Ausgabe 09/2026
Laschinger et al., Vetmeduni Wien und Boku; 2024
Die Lahmheit beim Rind zählt zu den bedeutendsten Gesundheits- und Tierschutzproblemen in der Milchviehhaltung und verursacht erhebliche wirtschaftliche Verluste durch Leistungseinbußen, Fruchtbarkeitsstörungen und vorzeitige Remontierungen.
Für die tierärztliche Bestandsbetreuung ist jedoch nicht nur die tatsächliche Prävalenz entscheidend, sondern auch die Frage, wie zuverlässig Lahmheit im Alltag erkannt und eingeschätzt wird. Genau dieser Aspekt wurde in einer österreichischen Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der Boku untersucht (Laschinger et al., 2024):
Insgesamt wurden 632 Kühe aus elf österreichischen Milchviehbetrieben beurteilt, darunter laktierende und trockenstehende Tiere. Die Lahmheitsbeurteilung erfolgte anhand eines standardisierten Locomotion Score (LCS 1–5), der von einer Expertin als Referenzstandard, einer geschulten Studentin sowie den jeweiligen Landwirten im Betrieb erhoben wurde. Ziel war es, die Übereinstimmung zwischen diesen Gruppen zu analysieren und systematische Unterschiede in der Wahrnehmung von Lahmheit aufzudecken.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen objektiver Beurteilung und betrieblicher Einschätzung: Während die Expertin eine Lahmheitsprävalenz (LCS ≥ 2) von 63,1 % feststellte, lag der Wert der Studentin nach kurzer Schulung bei 60,2 %. Die Landwirte hingegen erkannten lediglich 37,3 % der Tiere als lahm. Damit wurde die tatsächliche Lahmheitsproblematik im Mittel um rund 25 Prozentpunkte unterschätzt. Besonders auffällig war diese Differenz bei milden Lahmheitsformen (LCS 2), die in der Praxis häufig noch als unauffällig interpretiert werden, obwohl sie bereits klinisch relevant sind und frühe Interventionen ermöglichen würden.
Gleichzeitig zeigte die Studie, dass die Erkennung mit kurzer Schulung deutlich verbessert werden kann. Die Übereinstimmung zwischen Expertin und Studentin war bereits nach einer kurzen Trainingsphase hoch, insbesondere bei moderater und deutlicher Lahmheit (LCS 3–4). Dies unterstreicht, dass Locomotion Scoring kein hoch spezialisiertes Verfahren sein muss, sondern durch gezielte Schulung gut in die Praxis integrierbar ist. Entscheidend sind dabei die Standardisierung der Beobachtung und die konsequente Anwendung im Betriebsalltag.
Für die tierärztliche Praxis ergibt sich daraus ein klarer Handlungsrahmen. Lahmheit wird in vielen Betrieben systematisch unterschätzt, insbesondere in frühen Stadien, die prognostisch besonders relevant sind. Genau hier liegt jedoch der größte Präventionshebel, da früh erkannte Läsionen häufig noch reversibel sind und chronische Verläufe vermieden werden können. Die Studie zeigt zudem, dass bereits einfache Schulungsmaßnahmen eine signifikante Verbesserung der Erkennungsrate bewirken können und somit ein effektives Instrument der Bestandsbetreuung darstellen.
Damit verschiebt sich die Rolle der Tierärzteschaft zunehmend von der reinen Behandlung einzelner Lahmheitsfälle hin zur systematischen Verbesserung der Wahrnehmung und Früherkennung im gesamten Bestand. Regelmäßige gemeinsame Locomotion-Scoring-Einheiten, die Integration in Routineabläufe wie Fütterung oder Melken sowie die Schulung von Landwirten und Stallpersonal stellen zentrale Bausteine einer modernen Lahmheitsprävention dar.
Zusammenfassend verdeutlicht die Studie, dass Lahmheit in Milchviehbetrieben nicht nur häufiger ist als subjektiv wahrgenommen, sondern auch strukturell unterschätzt wird. Gleichzeitig zeigt sie, dass bereits einfache, praxisnahe Schulungsmaßnahmen einen erheblichen Beitrag zur Verbesserung der Früherkennung leisten können. Für die tierärztliche Bestandsbetreuung ergibt sich daraus die klare Konsequenz, Lahmheitsmonitoring stärker als kontinuierlichen Prozess zu etablieren und nicht als punktuelle Einzelmaßnahme zu verstehen.
Quelle
Lameness prevalence in lactating and dry cows – expert’s, student’s and farmers’ assessments; Jasmin Laschinger, Sophie Linnenkohl, Birgit Fuerst-Waltl, Johann Kofler: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39173613/ – DOI: 10.1055/a-2335-8275



