Schwerpunkt

Resistente Parasiten auf dem Vormarsch – Resistenzentwicklung, Diagnostik und Praxisstrategien

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
24.04.26

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Dr. Sophie Hanak

Ausgabe 04/2026

Anthelminthika-Resistenzen entwickeln sich in der ­Pferde-, Wiederkäuer- und zunehmend auch in der Kleintiermedizin zu einer wachsenden Heraus­forderung. Gleichzeitig verändern sich Haltungs- und Umweltbedingungen so, dass sich parasitäre Infektionen in ­vielen Beständen anders ausbreiten und länger relevant bleiben. Damit geraten Entwurmungsschemata immer stärker an ihre Grenzen.

Eine deutschlandweite Feldstudie untersuchte die Wirksamkeit gängiger Anthelminthika in Schaf- und Ziegen­beständen anhand von 253 Behandlungen in 223 ­Herden zwischen September 2019 und ­Dezember 2020. Die Effektivität der eingesetzten Präparate ­wurde mithilfe eines Faecal Egg Count Reduction Tests (FECRT) bestimmt, bei dem die Eiausscheidung vor und nach der Behandlung aus gepoolten Kotproben verglichen wurde. Dabei zeigte sich, dass rund 36 % der Behandlungen keine ausreichende Wirksamkeit (Eizahlreduktion < 95 %) erreichten, was auf eine weitverbreitete verminderte Wirksamkeit verschiedener Wirkstoffklassen hinweist. Besonders häufig waren reduzierte Behandlungserfolge bei Benzimidazolen und teilweise auch bei Moxidectin zu beobachten, während Levamisol, Monepantel sowie die Kombination aus Closantel und Mebendazol bessere Ergebnisse zeigten. In vielen Fällen überlebte insbesondere der blutsaugende Nematode Haemonchus contortus die Behandlung, was auf eine selektive Resistenzentwicklung hinweist.

Anthelminthika-Resistenzen stellen auch beim Pferd ein zunehmendes Problem dar, vor allem punkto der weitverbreiteten kleinen Strongyliden (Cyathostominae). Durch jahrzehntelange routinemäßige Entwurmungsprogramme hat sich eine ausgeprägte Resistenz gegen­über mehreren Wirkstoffklassen entwickelt. Besonders häufig ist Resistenz gegenüber Benzimidazolen, während auch für Pyrantel sowie teilweise für makro­zyklische Laktone eine verminderte Wirksamkeit beschrieben wurde. Als Reaktion darauf gewinnen selektive Entwurmungsstrategien an Bedeutung, bei denen Behandlungen auf Basis von Kotuntersuchungen und der individuellen Eiausscheidung der Pferde erfolgen.

Selektionsdruck und Resistenzentwicklung

Eine mögliche Ursache für die Zunahme von Anthelminthika-­Resistenzen ist der über viele Jahre hinweg hohe Selektionsdruck auf Parasiten­populationen. Dieser entsteht vor allem durch häufige oder routine­mäßige Entwurmungen, bei denen empfindliche Parasiten abgetötet werden, während resistente ­Individuen überleben und sich weiter vermehren ­können. Zusätzlich können Faktoren wie Unterdosierungen, eine wieder­holte Anwendung derselben Wirkstoff­klassen sowie mangelnde diagnostische Kontrolle die Resistenz­entwicklung begünstigen. Dadurch verschiebt sich die Zusammensetzung der Parasitenpopulation zunehmend zugunsten resistenter Stämme. In der Folge nimmt die Wirksamkeit der verfügbaren Anthelminthika im Lauf der Zeit immer weiter ab.

Neben häufigen Entwurmungen können auch Unter­dosierungen von Anthelminthika zur Resistenz­entwicklung beitragen, da dabei einige Parasiten die ­Behandlung überleben und resistente Gene weitergeben können. Ein weiterer wichtiger Faktor ist ein zu geringer Anteil unbehandelter Parasitenpopulationen (Refugia), wodurch resistente Parasiten leichter dominieren können. Auch der Zukauf von Tieren ohne vorherige para­sitologische Kontrolle kann resistente Parasiten zwischen Beständen verbreiten und so die Resistenzentwicklung fördern.

