Ausgabe 10/2026
Dr. Janina Rauch
Rund 50.000 Hunde: Das entspricht ungefähr der Größenordnung eines ausverkauften Ernst-Happel-Stadions oder der Einwohnerzahl von St. Pölten. Im Dog Aging Project (DAP) steht hinter dieser Zahl jedoch vor allem eine außergewöhnlich große Menge an Informationen über Gesundheit, Erkrankungen und Alterungsprozesse von Begleithunden.
Zehntausende Hunde werden im Rahmen des Dog Aging Project über zehn Jahre oder länger begleitet, um biologische Faktoren sowie Lebensstil- und Umweltfaktoren zu identifizieren, die eine möglichst lange gesunde Lebensspanne begünstigen. Die Kernfragen des Projekts sind klar definiert: Wie unterscheiden sich Individuen in ihrem Alterungsprozess? Warum altern sie unterschiedlich? Was lässt sich dagegen tun?
Das Dog Aging Project wurde 2013 von Kate Creevy, Professorin für Small Animal Internal Medicine am College of Veterinary Medicine and Biomedical Sciences der Texas A&M University, Daniel Promislow, Senior Scientist am Jean Mayer USDA Human Nutrition Research Center on Aging der Tufts University, und Matt Kaeberlein, ehemals Professor an der University of Washington und Gründungsdirektor des Healthy Aging and Longevity Research Institute, ins Leben gerufen. Heute arbeiten Forschende, Mitarbeitende und Studierende an zahlreichen Standorten in den USA an dem Projekt. Zu den zentralen Institutionen gehören die University of Washington, die Texas A&M University und die Tufts University; Mitglieder des DAP-Teams sind darüber hinaus unter anderem an der University of Arizona, der Arizona State University, der Colorado State University, der Virginia Tech, der Princeton University, der University of Massachusetts und der Cornell University tätig. Universitäre und private Partnerkliniken in den gesamten USA sind zudem in die klinische Studie „Test of Rapamycin In Aging Dogs“ (TRIAD) eingebunden.
Dieser Artikel basiert auf einem schriftlichen Interview mit Morgan Smart, DVM, DAP Veterinary Research Fellow, Keegan Crow, DVM, DAP Veterinary Research Fellow, und Kate Creevy, DVM, MS, DACVIM, Chief Veterinary Officer des Dog Aging Project, sowie auf den vom DAP-Team dazu angeführten Publikationen.
Altern ist mehr als eine Zahl
Die Größe der Kohorte ermöglicht es, Alterungsprozesse aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen. Ein Teil der rund 50.000 Hunde ist zusätzlich kleineren, sogenannten „Nested Cohorts“ zugeordnet, in denen für spezifische Fragestellungen beispielsweise DNA- oder Laborproben erhoben werden. Inhaltlich gliedert sich das longitudinale Beobachtungsdesign in drei große Bereiche: Alterungs-Outcomes des Gesamtorganismus wie Multimorbidität, kognitiver Abbau, körperliche Gebrechlichkeit und Lebensspanne; die Genetik des Alterns und altersassoziierter Merkmale sowie Systembiologie einschließlich Epigenetik, Mikrobiom und Metabolomik.
Damit stellt sich zunächst eine grundlegende Frage: Wie lässt sich Altern beim einzelnen Hund überhaupt objektiv erfassen? Das DAP untersucht dafür unterschiedliche klinische und molekulare Parameter. Im Rahmen von TRIAD werden unter anderem kardiale sowie neurologische und kognitive Parameter erfasst. Dazu gehören echokardiografische Befunde im Verlauf des Alterns ebenso wie serielle Fragebögen zur kognitiven Funktion und kognitive Tests, beispielsweise der „Sustained-Gaze-Test“. Auch Gebrechlichkeit rückt zunehmend in den Fokus: Ein vom DAP vorgeschlagenes Gebrechlichkeits-Tool für Hunde umfasst die Bereiche körperliche Verfassung, körperliche Aktivität, Mobilität, Kraft, kognitive Leistungsfähigkeit und Sozialverhalten. Die Parameter wurden bewusst so gewählt, dass die entsprechenden Informationen durch Tierhalter*innen beziehungsweise in der tierärztlichen Allgemeinpraxis erhoben werden können [1].
