Ausgabe 09/2026
Dr. Sophie Hanak
Wie sieht zeitgemäße Schmerztherapie rund um eine Operation aus – und was davon lässt sich in der Praxis wirklich umsetzen? Zwei Schmerzspezialistinnen der Vetmeduni Wien über multimodale Konzepte, Lokoregionalanästhesie und validierte Schmerzskalen.
Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde die Schmerzempfindung von Tieren deutlich unterschätzt – heute ist unbestritten, dass unbehandelter oder unzureichend behandelter Schmerz weit mehr anrichtet als Leid: Er hält den Sympathikotonus hoch, fördert Katabolismus und Immunsuppression und verzögert dadurch die Wundheilung, Patienten nehmen weniger Futter und Wasser auf, werden später mobil und neigen eher zu postoperativem Ileus und Selbsttraumatisierung; Klinikaufenthalte dauern länger. Über eine zentrale Sensibilisierung kann akuter Schmerz den Grundstein für ein chronisches Schmerzgeschehen legen. Somit zielen moderne Konzepte heute darauf ab, Schmerzen früh und auf mehreren physiologischen Ebenen gleichzeitig zu kontrollieren.
Multimodal: mehrere Angriffspunkte gleichzeitig
„Perioperativ denken wir heute multimodal. Dabei werden verschiedene Medikamente oder Verfahren kombiniert, die unterschiedliche Ebenen der Schmerzverarbeitung beeinflussen“, erklärt Dr. med. vet. Magdalena Nowak, Leiterin der Schmerzambulanz an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Ziel ist, die Dosis der Einzelsubstanzen zu senken, Nebenwirkungen zu reduzieren und eine bessere Analgesie zu erreichen. Wichtig ist dabei das Timing: „Analgetika, die vor dem chirurgischen Reiz wirken, brauchen dafür deutlich weniger Substanz als Analgetika, die einem bereits sensibilisierten Nervensystem hinterherlaufen“, so Nowak.
Dazu kommt eine zweite Ebene. „Schmerz ist nicht nur eine sensorische Größe – entscheidend ist auch, was er mit dem Patienten macht, und diese emotionale Komponente muss man mitbehandeln“, sagt Dr. med. vet. Stephanie von Ritgen, Fachtierärztin für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie sowie stellvertretende Leiterin der Schmerzambulanz. „Ein multimodales Konzept umfasst heute nicht nur Medikamente, sondern auch physikalische und pflegerische Maßnahmen, von der Kühlung über die warme, weiche Unterlage bis zum stressarmen Handling.“

Keine „Kochrezept-Medizin“: Was die Auswahl bestimmt
„Wir passen die Schmerztherapie individuell an, abhängig vom Eingriff, vom Allgemeinzustand, von den Begleiterkrankungen und der Art des zu erwartenden Schmerzes“, betont von Ritgen. Ein Beispiel sind nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAIDs), die bei vielen Operationen ein wichtiger Baustein der Analgesie sind. Renale Prostaglandine halten die Nierendurchblutung aber genau dann aufrecht, wenn der Perfusionsdruck sinkt, also in jeder Allgemeinanästhesie. Bei einem hypotensiven, hypovolämen oder dehydrierten Patienten kann ein NSAID diesen kompensatorischen Schutzmechanismus beeinträchtigen und das renale Risiko erhöhen. Besonders heikel sind Katzen mit chronischer Nierenerkrankung, Patienten unter ACE-Hemmer plus Diuretikum und jedes Tier mit unklarem Volumenstatus. So wird bei gefährdeten Patienten das NSAID erst gegeben, wenn Kreislauf und Volumenstatus stabil sind und keine relevanten Kontraindikationen bestehen. Bis dahin tragen Opioide, Lokoregionalanästhesie und – wo indiziert – Metamizol die Analgesie. Klare Grenzen bleiben aktive gastrointestinale Ulzeration, Gerinnungsstörungen, gleichzeitige Glukokortikoid-Gabe und schwere Leberfunktionsstörungen.
