Editorial 04/2026
Sehr geehrte Kolleginnen, sehr geehrte Kollegen!
Die Attraktivität des tierärztlichen Berufs – insbesondere im Nutztierbereich – nimmt weiter ab. Bürokratie, steigende Auflagen und wachsende Belastungen prägen den Alltag, während echte Verbesserungen ausbleiben. Die Niederlassung wird unattraktiver, die Versorgung dünner, und als politische Antwort wird zunehmend die Delegation tierärztlicher Aufgaben an Tierhalter*innen propagiert.
Begründet wird dies damit, dass es zu wenige Tierärzt*innen gebe oder sie bestimmte Leistungen nicht mehr erbringen könnten. Diese auf den ersten Blick pragmatische Argumentation ist jedoch kurzsichtig und verweist auf ein strukturelles Problem: die Frage nach dem zukünftigen Wert tierärztlicher Arbeit und der wirtschaftlichen Grundlage niedergelassener Tierärzt*innen.
Die eigentliche Gefahr liegt in der fortschreitenden Trivialisierung der tierärztlichen Leistung: Wird diese auf Routinetätigkeiten reduziert, verliert sie an Wert; unabhängig von anderslautender „Wertschätzung“, die sich letztlich an konkreten Maßnahmen messen lassen muss.
„Geiz ist geil“ darf kein Leitprinzip in der tierärztlichen Versorgung sein. Die billigste Lösung ist selten die beste – schon gar nicht, wenn es um die Gesundheit von Tier und Mensch geht.
Das Modell eines überregional agierenden Betreuungstierarztes bzw. einer Betreuungstierärztin, der/die Betriebe aus der Distanz versorgt, Medikamente liefert und Routineaufgaben an Landwirt*innen delegiert, mag wirtschaftlich effizient erscheinen und ist in manchen Bereichen bereits Realität. Doch ist es wirklich tragfähig, insbesondere etwa in der Rinderbranche?
Offen bleibt: Wer übernimmt die akute Versorgung vor Ort, die Behandlung im Notfall oder eine fachgerechte Euthanasie zur Vermeidung unnötigen Leidens? Viele Landwirt*innen sind mit solchen Situationen überfordert.
Die jüngsten Seuchenausbrüche zeigen bereits, wie fragil das System geworden ist. Weniger Tierärzt*innen bedeuten nicht mehr Effizienz, sondern Kontrollverlust.
Ein auf maximale Kostenreduktion ausgelegtes System wird damit zur ernsthaften Gefahr für Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit – und letztlich auch für die öffentliche Gesundheit.
Mag diese Entwicklung das Resultat jahrelanger strategischer Bemühungen einzelner landwirtschaftlicher Interessenvertreter*innen sein, so zeigt sich gleichzeitig ein anderes Bild an der Basis: Viele Landwirt*innen wollen eine verlässliche betriebsnahe Versorgung durch ihre/n Vertrauenstierarzt/Vertrauenstierärztin – flexibel, erreichbar und kompetent. Denn was nützt der Experte oder die Expertin in 200 Kilometern Entfernung, wenn
vor Ort akuter Handlungsbedarf besteht?
Diese Problematik beschränkt sich längst nicht mehr auf den Nutztierbereich: Auch im Kleintiersektor wird der tierärztliche Tätigkeitsvorbehalt zunehmend ausgehöhlt – nicht zuletzt durch gewerbliche Anbieter*innen, die in Graubereichen agieren. Der Kern des Problems ist ein Fehlen von Anerkennung, Respekt und gelebter Wertschätzung tierärztlicher Arbeit. Der wahrgenommene Wert eines Tiers beeinflusst dabei oft auch die Bewertung tierärztlicher Leistungen, besonders in der Nutztierpraxis. Wer eine flächendeckende patientennahe Versorgung sichern will, muss die richtigen Konsequenzen ziehen: ausreichend Tierärzt*innen mit tragfähigen Arbeitsbedingungen, die von ihrer Arbeit leben können. Alles andere ist kein Fortschritt, sondern ein riskanter Rückschritt.
Mag. Kurt Frühwirth
Präsident der Österreichischen Tierärztekammer