Praktische Erfahrung

Auch aus der praktischen tierärztlichen Betreuung von Schaf- und Ziegenbetrieben wird berichtet, dass Anthelminthika-­Resistenzen zunehmend ein Thema sind. Über viele Jahre ­haben bestimmte Wirkstoffe, etwa Moxidectin, sehr ­zu­verlässig funktioniert. Besonders problematisch ist dabei eine ­falsche Anwendung der Medikamente. „Die ­Würmer werden eher resistent, wenn unterdosiert wird oder wenn Medikamente sehr häufig eingesetzt werden,“ sagt der auf kleine Wiederkäuer spezialisierte Tierarzt Mag. Martin Gruber aus Semriach.

Das Auftreten von Resistenzen hängt stark vom Management in den einzelnen Betrieben ab. Betriebe mit guter tierärztlicher Betreuung und korrekter Dosierung hätten deutlich seltener Probleme.

Diagnostik, Praxisgrenzen und Klimafaktoren

Es gibt mehrere strukturelle Faktoren, die die Verbreitung resistenter Parasiten begünstigen können. Dazu zählen größere Bestände, intensivere Nutzung der Weideflächen sowie der Austausch von Zuchttieren zwischen Betrieben. Zudem beziehen viele Zuchtbetriebe Tiere aus verschiedenen Beständen, die nicht selten bereits mit Würmern infiziert sind. Auch die insgesamt gewachsene Population kleiner Wiederkäuer kann eine Rolle spielen – in Österreich hat sich die Zahl der Schafe in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht, wodurch auch der Infektionsdruck auf den Weiden gestiegen ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass heute häufiger Resistenzen festgestellt werden, weil insgesamt mehr diagnostische Untersuchungen durchgeführt werden.
Während Kotuntersuchungen früher selten waren, ge­hören sie heute in vielen Betrieben zum Standard. Gerade die Kontrolle nach einer Entwurmung ist wichtig, um sicherzustellen, dass ein eingesetztes Anthelminthikum tatsächlich wirksam war.

Bei der praktischen Umsetzung wissenschaftlicher ­Konzepte zur Resistenzkontrolle gibt es jedoch auch Grenzen – Methoden wie Targeted Selective Treatment oder Eizahlreduktionstests sind wissenschaftlich sinnvoll, in der Praxis aber nicht immer leicht umzu­setzen.Der Einfluss des Klimawandels auf Anthelminthika-­Resistenzen dürfte eher gering ein. Zwar können Wetterbedingungen den Infektionsdruck beeinflussen, etwa durch längere Perioden mit feucht-warmen Bedingungen, die die Entwicklung von Parasiten begünstigen; gleichzeitig könnten aber lange Trockenphasen den Infektionsdruck auch wieder reduzieren. Wenn es lange trocken ist, sinkt der Infektionsdruck und wenn es warm und nass ist, dann steigt er wieder. Einen klaren langfristigen Trend gibt es jedoch nicht. Stärker betroffen sind ­davon eher andere Parasiten wie Ektoparasiten oder Insekten.

Individuelles Wurmmanagement und praktische Grundprinzipien

Beim Wurmmanagement wird vor allem eine betriebsindividuelle Strategie empfohlen, die an Größe, Produktionssystem und Weidenutzung angepasst ist. Ein zentraler Punkt ist, den Parasitenbefall möglichst niedrig zu halten, insbesondere vor der Winter­periode. Entscheidend ist, dass die Bestände möglichst wurmfrei in den Winter gehen. Tiere mit geringer Parasitenbelastung seien in besserer Kondition und scheiden im folgenden Jahr auch weniger Wurmeier aus, wodurch langfristig auch der Infektionsdruck auf den Weiden sinken kann.

Insgesamt zeigt die praktische Erfahrung aus der tierärztlichen Betreuung, dass ­Anthelminthika-Resistenzen ein komplexes Zusammenspiel aus Medikamenteneinsatz, Betriebsmanagement, Tierbewegungen und diagnostischer Kontrolle darstellen. Ein erfolgreiches Wurmmanagement muss daher immer an die je­weiligen betrieblichen Bedingungen angepasst werden. Es gibt keine Lösung, die für alle Betriebe gleich gut funktioniert – das Management muss immer individuell angepasst werden.

Unabhängig vom jeweiligen Betrieb gelten jedoch einige grundlegende Prinzipien: eine korrekte Dosierung der Anthelminthika, eine Quarantäne- und Kontrollbehandlung bei zugekauften Tieren sowie ein angepasstes Weidemanagement, etwa durch regelmäßigen Weidewechsel. Diese Maßnahmen lassen sich in den meisten Betrieben umsetzen und helfen, die Ausbreitung resistenter Parasiten zu verlangsamen.