„Wenn wir im Vorfeld wissen, dass eine Unverträglichkeit oder absolute Kontraindikation besteht, müssen Alternativen wie Metamizol oder, beim Hund, Paracetamol in Betracht gezogen werden“, erläutert Nowak. Dabei sind die Zulassungsgrenzen zu beachten: Paracetamol ist beim Hund über die Umwidmungskaskade einsetzbar und bei der Katze absolut kontraindiziert. Metamizol ist beim Hund zur intramuskulären beziehungsweise langsamen intravenösen Anwendung zugelassen; für die subkutane und die orale Anwendung sowie für die Katze besteht keine Zulassung. Wer diese Substanzen einsetzt, sollte das gegenüber dem Tierhalter dokumentieren und kommunizieren.
Auch Grapiprant ist kein pauschal nierensicherer Ersatz. Der selektive EP4-Rezeptorantagonist greift zwar gezielter in die Prostaglandin-E2-Wirkung ein als klassische Cyclooxygenase-Hemmer, ist in Europa aber ausschließlich zur Behandlung von Schmerzen bei leichter bis mittelgradiger Osteoarthritis des Hundes zugelassen, nicht perioperativ und nicht für die Katze. Die Fachinformation fordert bei vermuteter oder bestätigter Nieren-, Herz- oder Leberfunktionsstörung ausdrücklich Vorsicht und Monitoring, bei Dehydratation, Hypovolämie oder Hypotonie soll die Anwendung unterbleiben. Für akute postoperative Schmerzen ist Grapiprant aufgrund der bislang schwachen Evidenz keine erste Alternative zu klassischen NSAIDs.
MDR1: Vorsicht statt Verzicht
Collie, Australian Shepherd, Shetland Sheepdog, Weißer Schweizer Schäferhund, Border Collie, Bobtail und deren Kreuzungen tragen häufig die ABCB1-1A-Mutation, früher als MDR1 bezeichnet. Das dabei verkürzte P-Glykoprotein fehlt als Auswärtspumpe an der Blut-Hirn-Schranke, und zentral wirksame Substrate reichern sich im ZNS an. Wie relevant das ist, zeigt ein 2025 publizierter Fallbericht: Ein homozygoter Collie entwickelte nach einer üblichen Dosis Butorphanol von 0,2 mg/kg hochgradige Sedation, Ataxie, Hypersalivation und Krampfanfälle. Er benötigte rund 40 Stunden lang eine Naloxon-Dauertropfinfusion. Unter den in der Anästhesie verwendeten Opioiden ist dabei insbesondere Butorphanol als P-Glykoprotein-Substrat relevant. Auch Grapiprant ist ein Substrat von P-Glykoprotein. Metoclopramid und Maropitant können ebenfalls mit diesem Transportweg interagieren. „Daraus folgt jedoch nicht, diesen Hunden Opioide vorzuenthalten, denn Opioide sind titrierbar und mit Naloxon antagonisierbar. Wir dosieren niedriger, titrieren nach Wirkung und überwachen länger, aber wir verzichten nicht auf Analgesie“, sagt von Ritgen. Die gängigen Empfehlungen lauten, Alpha-2-Agonisten zur Sedation einzusetzen, Acepromazin nur am unteren Ende des Dosisbereichs zu dosieren und eher niedrig dosiertes Methadon als Butorphanol zu wählen. Sie beruhen allerdings weitgehend auf Erfahrung und Einzelfällen; belastbare pharmakokinetische Daten zu Opioiden bei ABCB1-1A-Hunden fehlen. Ein Gentest kostet wenig, nützt aber nur, wenn das Ergebnis in der Patientenakte auch auffällt – zum modernen Schmerzmanagement gehört natürlich, den Tierhalter über mögliche unerwünschte Wirkungen aufzuklären und ihn danach zu fragen, welche Medikamente das Tier bereits erhält.

