Mag. Silvia Stefan-Gromen
Ausgabe 03/2026
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine ausführliche wissenschaftliche Bewertung zur Haltung von Puten veröffentlicht. Darin benennt sie wesentliche Problembereiche und spricht konkrete Empfehlungen für eine Überarbeitung der EU-Tierschutzvorschriften aus.
Erstmals hat die EFSA umfassend analysiert, wie es Puten unter landwirtschaftlichen Haltungsbedingungen geht. Für diese Tierart existieren bislang keine spezifischen EU-Vorgaben; derzeit greift lediglich die allgemeine Tierschutzrichtlinie 98/58/EG.
Untersucht wurden Mast- und Zuchtputen aller Altersgruppen unter praxisüblichen europäischen Bedingungen. Die Bewertung stützt sich auf verfügbare wissenschaftliche Literatur, Expertenanhörungen sowie eigene Modellberechnungen zum Platzbedarf von Puten.
Berücksichtigt wurden unter anderem folgende Faktoren: Platzangebot, Qualität der Einstreu, vorhandenes Beschäftigungsmaterial, Schadgasbelastung im Stall, Lichtverhältnisse, Gruppengrößen sowie Managementmaßnahmen wie Bestandsausdünnung, Futterrestriktion und verschiedene Eingriffe am Tier. Diese Aspekte ordnet die EFSA 19 definierten Folgen für das Tierwohl zu und benennt passende tierbezogene Indikatoren zur Beurteilung.
Besonders häufig nennt die EFSA folgende Problembereiche:
- zu hohe Besatzdichten
- feuchte oder stark verdichtete Einstreu
- fehlende Möglichkeiten zur Beschäftigung
- mangelhafte Luftqualität
- extreme Temperaturen
- Bestandsausdünnung („Flock thinning“)
- Auch in Zuchtbetrieben erkennt die Behörde Defizite, etwa wenn nicht genügend Nester zur Verfügung stehen.
Neu berechneter Mindestplatzbedarf
Ein Kernelement der EFSA-Stellungnahme ist ein neues „Verhaltensraum-Modell“ – damit wurde abgeschätzt, wie viel Platz Puten benötigen, um natürliche Verhaltensweisen wie Flügelschlagen, Staubbaden oder Balz ausführen zu können.
Das Ergebnis zeigt, dass der Platzbedarf deutlich höher liegt als in vielen Betrieben derzeit üblich:
- Puten mit max. 7 kg Körpergewicht: mindestens 0,49 m²
- Puten mit max. 25 kg Körpergewicht: mindestens 0,82 m²
Nach Einschätzung der EFSA reicht das aktuelle Platzangebot häufig nicht aus, um die besagten Verhaltensweisen zu ermöglichen.
Bedeutung von Einstreu, Beschäftigung und Management
Die Qualität der Einstreu bewertet die EFSA als entscheidenden Einflussfaktor. Liegt die Feuchtigkeit dauerhaft bei über rund 40 %, steigt das Risiko für Fußballenentzündungen, Hautverletzungen und Atemwegserkrankungen. Daher betont die Behörde die Wichtigkeit geeigneter Materialien, ausreichender Einstreumengen und eines angepassten Stallklimas.
Ebenso zentral ist laut EFSA ein strukturiertes Umfeld mit Beschäftigungsmöglichkeiten: Erhöhte Ebenen, manipulierbare Materialien und klar gegliederte Stallbereiche können Verhaltensstörungen, Verletzungen und Spannungen innerhalb der Gruppe verringern. Sitzstangen hält die EFSA für schwere Puten hingegen für weniger geeignet.
Mehrere verbreitete Managementpraktiken werden kritisch gesehen. Dazu zählen die Ausdünnung der Bestände während der Mast sowie die frühzeitige Entnahme von Hennen, während die Hähne weiter gemästet werden. Diese Verfahren gehen laut EFSA mit Phasen erhöhter Besatzdichte, zusätzlichem Stress durch Fangaktionen sowie zeitweisem Futter- und Wasserentzug einher. Die Behörde empfiehlt, solche Praktiken einzustellen oder nur unter streng begrenzten Bedingungen zuzulassen.
Schmerzhaften Eingriffen entgegenwirken
Klar positioniert sich die EFSA gegen das Kürzen der Schnäbel, das Entfernen des Hautanhangs am Schnabel („Snood“) sowie das Kürzen der Zehen. Diese Eingriffe sollen nach Auffassung der Behörde schrittweise beendet werden. Stattdessen müsse die Haltung so verbessert werden, dass solche Maßnahmen nicht mehr notwendig sind.
Zuchtziele neu ausrichten
Auch die Zucht nimmt die EFSA in den Blick: Bisher stehen vor allem schnelles Wachstum und hohe Endgewichte im Vordergrund – künftig sollten nach Ansicht der Behörde robustere Tiere gezüchtet werden, die sich besser fortbewegen können und seltener unter Beinproblemen leiden.
Tierwohlindikatoren aus Schlachthöfen nutzen
Zur besseren Kontrolle der Haltungsbedingungen empfiehlt die EFSA, bestimmte Tierwohlindikatoren systematisch in Schlachthöfen zu erfassen. Dazu gehören:
- Fußballenentzündungen
- Sterblichkeit
- Gefiederschäden
- Wunden
- Brustblasen
- Veränderungen am Schlachtkörper
Diese Daten können Rückschlüsse auf das Wohlbefinden der Tiere während der Mastzeit geben.
Weiterer Forschungsbedarf
Obwohl viele Aussagen laut EFSA wissenschaftlich gut abgesichert sind, bestehen weiterhin Wissenslücken. So fehlen unter anderem ausreichende Daten zur optimalen Gruppengröße, zur passenden Lichtintensität oder zur idealen Menge an Beschäftigungsmaterial. Auch die Frage, wie viele Nester Zuchthennen tatsächlich benötigen, ist aus Sicht der Behörde noch nicht abschließend geklärt.
Die Stellungnahme dient der Europäischen Kommission als wissenschaftliche Grundlage für mögliche neue Rechtsvorschriften. Sollte die EU künftig spezifische Regelungen für die Putenhaltung einführen, könnten die Empfehlungen der EFSA maßgeblich sein – mit mehr Platz, weniger Stress und weniger schmerzhaften Eingriffen für die Tiere.
Quelle
https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2026.9851
In den folgenden Grafiken von der ZAG (Zentrale Arbeitsgemeinschaft Geflügenwirtschaft/Geflügelwirtschaft Österreich) wurden relevante Werte aus der österreichischen Geflügelhaltung mit jenen aus der EU-Produktion und der Produktion in der restlichen Welt verglichen: https://www.qgv.at/tierschutz-nachhaltigkeit/