Ausgabe 06/2026
Dr. Sophie Hanak
Wenn die Leber erkrankt, gerät der gesamte Stoffwechsel des Hundes aus dem Gleichgewicht. Eine angepasste Ernährung kann helfen, das Organ zu entlasten, Muskulatur zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern.
Die Leber ist das zentrale Stoffwechselorgan des Hundes. Sie verarbeitet Nährstoffe, speichert Energie, produziert lebenswichtige Eiweiße und entgiftet den Körper. Wird dieses System durch eine Lebererkrankung belastet, verändert sich häufig auch der gesamte Stoffwechsel
des Tiers. Viele Hunde verlieren an Gewicht, bauen Muskulatur ab oder entwickeln Verdauungsprobleme und Appetitlosigkeit.
„Deshalb ist eine Ernährung wichtig, die die Leber entlastet, ohne dass der Hund zu wenig Nährstoffe bekommt“, sagt die Tierärztin und Ernährungsberaterin Katharina Jäger. Eine angepasste Ernährung spielt sowohl bei chronischen als auch bei akuten Lebererkrankungen eine zentrale Rolle. Ziel ist es, den Energiebedarf des Hundes zu decken, Stoffwechselprodukte wie Ammoniak möglichst gering zu halten und gleichzeitig die Regeneration des Organs zu unterstützen. Es muss auf die Qualität und Verdaulichkeit der Nährstoffe sowie auf eine individuell angepasste Zusammensetzung der Ration geachtet werden. Auch Futterakzeptanz, Fütterungsmanagement und die Versorgung mit Mikronährstoffen beeinflussen den Krankheitsverlauf maßgeblich.
Hochverdauliche Proteine statt High-Protein-Trend
Bei der Leberdiätetik spielen neben der Proteinmenge vor allem die Verdaulichkeit und die Qualität der eingesetzten Eiweißquellen eine wichtige Rolle. Schwer verdauliche Proteine belasten die Leber, weil sie im Darm bakteriell abgebaut werden und dabei vermehrt Ammoniak entsteht. Dieses muss anschließend über die Leber entgiftet werden. Besonders problematisch sind kollagenreiche Bestandteile wie Pansen, Lunge, Schlund oder klassische Kauartikel aus Rinderhaut. Auch BARF-Rationen oder selbst zusammengestellte Futterpläne enthalten häufig große Mengen an Fleisch, Innereien und proteinreichen Kauartikeln – für Leberpatienten bedeutet das eine zusätzliche Belastung des Stoffwechsels.
Stattdessen sind hochverdauliche Proteinquellen wie Muskelfleisch oder bestimmte Milchprodukte besser geeignet. Vor allem Magertopfen liefert hochwertiges Protein und ist gut verdaulich. Joghurt enthält dagegen deutlich weniger Eiweiß. „Ziel der Diät ist keine radikale Eiweißreduktion, sondern eine bedarfsgerechte Versorgung. Ich sage immer: So viel wie nötig und so wenig wie möglich“, fasst Jäger die Proteinversorgung bei Leberpatienten zusammen.
Viele Hunde bekommen im Alltag mehr Eiweiß als nötig. „Der durchschnittliche Hund bekommt zwei- bis dreimal so viel Protein, wie er eigentlich bräuchte“, sagt Jäger. Jedoch kann beispielsweise bei einem Border Collie mit 15 bis 16 Kilogramm Körpergewicht bereits eine Menge von rund 180 Gramm Putenfleisch ausreichen, um den täglichen Proteinbedarf vollständig zu decken.
Der Proteinbedarf ist abhängig vom Idealgewicht und unabhängig vom Energiebedarf eines Hundes. Deshalb erhält auch ein Hund mit 1,5-fach erhöhtem Energiebedarf in einer Leberration meist nicht mehr Protein als ein Hund mit durchschnittlichem Energiebedarf.

Kohlenhydrate als wichtige Energiequelle
Für Leberpatienten sind Kohlenhydrate ein wichtiger Bestandteil der Ration, weil sie Energie liefern, ohne den Proteinstoffwechsel zusätzlich zu belasten. Eine leberschonende Ernährung enthält deshalb meist deutlich mehr Kohlenhydrate als klassische High-Protein-Rationen. Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Getreide dienen dabei als wichtige Energielieferanten. Welche Kohlenhydratquelle verwendet wird, spielt eine untergeordnete Rolle; entscheidend sind vielmehr die gute Verträglichkeit und eine ausreichende Energieversorgung. Zusätzlich zur Gesamtproteinmenge muss auch die Zusammensetzung einzelner Aminosäuren berücksichtigt werden. Vor allem schwefelhaltige Aminosäuren wie Methionin belasten den Leberstoffwechsel stärker. Deshalb sollten Leberpatienten beispielsweise weniger Eier bekommen.