Parallel dazu wird nach molekularen Biomarkern gesucht. Plasmaanalysen der Precision Cohort zeigten einen signifikanten Einfluss des Alters auf etwa 40 Prozent der untersuchten Metaboliten. Posttranslational modifizierte Aminosäuren erwiesen sich dabei als potenzielle Biomarker des Alters. Klinische Parameter der Nierenfunktion vermittelten etwa die Hälfte der bei älteren Hunden beobachteten höheren Konzentrationen dieser Metaboliten [2]. Eine weitere Untersuchung zeigte zudem, dass die Gesamtmortalität bei Hunden mit einem Profil von Metaboliten assoziiert ist, das deutliche Ähnlichkeiten mit entsprechenden Mortalitätsmarkern beim Menschen aufweist [3].

Multimorbidität statt einzelner Diagnosen
Eine zentrale Erkenntnis aus den bisherigen Daten betrifft die Multimorbidität. Altern beim Hund lässt sich nicht allein durch das Auftreten einzelner Erkrankungen charakterisieren – vielmehr akkumulieren chronische Erkrankungen und treten in unterschiedlichen Kombinationen auf. Mit zunehmender Multimorbidität steigt auch das Mortalitätsrisiko [4]. Für die veterinärmedizinische Praxis bestätigt dies einerseits Bekanntes, ermöglicht andererseits aber, entsprechende Zusammenhänge in einer außergewöhnlich großen und heterogenen Population quantitativ zu untersuchen. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie schwierig bereits eine vermeintlich einfache Größe wie die durchschnittliche Lebenserwartung des Hundes wissenschaftlich zu bestimmen ist: Unterschiedliche Populationen, Methoden und Formen der Mortalitätserfassung erschweren Vergleiche. Eine DAP-Publikation fordert deshalb eine umfassendere und standardisierte Erfassung von Mortalitätsdaten beim Hund [5].
Warum altern Hunde unterschiedlich?
Genetik und Körpergröße sind nur ein Teil des Prozesses. Das Dog Aging Project untersucht ebenso Ernährung, körperliche Aktivität, soziales und häusliches Umfeld sowie Umweltfaktoren. Gerade die enorme Größe der Kohorte eröffnet hier neue Möglichkeiten, Zusammenhänge zu erkennen und gleichzeitig potenzielle Einflussfaktoren gegeneinander abzugrenzen. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Assoziation und Kausalität entscheidend: Die frühen DAP-Publikationen untersuchten zahlreiche Zusammenhänge zunächst im Querschnitt. Mit zunehmender Dauer der Kohortenbeobachtung werden nun longitudinale Analysen möglich, die es erlauben sollen, auch Kausalzusammenhänge zu betrachten.
Ein Beispiel ist körperliche Aktivität: In einer Untersuchung von 11.574 Begleithunden im Alter von sechs bis 18 Jahren war höhere körperliche Aktivität mit günstigeren Ergebnissen hinsichtlich kognitiver Dysfunktion assoziiert. Die Studie war jedoch beobachtend und querschnittlich angelegt und erlaubt daher noch keine Schlussfolgerung, dass höhere Aktivität ursächlich für die besseren kognitiven Ergebnisse verantwortlich war [6]. Auch das Lebensumfeld kann eine Rolle spielen: Eine DAP-Analyse mit 19.732 Teilnehmenden untersuchte den Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Benachteiligung des Wohnumfelds und dem Spazierengehen mit dem Hund – eine stärkere Benachteiligung des Wohnviertels war dabei mit weniger Spaziergängen an der Leine assoziiert [7]. Das soziale Umfeld wurde ebenfalls untersucht: Eine Analyse von 21.410 Hunden identifizierte verschiedene Faktoren des sozialen Umfelds, die mit Gesundheit und körperlicher Mobilität assoziiert waren. Finanzielle und häusliche Belastungsfaktoren standen mit schlechteren Gesundheits- und Mobilitätswerten in Zusammenhang, während soziale Unterstützung, etwa durch das Zusammenleben mit weiteren Hunden, mit besseren Gesundheitswerten assoziiert war [8]. Auch Umweltfaktoren werden systematisch erfasst – in einer Analyse von 47.444 DAP-Teilnehmenden unterschieden sich verschiedene Umwelt- und Lebensstilexpositionen zwischen den Regionen der USA. Auch die Prävalenz bestimmter Erkrankungskategorien variierte regional, während bei anderen Erkrankungsgruppen keine entsprechenden Unterschiede festgestellt wurden [9].

Einflussfaktoren auf Gesundheit und Lebensspanne
Das DAP untersucht nicht nur, was Hunde fressen, sondern auch, welche Faktoren die Fütterungsentscheidungen ihrer Halter beeinflussen. Eine Analyse von 40.367 Fragebögen zeigte beispielsweise, dass demografische Eigenschaften von Hund und Halter mit der Wahl des Fütterungstyps assoziiert waren. Solche Faktoren sind für die Interpretation von Ernährungsstudien relevant, weil Unterschiede zwischen Gruppen andernfalls fälschlicherweise der Ernährung selbst zugeschrieben werden könnten [10].
