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Internationale Umfrage zur Behandlung des Kissing-Spines-Syndroms beim Pferd

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
15.02.26

Inhaltsverzeichnis

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Mag. Silvia Stefan-Gromen

Ausgabe 02/2026

Das sogenannte Kissing-Spines-Syndrom (Overriding Spinous Processes, OSP) beschreibt das klinisch bedeutsame Engstehen (Überlappen) der Dornfortsätze im thorakolumbalen Bereich der Pferdewirbelsäule,
das häufig mit Rückenschmerzen, Leistungsabfall oder Haltungsproblemen einhergeht. Trotz seiner Bedeutung fehlt bis dato eine einheitliche forschungsbasierte Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung.

Klinisch manifestiert sich das Syndrom häufig unspezifisch, unter anderem durch Abwehrreaktionen beim Putzen oder Satteln, Taktunreinheiten, Widersetzlichkeit unter dem Reiter oder einen allgemeinen Leistungs­abfall. Aufgrund fehlender einheitlicher Leitlinien zu ­Diagnostik und Therapie basiert die Behandlung in der Praxis vielfach auf individueller Erfahrung, regionalen Standards und den verfügbaren therapeutischen Möglichkeiten.

Vor diesem Hintergrund liefert eine 2024 publizierte internationale Umfrage unter equinen Orthopädie-Spezialist*innen einen aufschlussreichen Überblick über aktuelle Behandlungsstrategien. In die Erhebung wurden 353 Tierärzt*innen einbezogen, darunter Diplomates des European und des American College of Veterinary Surgeons sowie des European und des American College of Veterinary Sports Medicine and Rehabilitation. Ziel der Studie war, die weltweit angewandten diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweisen bei Pferden mit überlappenden Dornfortsätzen systematisch zu erfassen und Unterschiede zwischen Regionen und Fachgruppen herauszuarbeiten.

Bereits bei der Diagnostik und Injektionstechnik zeigte sich eine erhebliche Variabilität: Ein Teil der Befragten bevorzugte die Platzierung von zwei Nadeln abaxial des interspinösen Raums unter sonographischer Kontrolle, während andere eine einzelne Nadel in der Mittellinie zwischen zwei Dornfortsätzen einsetzten. Diese Unterschiede reflektieren sowohl individuelle Präferenzen als auch unterschiedliche Ausbildungswege und technische Möglichkeiten. Für die Praxis bedeutet dies, dass derzeit keine einheitliche evidenzbasierte Standardtechnik etabliert ist, sondern die Wahl der Methode an Erfahrung, Ausstattung und klinische Situation angepasst wird.

Ein zentrales Ergebnis der Umfrage war der klare Stellenwert konservativer Therapieansätze: Rund 70 Prozent der befragten Spezialist*innen gaben an, primär konservativ zu behandeln und chirurgische Maßnahmen erst bei unzureichendem Ansprechen in Erwägung zu ziehen. Besonders häufig wurde die Kombination aus lokaler Injektionstherapie und kontrollierter Bewegungstherapie genannt. In der Praxis kommen hierbei vor allem Kortikosteroide, Lokalanästhetika oder entzündungshemmende Substanzen zum Einsatz, um Schmerz und Entzündung zu reduzieren. Parallel dazu wird ein gezielter Trainingsaufbau empfohlen, der auf die Stärkung der Rückenmuskulatur, die Verbesserung der Rumpfstabilität und eine korrekte biomechanische Belastung abzielt.

Auffällig waren regionale Unterschiede in der Anwendung ergänzender Therapieverfahren: Manuelle Methoden wie Osteopathie oder Chiropraktik wurden von europäischen Spezialistinnen deutlich häufiger eingesetzt als von ihren nordamerikanischen Kolleginnen. Dies dürfte sowohl auf unterschiedliche therapeutische Traditionen als auch auf eine variierende Akzeptanz solcher Verfahren innerhalb der jeweiligen Fachkulturen zurückzuführen sein. In der praktischen Erfahrung zeigt sich jedoch, dass multimodale Konzepte, die Injektionstherapie, Training, Physiotherapie, Sattelkontrolle und Managementanpassungen kombinieren, häufig zu den besten klinischen Ergebnissen führen.

Auch hinsichtlich der chirurgischen Therapie offenbarte die Studie relevante regionale Unterschiede: Während in den USA, Großbritannien und Irland operative Ein­griffe vergleichsweise häufig bereits als Ersttherapie empfohlen wurden, tendierten viele Befragte in Kontinental­europa dazu, Chirurgie als zweite Option nach dem Ausschöpfen konservativer Maßnahmen zu sehen. Zu den gängigen operativen Verfahren zählen unter anderem die partielle Resektion der ­Dornfortsätze sowie die Desmotomie der interspinösen Bänder. Diese Eingriffe können bei ausgewählten Fällen zu einer deutlichen klinischen Besserung führen, sind jedoch mit entsprechenden Risiken verbunden und erfordern eine sorgfältige Indikationsstellung sowie eine umfassende Aufklärung der Tierhalter*innen.

Faktoren für unterschiedliche tierärztliche Ansätze

Die große Bandbreite an diagnostischen und therapeutischen Ansätzen verdeutlicht, dass es bislang keinen international anerkannten Standard für die Behandlung des Kissing-Spines-Syndroms gibt. Mögliche Ursachen hierfür liegen in Unterschieden der Ausbildung, der technischen Ausstattung, der Verfügbarkeit spezialisierter Zentren sowie in ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen. Für die tierärztliche Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer individuellen, patientenbezogenen Entscheidungsfindung. Dabei sollten neben dem klinischen und bildgebenden Befund auch Nutzungsart, Alter, Trainingszustand des Pferds sowie die Erwartungen der Besitzer*innen berücksichtigt werden.

Für die praktische Arbeit bestätigt die Studie, dass die konservative Therapie in vielen Fällen eine sinnvolle und erfolgreiche Erstmaßnahme darstellt. Die Kombination aus gezielter Injektion, strukturiertem Trainingsaufbau und begleitender ­physiotherapeutischer Betreuung kann zu einer deutlichen Reduktion der Schmerz­symptomatik und zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit führen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Tierärzt*innen, Trainer*innen sowie Therapeut*innen und eine realistische Einschätzung der Prognose. Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse, dass die Chirurgie einen wichtigen Stellenwert bei therapieresistenten Fällen einnimmt, jedoch gezielt und nach sorgfältiger Abwägung eingesetzt werden sollte.

Für die österreichische tierärztliche Praxis bedeutet dies, dass ein multimodaler, individuell angepasster Therapieansatz unter Berücksichtigung der aktuellen Evidenz und der klinischen Erfahrung weiterhin den sinnvollsten Weg darstellt. Die Studie unterstreicht zugleich den Bedarf an weiterer klinischer Forschung, um standardisierte Leitlinien zu entwickeln und die Ver­sorgung betroffener Pferde langfristig zu optimieren.

Quelle

International survey of equine orthopaedic specialists reveals diverse treatment strategies for horses with overriding spinous processes; Dorothea Treß, Christoph Lischer, Roswitha Merle, Anna Ehrle; PMID: 38379241, DOI: 10.1002/vetr.3899

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