Ausgabe 10/2026
Mag. Silvia Stefan-Gromen
Ältere Hunde werden von ihren Halter*innen häufig als gesund befunden, solange sie fressen, sich bewegen und keine offensichtlichen Beschwerden zeigen. Doch gerade im Alter können Erkrankungen lange unspezifisch oder klinisch unauffällig verlaufen. Eine aktuelle prospektive Studie liefert konkrete Daten zum diagnostischen Nutzen wiederholter Gesundheitsuntersuchungen bei scheinbar gesunden Senior- und geriatrischen Hunden.
Studienautorin Sofie Marynissen untersuchte mit ihren Kolleg*innen an der Universität Gent 122 Hunde, die von ihren Halter*innen als gesund eingeschätzt wurden. Die prospektive Längsschnittstudie umfasste Anamnese, klinische Untersuchung, Blutuntersuchung und Harnanalyse. Die Untersuchungen wurden nach zwölf und 24 Monaten wiederholt.
Bereits die Eingangsuntersuchung relativierte den Eindruck der „Gesundheit“: Bei 20 % der 122 Hunde wurde mindestens eine zuvor nicht erkannte Erkrankung festgestellt. Für die zweijährige Nachbeobachtung verblieben 98 Hunde ohne initial diagnostizierte Erkrankung.
Neue Erkrankungen trotz unauffälligem Ausgangsbefund
Auch bei diesen – zunächst bestätigt gesunden – Hunden traten im weiteren Verlauf relevante Erkrankungen auf. Die häufigsten Krankheitsgruppen waren Neoplasien mit einer kumulativen Inzidenz von 12 %, neurologische Erkrankungen mit 11 %, azotämische chronische Nierenerkrankungen mit 8 % und orthopädische Erkrankungen mit 5 %.
Bemerkenswert ist der Befund bei malignen Neoplasien: Bei acht von 17 Hunden mit einem bösartigen Tumor konnte der Verdacht bereits durch die körperliche Untersuchung gestellt werden. Dabei spielten unter anderem die Palpation von Haut und Milchleisten sowie die rektale Untersuchung eine Rolle. Ein sorgfältiger klinischer Status bleibt damit auch bei umfangreicher Labordiagnostik ein wichtiges Screening-Instrument.
Konsequenzen für die Praxis
Die Studie spricht dafür, Gesundheitschecks bei älteren Hunden nicht allein als Reaktion auf konkrete Beschwerden zu verstehen. Besonders relevant erscheint die wiederholte Beurteilung der Nierenfunktion sowie des neurologischen und orthopädischen Status. Für die Erkennung bestimmter Neoplasien kommt gründlicher klinischer Untersuchung besondere Bedeutung zu.
Die Arbeit von Marynissen et al. liefert jedenfalls einen wichtigen Baustein für die Evidenzbasis der geriatrischen Vorsorge. Bei einem Fünftel der zunächst als gesund vorgestellten älteren Hunde wurde bereits bei der ersten Untersuchung eine bislang unerkannte Erkrankung gefunden. Die Studie belegt nicht, dass Vorsorge automatisch zu längerem Leben führt – sie zeigt aber, dass wiederholtes Screening zusätzliche klinisch relevante Informationen liefert, und schafft damit eine fundierte Grundlage für die weitere Betreuung geriatrischer Patienten.
Literatur
Marynissen S, Mortier F, Duchateau L, Smets P, Daminet S, Paepe D. Exploring the Importance of Repeated Health Screening in Healthy Older Dogs. Journal of Veterinary Internal Medicine. 2025; 39 (4): e70166. doi: 10.1111/jvim.70166.