Eine weitere Untersuchung beschäftigte sich mit 1.726 selbst zubereiteten Rationen. Ihre Zusammensetzung war sehr unterschiedlich; Fleisch und Gemüse gehörten zu den häufigsten Zutaten. Nach den in der Studie verwendeten Kriterien waren lediglich sechs Prozent der untersuchten Rationen potenziell ernährungsphysiologisch vollständig entsprechend den Anforderungen der Association of American Feed Control Officials (AAFCO) für die Ernährung adulter Hunde [11].
Auch Körpergröße und Rasse lassen sich durch die großen Datensätze differenzierter betrachten: Eine DAP-Analyse von 27.541 Hunden zeigte unterschiedliche Assoziationen zwischen Körpergröße und der lebenslangen Prävalenz verschiedener Erkrankungskategorien. Mit zunehmender Körpergröße wurden dermatologische, orthopädische, gastrointestinale, HNO-, neoplastische, neurologische, endokrine und infektiöse Erkrankungen häufiger berichtet. Bei kleineren Hunden wurden dagegen Augen-, Herz-, Leber-/Pankreas- und Atemwegserkrankungen häufiger angegeben. Für Nieren- und Harnwegserkrankungen zeigte sich keine Assoziation zwischen Körpergröße und lebenslanger Prävalenz [12].

Eine Untersuchung von 27.541 Hunden zeigte wiederum, dass reinrassige Hunde in dieser DAP-Population insgesamt keine höhere lebenslange Prävalenz von Erkrankungen aufwiesen als Mischlingshunde, auch wenn einzelne Rassen für bestimmte Erkrankungen unterschiedliche Prävalenzen zeigen können [13]. Eine weitere vom DAP angeführte Arbeit untersuchte, wie Körpergröße und genetische Diversität mit Unterschieden in der Lebensspanne reinrassiger Hunde zusammenhängen [14].
Was bedeuten die bisherigen Erkenntnisse für die Praxis?
Aus der Kombination dieser unterschiedlichen Forschungsbereiche ergibt sich eine bereits heute relevante Botschaft: Altern sollte nicht ausschließlich über das Vorhandensein oder Fehlen einzelner Erkrankungen beurteilt werden – gesundes Altern ist multidimensional.
Veränderungen von Mobilität und Aktivität, Kognition und Verhalten, sensorischen Funktionen und Körperkondition sowie die zunehmende Zahl chronischer Erkrankungen können gemeinsam wichtige Informationen über den gesundheitlichen Verlauf eines älteren Hundes liefern. Für die Allgemeinpraxis unterstreicht dies die Bedeutung einer ausführlichen Anamnese beim geriatrischen Patienten. Veränderungen, die Tierhalter*innen möglicherweise als „normales Altern“ betrachten, sollten gezielt erfragt und in das Gesamtbild eingeordnet werden.
Das langfristige Ziel geht jedoch weiter: Ein standardisiertes Gebrechlichkeits-Tool könnte Tierärzt*innen künftig helfen, Alterungsprozesse systematischer zu beurteilen und Halter*innen verständlicher zu vermitteln, wie ihr Tier altert. Die Kombination aus klinischen Parametern, longitudinalen Verlaufsdaten und molekularen Biomarkern könnte das Verständnis des individuellen Alterungsprozesses weiter verfeinern.
TRIAD-Studie: Kann die gesunde Lebensspanne beeinflusst werden?
An diesem Punkt geht das Dog Aging Project von der Beobachtung zur Intervention über: Mit TRIAD, dem „Test of Rapamycin In Aging Dogs“, untersucht das Projekt Rapamycin in einer doppelverblindeten, placebokontrollierten klinischen Studie.
Dahinter steht eine gerowissenschaftliche Hypothese: Wenn sich biologische Signalwege, die Alterungsprozesse regulieren, sicher beeinflussen lassen, könnten möglicherweise mehrere altersassoziierte Erkrankungen und funktionelle Beeinträchtigungen gleichzeitig hinausgezögert werden, anstatt jede Erkrankung erst nach ihrem Auftreten einzeln zu behandeln.
TRIAD ist auf klinisch relevante Outcomes ausgerichtet. Primärer Endpunkt ist die Lebensspanne, konkret die Überlebenszeit nach der Randomisierung. Sekundäre Endpunkte untersuchen die Gesundheitsspanne „Healthspan“ – dazu gehören körperliche Funktion und Gebrechlichkeit, kardiovaskuläre Gesundheit, neurologische und kognitive Funktion sowie die Entwicklung altersassoziierter Erkrankungen [15].
