Schwerpunkt

Gesund und sicher auf der Alm: Die tierärztliche Betreuung von Schafbeständen vor und während der Sömmerung

VJ 12 2025 01 2026 Schafbestaende Alm
Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
17.01.26

Inhaltsverzeichnis

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Dr. Astrid Nagl

Ausgabe 12/2025–01/2026

Die Schafhaltung und der Almauftrieb von Schafen haben in Tirol eine lange und traditionsreiche Geschichte. Die Transhumanz, also die saisonale Wanderung über weite Strecken zwischen Sommer- und Winterweiden, wird unter anderem im Ötztal schon seit Tausenden von Jahren betrieben. Die Schafe bekamen auch einen Platz in der Namensgebung der Landschaft: Im Ost­tiroler Villgratental wandert man zum Beispiel über die Öwelenke, von lat. „ovis“ für Schaf und slo. „lenke“ für Gebirgspass, Übergang – ein Übergang für die Schafe.

In den letzten Jahren werden die Betriebe und damit auch die betreuenden Tierärzt*innen durch die Ein­wanderung großer Beutegreifer, vor allem der Wiederansiedlung des Wolfs, vor große Veränderungen und neue Herausforderungen gestellt.

Die Wiederansiedlung der großen Beutegreifer hat nachweislich positive Effekte auf ein Ökosystem.1 Doch in alpinen Gebieten, in denen Schafhaltung betrieben wird, ist es besonders schwierig, eine friedliche Ko­existenz mit Wölfen zu ermöglichen.2 Auch in Tirol werden Wolfrisse zunehmend häufiger: 2025 wurden Herden teilweise um 30 % dezimiert – eine hohe Zahl im Vergleich zu den sonst üblichen 5 % an Verlusten im Lauf eines Sommers. „Der Wolf selbst reißt oft mehrere Schafe – die Herde flieht in Panik, dabei verletzen sich Tiere bei der Flucht oder stürzen im schlimmsten Fall ab“, berichtet Dr. med. vet. Florian Demetz. Er ist Tierarzt in Ried im Oberinntal, hält selbst Schafe und ist für die tierärztliche Betreuung von zwei der drei Tiroler Herdenschutzprogramme3 zuständig. „Um die Tiere zu schützen, müssen wir gemeinsam neue Strategien entwickeln“, sagt Dr. Demetz.

Herdenschutz durch gelenkte Weideführung

Wolfsabweisende Zäune bieten einen guten Schutz für die Herden. Die Errichtung solcher Zäune ist jedoch sehr aufwendig und im hochalpinen Bereich nicht überall möglich. Beim Projekt in Tirol basieren die Herdenschutzprogramme auf gelenkter Weideführung – ­Hirten und Hütehunde begleiten die Herden4, mehrere Herden aus bis zu 30 verschiedenen Betrieben werden zusammengeführt. „Die gelenkte Weideführung ist gut für die Biodiversität, die Vegetation wird gleichmäßiger abgefressen und die geführte Bewegung der Herde wirkt der Bodenerosion durch Abtritt entgegen“, erklärt Dr. Demetz. Tagsüber sind die Schafe wie gewohnt auf der Alm unterwegs, nur eben in Begleitung von Hirten und Hunden; abends werden sie zusammengetrieben und verbringen die Nacht in einem eingezäunten, wolfs­abweisenden Nachtpferch. Dieser diene nicht nur dem Schutz, er helfe auch dabei, das Herdengefüge und die Hierarchie neu zu gestalten, sagt Dr. Demetz. „Aus vielen kleinen Herden soll eine große Herde werden, die sich im Gebirge leichter führen lässt als viele kleine Gruppen.“

Tiergesundheit auf der Alm

Gute Planung und Prophylaxe ist für Betriebe, die an der gelenkten Weideführung teilnehmen möchten, entscheidend“, betont Dr. Demetz. „Hier ist auch unsere Expertise als Tierärzt*innen gefragt.“ Die Maßnahmen reichen von der rechtzeitigen und ausreichenden Endo- und Ektoparasitenprophylaxe über die Klauenpflege bis zur Geburtenplanung. Ein Ablammen auf der Alm sollte verhindert werden: „Eine Geburt würde einerseits die Beutegreifer anlocken, andererseits sind die täglich zu absolvierenden anstrengenden Märsche nicht un­bedingt neonatenfreundlich“, so Dr. Demetz.

