Editorial Ausgabe 03/2026
Sehr geehrte Kolleginnen, sehr geehrte Kollegen!
Der Austritt der ÖTK aus der Tiergesundheit Österreich (TGÖ) kommt für aufmerksame Beobachter*innen nicht überraschend. Wie viele in der Zwischenzeit auch verstanden haben, geht es dabei nicht um einen Austritt aus den anerkannten Tiergesundheitsdiensten (TGD) der Länder; vielleicht hat auch die potenzielle Verwechslungsgefahr für Verunsicherung gesorgt.
Was als breit getragenes Kooperationsmodell gedacht war, entwickelte sich zunehmend zu einem Konstrukt mit divergierenden Interessen – und zu wenig klarer Verantwortung. Zu lange wurden strukturelle Schwächen, Kompetenzkonflikte und mangelnde Transparenz hingenommen.
Insbesondere das „freiwillig“ verpflichtende Programm „Erweitertes Tiergesundheitsmonitoring“ (ETGM) offenbarte schon beim Start der TGÖ grundlegende Probleme: Fehlende Akzeptanz, offene Datenschutzfragen und ein zweifelhafter Mehrwert für Betriebe und Tierärzteschaft sorgten für heftige Diskussionen auch in der Kollegenschaft. Auch die aktuell aufgeflammte Debatte rund um mögliche Impfstofffreigaben im Rinderbereich zeigt, wie sensibel die Balance zwischen Landwirtschaft und tierärztlicher Verantwortung ist. Der tierärztliche Tätigkeitsvorbehalt gewährleistet dabei fachliche Unabhängigkeit, wissenschaftliche Fundierung und eine klare Verantwortungszuweisung – und darf daher nicht schleichend ausgehöhlt, sondern muss konsequent geschützt werden.
Doch das Signal wirkt noch weitreichender. Österreich verliert zunehmend Großtierärztinnen und -tierärzte, Nachbesetzungen bleiben aus. Ohne wirtschaftlich tragfähige Praxisstrukturen gerät nicht nur ein Berufsstand unter Druck, sondern die Versorgungssicherheit ganzer Regionen. Das Veterinärwesen ist systemrelevant – gesundheitspolitisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch.
Der Austritt ist daher mehr als ein formaler Schritt. Er verdeutlicht die Dringlichkeit: Es braucht endlich eine nationale Strategie für die tierärztliche Versorgung, ein klares politisches Bekenntnis und tragfähige Strukturen. Ohne rasches Handeln droht der Verlust von Landtierärztinnen und -tierärzten, was langfristig auch die Landwirtschaft und damit die Lebensmittelsicherheit unseres Landes gefährdet. Gleichzeitig sind Innovationen, gezielte Förderungen und Nachwuchskonzepte erforderlich, um den Beruf wieder attraktiv und zukunftssicher zu gestalten.
Mag. Kurt Frühwirth
Präsident der Österreichischen Tierärztekammer