktur, Neuraltherapie und Homöo­pathie“, Haug 1954).

Der Ansatz für die Theorie war, in bestimmte Akupunkturpunkte Homöopathika zu injizieren, um dadurch die Wirksamkeit einer Akupunktur zu erhöhen. Auf diese Weise könne man nicht nur im Sinne der Neuraltherapie arbeiten, also das im Reflexbogen liegende Organ entstören, sondern auch eine Wirkung auf den ganzen Organismus erzielen. Zwei Jahre später beschrieb Kothbauer seine Druckpunktdiagnose noch genauer.
Oswald Kothbauer hat Hunderte Krankengeschichten gesammelt. In Verbindung mit schulmedizinischer Diagnostik konnte er feststellen, dass bei gleichen Erkrankungen immer wieder auch die gleichen Punkte druckschmerzhaft waren. Er verglich diese Punkte mit Akupunkturtafeln aus der Humanmedizin, da es zur damaligen Zeit für Tiere noch nichts Vergleichbares gab.

Seine Arbeiten würdigte auch Kothbauers ehemaliger Anatomieprofessor Dr. Schreiber mit folgenden Worten: „Es ist interessant, dass Wiener Fachärzte in den letzten Tagen in der Tratschpresse (‚Bunte Illustrierte‘) erzählen, sie hätten eine neue Therapie, die Segmenttherapie, eingeführt! Ich freue mich, dass Sie, lieber Herr Kollege, die Idee der ‚Kothbauer’schen Schmerzpunkte‘ weiter bearbeitet haben. Sie wird mit Ihnen auch eine Leistung der Wiener Schule werden!“

Inzwischen hatten sich auch Kothbauer und Dr. Johannes ­Bischko (der Pionier der westlichen Humanakupunktur) kennen­gelernt und eine bald von Freundschaft geprägte Zusammenarbeit entwickelt. Bischko sprach darüber, dass Humanmedizinern immer wieder vorgeworfen werde, die Wirkung der Akupunktur beruhe nur auf Einbildung oder Hypnose; wenn diese Methode aber auch bei Tieren funktioniere, dann könne man doch davon ausgehen, dass durch Akupunktur tatsächlich Wirkungen erzielt werden.

In weiterer Folge führte Kothbauer dann eine Reihe klar abgegrenzter Versuche an Tieren durch, um die Akupunktur weiter zu entwickeln und zu erforschen. Zum Beispiel setzte er einen Reiz an einem inneren Organ beim Rind, etwa am Uterus, und konnte dann feststellen, dass in kürzester Zeit der zugehörige Punkt an der Haut auf Druck schmerzhaft wurde. Da von diesem Zeitpunkt an vom positiven Nachweis der Wirkung des viszero-kutanen Reflexes ausgegangen werden konnte, wurden die Versuche systematisch fortgesetzt und die Ergebnisse (großteils in der „Wiener Tierärztlichen Monatsschrift“) publiziert. Der damalige Rektor der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Prof. Dr. Rudolf Supperer, regte Kothbauer dazu an, alle seine Erkenntnisse und Beobachtungen niederzuschreiben. Die Zusammenfassung der Untersuchungen und gewonnenen Erkenntnisse mit ­Akupunktur und Neuraltherapie bei Rindern mit Fertilitätsproblemen zu ­einem Buch stellten auch die Grundlage für die spätere Habilita­tion von Kothbauer dar.

Durch zahlreiche Publikationen gelangten seine Erkenntnisse bis nach Amerika. Er wurde dorthin eingeladen, um die von ihm gefundenen Punkte und Zusammenhänge darzustellen und zu interpretieren. Die anfängliche Skepsis überwand er mit einer Demonstration, bei der er mit seiner Punktediagnostik an einer Kuh die erkrankten Organe vor dem Publikum korrekt diagnostizierte.

In weiterer Folge hielt Kothbauer Vorträge in vielen Ländern und konnte sein Wissen an sehr viele Menschen weitergeben. Seine Vortragstätigkeit erstreckte sich besonders auf Europa, Nord-und Südamerika, Afrika sowie Taiwan.

Am 4. April 2022 verstarb Oswald Kothbauer im 96. Lebensjahr.