Auch die Fettversorgung muss individuell beurteilt werden. Bei reinen Lebererkrankungen steht sie meist weniger im Vordergrund als die Proteinzufuhr. Liegen jedoch gleichzeitig Erkrankungen der Gallenblase oder Gallengänge vor, muss die Fettmenge häufig zusätzlich angepasst werden. „Wichtig ist außerdem eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Fettsäuren. Zusätzlich können Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) durch ihre entzündungshemmenden Eigenschaften sinnvoll sein“, erläutert Jäger
Kleine Mahlzeiten und präbiotische Fasern entlasten die Leber
Neben der Auswahl geeigneter Nährstoffe spielt auch die Fütterungsfrequenz eine wichtige Rolle. Große Einzelmahlzeiten belasten die Leber stärker als mehrere kleine Portionen über den Tag verteilt. Viele Leberpatienten profitieren deshalb von vier bis fünf kleineren Mahlzeiten täglich. Gleichzeitig verbessert sich dadurch häufig auch die Futteraufnahme bei Hunden mit Appetitproblemen. Gerade bei Patienten mit begleitender Gastritis oder Übersäuerung zeigt sich oft, dass kleinere Mahlzeiten deutlich besser vertragen werden als große Portionen.
Zusätzlich sind präbiotische Fasern wie Pektin sinnvoll. „Diese Ballaststoffe werden im Darm zu kurzkettigen Fettsäuren umgebaut und verändern dort den pH-Wert. Dadurch wird Ammoniak zu Ammonium umgewandelt und kann mit dem Kot ausgeschieden werden“, erklärt Jäger. Dabei kommen meist isolierte Pektinpräparate zum Einsatz. Große Mengen an Apfel oder Karotte eignen sich dagegen weniger, um therapeutisch relevante Mengen fermentierbarer Fasern zuzuführen.
Auch die Versorgung mit Vitaminen und Mikronährstoffen spielt eine wichtige Rolle. Besonders fettlösliche Vitamine wie Vitamin A und Vitamin D dürfen nicht überdosiert werden, da sie in der Leber gespeichert werden. In einzelnen Fällen kann zusätzlich die Supplementierung von Vitamin C sinnvoll sein, da Hunde dieses zwar selbst in der Leber synthetisieren, die körpereigene Produktion bei schweren Lebererkrankungen jedoch beeinträchtigt sein kann.
Alltagstaugliche Rationen verbessern die Therapieadhärenz
Industrielle Leberdiäten können grundsätzlich sinnvoll sein, stoßen in der Praxis aber an Grenzen. Vor allem Hunde mit sehr niedrigem oder sehr hohem Energiebedarf profitieren häufig stärker von individuell berechneten Rationen. Hinzu kommt die Akzeptanz: Proteinreduzierte Diäten schmecken vielen Hunden weniger gut, weil Protein ein wichtiger Geschmacksträger ist. Gerade bei Patienten mit ohnehin reduziertem Appetit funktionieren deshalb selbst zubereitete Rationen oft besser.
„Solche Rationen lassen sich meist einfacher umsetzen, als viele Besitzer*innen annehmen. Häufig reichen wenige Komponenten aus: eine gut verdauliche Proteinquelle, Kohlenhydrate, etwas Gemüse, geeignete Öle und ein Mineralfutter“, meint Jäger. Ergänzend spielt auch die Auswahl passender Snacks eine wichtige Rolle – statt getrockneter Kauartikel eignen sich beispielsweise vegetarische Snacks oder kleine Mengen Milchprodukte deutlich besser. Im Praxisalltag zeigt sich häufig, dass nicht die theoretisch perfekte Ration langfristig funktioniert, sondern eine Fütterung, die sich gut in den Alltag der Halter*innen integrieren lässt. „Mein Job ist nicht zu sagen: ‚Das ist die perfekte Ration und genau die muss umgesetzt werden!‘, sondern ich überlege gemeinsam mit den Besitzer*innen: ‚Was ist für euch im Alltag umsetzbar?‘“, betont Jäger.
Eine leberschonende Ernährung beim Hund basiert somit vor allem auf hochverdaulichen, bedarfsgerecht reduzierten Proteinquellen, einer angepassten Energieversorgung und einer individuell umsetzbaren Rationsgestaltung, die den Stoffwechsel entlastet und die Lebensqualität des Patienten unterstützt.
Beispiel
Hund: Idealgewicht 15 kg – leberschonende Diät:
150 g Fleisch: 5–10 % Fettgehalt
500 g gekochte Kartoffeln, Nudeln oder Reis
50–150 g Gemüse
1 TL Leinöl, Lachsöl oder Algenöl
1 TL Hanföl, Distelöl, Weizenkeimöl, Sonnenblumenöl
5 g Mineralfutter