Lokoregional-Aanästhesie und -Aanalgesie: Der größte Hebel
Die Lokoregionalanästhesie nimmt beim akuten Schmerz während und nach der Operation eine Sonderstellung ein: Sie ist das einzige Verfahren, das die Weiterleitung nozizeptiver Signale vollständig unterbrechen kann, und zugleich jener Baustein, der sich mit dem geringsten Aufwand in den Praxisalltag integrieren lässt. „Wenn ich in der Praxis nur eine einzige Maßnahme ergänzen könnte, wäre es die Lokoregionalanästhesie. Eine intratestikuläre Injektion kostet zwanzig Sekunden und senkt den intraoperativen Bedarf an Inhalationsanästhetikum und Opioid deutlich“, sagt Nowak. Umso wichtiger ist es, die verbleibenden Bausteine konsequent auszuschöpfen: Neben den bereits vorgestellten Aspekten Lokoregionalanästhesie und NSAIDs sind dies nicht medikamentöse Verfahren.
Schmerz messen: Skalen im Praxisalltag
Ebenso wichtig wie die Auswahl der Medikamente ist die Frage, ob die Analgesie tatsächlich ausreicht. „Nur wenn wir unsere Patienten regelmäßig reevaluieren, können wir individuell therapieren“, betont von Ritgen. Für die Validierung des akuten perioperativen Schmerzes gibt es beim Hund die Glasgow Composite Measure Pain Scale (CMPS-SF), bei der Katze die Feline Grimace Scale (FGS).
In Universitätskliniken gehören solche Scores zum Alltag, in vielen Praxen werden sie noch selten eingesetzt, obwohl der Aufwand gering ist. Ein Score ist in unter einer Minute erhoben und lässt sich gut an das tiermedizinische Fachpersonal delegieren. Zwei Voraussetzungen müssen allerdings erfüllt sein: Der Score muss fix im Anästhesie- und Stationsprotokoll verankert sein – und das Team muss darin geschult werden.

Multimodal heißt auch: Stress reduzieren
Physikalische und komplementäre Verfahren können die medikamentöse Analgesie sinnvoll ergänzen. „Wir verwenden Physiotherapie, Kältetherapie, Akupunktur oder transkutane elektrische Nervenstimulation“, fasst von Ritgen zusammen. Ebenso wirksam ist es, Angst und Stress zu senken. Dazu gehören ein ruhiger, nach Tierarten getrennter Stationsbereich, eine weiche und trockene Unterlage, aktives Wärmen nach der Anästhesie, eine Rückzugsmöglichkeit für Katzen, vertraute Gegenstände von zu Hause und ruhiges Handling. Behandlungen, Kontrollen und Fütterung werden so gelegt, dass dazwischen längere ungestörte Ruhephasen entstehen. Auch Besuche der Halter und eine möglichst frühe Entlassung fördern das Wohlbefinden der Tiere.
Mit der Entlassung beginnt die Schmerzbeobachtung zu Hause: Halter sollten auf Verhaltensänderungen, verminderten Appetit oder vermehrtes Belecken der Operationsstelle achten. Bei Katzen kann die frei verfügbare Feline Grimace Scale helfen, Schmerzen frühzeitig zu erkennen. Videos der Besitzer und künftig auch KI-gestützte Systeme können die Beurteilung des Schmerzverlaufs unterstützen. Sinnvoll ist zudem ein klarer Eskalationsplan, der festlegt, bei welchen Anzeichen die Halter Rücksprache halten oder das Tier untersuchen lassen sollten. Das heute auf die Patienten individuell zugeschnittene Konzept, eine moderne perioperative multimodale Analgesie, die Kombination von Lokoregionalanästhesie und nicht medikamentösen Verfahren und die Überprüfung mit validierten Schmerzskalen erhöhen den organisatorischen Aufwand – der Gewinn an Patientenwohl, weniger Komplikationen und schnellere Rekonvaleszenz rechtfertigen diesen jedoch.



