Mag. Silvia Stefan-Gromen
Ausgabe 05/2022
In der Fachzeitschrift „Parasitology“ beschreibt ein Forschungsteam aus Deutschland und Südafrika, darunter Jason Dunlop vom Museum für Naturkunde Berlin, eine bemerkenswerte fossile Zecke aus dem Burmesischen Bernstein der Kreidezeit von Myanmar: Khimaira fossus kombiniert den Körper einer Lederzecke mit den Mundwerkzeugen einer Schildzecke. Sie wurde in eine neue, ausgestorbene Familie eingeordnet und scheint ein „Missing Link“ darzustellen, das zu einer wahrscheinlich noch älteren Gruppe gehört, aus der sich die Leder- und Schildzecken entwickelt haben könnten.
Beeindruckende Artenvielfalt
Zecken sind eine faszinierende Gruppe blutsaugender Parasiten mit einem Fossilienbestand, der mindestens 100 Millionen Jahre zurückreicht. Sie sind in der heutigen Tierwelt mit 905 Arten vertreten, die sich alle ausschließlich von Wirbeltierblut ernähren. 714 Arten werden als Schildzecken in der Familie Ixodidae klassifiziert, 190 als Lederzecken in der Familie Argasidae – und es gibt eine einzige ungewöhnliche Art aus Südafrika, die in eine eigene Familie gestellt wird.
Die Frage, wann sich Zecken entwickelt haben und aus welcher Milbengruppe sie hervorgegangen sind, bleibt ungelöst. Die ältesten Zecken stammen aus dem ca. 100 Millionen Jahre alten Burmesischen Bernstein aus Myanmar. Dieser Bernstein beinhaltet eine faszinierende Mischung rezenter und ausgestorbener Zeckengruppen, darunter auch besagte bemerkenswerte neue fossile Zecke, die den weichen Körper einer Lederzecke mit den großen, nach vorne ragenden Mundwerkzeugen einer Schildzecke zu kombinieren scheint. Molekulare Daten deuten darauf hin, dass sich Schild- und Lederzecken evolutiv wahrscheinlich viel früher voneinander getrennt haben, vielleicht schon vor 290 Millionen Jahren.
Das neue Bernsteinfossil könnte daher ein später Überlebender einer ausgestorbenen Gruppe sein, aus der sich die beiden Hauptfamilien, die wir heute kennen, entwickelt haben. Die gleiche Veröffentlichung beschreibt auch das älteste Exemplar der Schildzeckengattung Ixodes, einer Gruppe, die zuvor aus dem viel jüngeren Baltischen Bernstein bekannt war. Zu den lebenden Ixodes-Arten gehören mehrere Zecken von medizinischer Bedeutung, etwa der Gemeine Holzbock in Europa.
Das neue Fossil ist von besonderem Interesse, da es anscheinend eng mit lebenden australischen Zeckenarten verwandt ist. Es trägt zu einer laufenden Debatte darüber bei, ob die in Burmesischem Bernstein gefundenen Arthropoden ihren Ursprung in Asien oder Australien haben. Eine Hypothese besagt, dass Burmesischer Bernstein auf einer Insel abgelagert wurde, die von der Nordküste Australiens abbrach. Andere in diesem Artikel beschriebene Fossilien umfassen eine andere Zeckenart, Cornupalpatum burmanicum, bei der ein erwachsenes Weibchen mit einer Feder in Verbindung gebracht wird, was darauf hindeuten könnte, dass sich erwachsene Exemplare dieser Zecken von Vögeln oder gefiederten Dinosauriern ernährten.
Hinweis: Die Autor*innen weisen darauf hin, dass sie aufgrund des aktuellen gesellschaftspolitischen Konfliktes im Norden Myanmars ihre Recherche auf Material aus der Zeit vor diesem Konflikt beschränkt haben. Die Autor*innen hoffen, dass diese Forschung das Bewusstsein für diesen aktuellen Kon-flikt und das damit verbundene menschliche Leid schärfen wird.
Publikation: Chitimia-Dobler, L., Mans, B. J., Handschuh, S. und Dunlop, J. A. (2022): A remarkable assemblage of ticks from mid-Cretaceous Burmese amber. Parasitology 149, 820–830.