Entscheidend ist dabei die Zielsetzung: Es geht nicht lediglich darum, ob Hunde länger leben – untersucht wird, ob sich jener Lebensabschnitt verlängern lässt, in dem sie gesund und funktionell bleiben. Ob Rapamycin hierfür tatsächlich einen Nutzen bietet, soll die Studie klären.
Literatur
- Melvin, R. L. et al. (2023): A review of frailty instruments in human medicine and proposal of a frailty instrument for dogs. Frontiers in Veterinary Science 10: 1139308. DOI: 10.3389/fvets.2023.1139308. ↩︎
- Harrison, B. R. et al. (2025): Protein Catabolites as Blood-Based Biomarkers of Aging Physiology: Findings From the Dog Aging Project. Aging Cell 24(11): e70226. DOI: 10.1111/acel.70226. ↩︎
- Harrison, B. R. et al. (2026): Dogs and humans share biomarkers of mortality. The Journals of Gerontology: Series A 81(4): glaf279. DOI: 10.1093/gerona/glaf279. ↩︎
- Foreman, E. R. et al. (2026): Multimorbidity as a predictor of mortality in companion dogs. GeroScience. DOI: 10.1007/s11357-026-02342-4. ↩︎
- Sexton, C. L., Dog Aging Project Consortium, Ruple, A. (2024): How can we achieve more accurate reporting of average dog lifespan? Journal of the American Veterinary Medical Association 262(9): 1–5. DOI: 10.2460/javma.24.01.0068. ↩︎
- Bray, E. E. et al. (2023): Associations between physical activity and cognitive dysfunction in older companion dogs: results from the Dog Aging Project. GeroScience 45(2): 645–661. DOI: 10.1007/s11357-022-00655-8. ↩︎
- Collins, D., Lee, H., Dunbar, M. D., Crowder, K., Dog Aging Project Consortium (2022): Associations between Neighborhood Disadvantage and Dog Walking among Participants in the Dog Aging Project. International Journal of Environmental Research and Public Health 19(18): 11179. DOI: 10.3390/ijerph191811179. ↩︎
- McCoy, B. M. et al. (2023): Social determinants of health and disease in companion dogs: a cohort study from the Dog Aging Project. Evolution, Medicine, and Public Health 11(1): 187–201. DOI: 10.1093/emph/eoad011. ↩︎
- O’Brien, J. S., Grzywinski, M., Sexton, C. L., Dog Aging Project Consortium, Dunbar, M. D., Ruple, A. (2025): Environmental exposures and health outcomes in dogs differ according to geographic region in the United States among Dog Aging Project participants. American Journal of Veterinary Research 86(9): 1–10. DOI: 10.2460/ajvr.25.04.0121. ↩︎
- O’Brien, J. S., Tolbert, M. K., Dog Aging Project Consortium, Ruple, A. (2024): Dog and owner demographics impact dietary choices in Dog Aging Project cohort. Journal of the American Veterinary Medical Association 262(12): 1676–1685. DOI: 10.2460/javma.24.05.0358. ↩︎
- O’Brien, J. S., Lawson, E., Dog Aging Project Consortium, Tolbert, M. K., Ruple, A. (2025): Findings from the Dog Aging Project: home-prepared diets for companion dogs feature diverse ingredients, and few are nutritionally complete. American Journal of Veterinary Research 86(11): ajvr.25.06.0216. DOI: 10.2460/ajvr.25.06.0216. ↩︎
- Nam, Y. et al. (2024): Dog size and patterns of disease history across the canine age spectrum: Results from the Dog Aging Project. PLOS ONE 19(1): e0295840. DOI: 10.1371/journal.pone.0295840. ↩︎
- Forsyth, K. K. et al. (2023): Lifetime prevalence of owner-reported medical conditions in the 25 most common dog breeds in the Dog Aging Project pack. Frontiers in Veterinary Science 10: 1140417. DOI: 10.3389/fvets.2023.1140417. ↩︎
- Kraus, C., Snyder-Mackler, N., Promislow, D. E. L. (2023): How size and genetic diversity shape lifespan across breeds of purebred dogs. GeroScience 45(2): 627–643. DOI: 10.1007/s11357-022-00653-w. ↩︎
- Coleman, A. E. et al. (2025): Test of Rapamycin in Aging Dogs (TRIAD): study design and rationale for a prospective, parallel-group, double-masked, randomized, placebo-controlled, multicenter trial of rapamycin in healthy middle-aged dogs from the Dog Aging Project. GeroScience 47(3): 2851–2877. DOI: 10.1007/s11357-024-01484-7. ↩︎