Die Schafe werden vor dem Auftrieb tierärztlich begutachtet, um Fälle von Pseudotuberkulose, infektiöser Keratokonjunktivitis und anderen Erkrankungen ausschließen zu können. Vor allem muss der Betrieb unbedingt frei von Moderhinke sein. Dr. Demetz rät dazu, recht­zeitig Tupferproben untersuchen zu lassen, also schon im Frühjahr – die Eradikation der Erkrankung im Betrieb ist gut machbar, dauert aber sechs bis acht Wochen; dann muss noch einmal eine Tupferprobe zur Absicherung des Therapieerfolgs entnommen werden. Während der Sommermonate erfolgt die tägliche Kontrolle der Tiergesundheit durch die Hirten. Dr. Demetz: „Es handelt sich hier um gut geschultes und hochprofessionelles Personal.“ Der Tierarzt wird nur im Notfall bei­gezogen, steht aber jederzeit telefonisch und persönlich zur Hilfestellung bereit. Zum Ende der Almsaison wird eine Abtriebskontrolle mit erneuten Moderhinketupfern und Sammelkotproben durchgeführt.

Arbeitsfreudige Hütehunde

Nicht nur die Schafe, auch die Hütehunde müssen bei bester Gesundheit und ausreichend entwurmt sein. Meist handelt es sich um Border Collies. Auch Beratung zur Fütterung sollte angeboten werden: „Diese aktiven und motivierten Hunde brauchen auf der Alm eine der Tätigkeit angemessene Ernährung, weil sie sonst ihre Arbeit nicht schaffen – die leisten Unglaubliches!“, sagt Dr. Demetz. Im Rahmen der Herdenschutzprojekte werden derzeit keine Herdenschutzhunde eingesetzt. Diese bewachen die Schafherde selbstständig, also ohne Anleitung durch die Hirten. Doch da die Wanderwege in Tirol stark touristisch frequentiert sind, könnte es dabei leicht zu Konflikten zwischen Herdenschutzhunden und Urlauber*innen kommen. Auch Herdenschutz durch Lamas ist möglich, in der Schweiz gibt es ein dies­bezügliches Projekt5. Lamas können allerdings nur in kleineren Herden von maximal zweihundert Tieren eingesetzt werden.

Positiver Effekt für die teilnehmenden Betriebe

Nach fünf Jahren Herdenschutz auf den Projektalmen zieht Dr. Demetz eine positive Bilanz: „Die intensive gesundheitliche Überwachung der Tiere und der Fokus auf Prophylaxe wirken sich nicht nur auf der Alm positiv aus – die Effekte sind für die Betriebe auch im Winter spürbar.“ Vom wirtschaftlichen Standpunkt her lohnt sich die extensive Schafhaltung dennoch kaum: „Unsere Betriebe machen das, weil ihnen diese Tradition wichtig ist, weil sie mit den Tieren gerne zusammen­leben. Gerade in den kleineren Betrieben gibt es häufig eine sehr enge Mensch-Tier-Beziehung. Die Menschen sind persönlich zum Teil schwer betroffen, wenn eines der Tiere erkrankt oder sich verletzt. Die hohen Kosten für den Herdenschutz von 1.555 € pro Großvieheinheit (GVE) beziehungsweise 190 € pro Schaf 6 sind jedoch ein massiver Hemmschuh und wirtschaftlich für die Schafhalter*innen nicht umsetzbar. Ich bin froh, dass das Land Tirol durch die geförderten Herdenschutz­projekte eine gute Möglichkeit geschaffen hat, um den Herdenschutz an unsere Bergregionen angepasst aus­zutesten und zu evaluieren.“

Dr. med. vet. Florian Demetz leitet eine Gemeinschaftspraxis in Ried im oberen Inntal (Bezirk Landeck). Er ist Vizepräsident der Landesstelle Tirol der ÖTK und für die tierärztliche Betreuung von zwei der drei Tiroler Herdenschutzprojekte zuständig.
Informationen zu den Herdenschutzprojekten in Tirol finden Sie unter: https://www.tirol.gv.at/landwirtschaft-forstwirtschaft/agrar/rechtliche-bestimmungen-in-der-landwirtschaft/beutegreifer/herdenschutz/

Foto: Vetmeduni Wien


Quellenangaben

1 Wolf, C.; Ripple, W.   J. (2018): Rewilding the world’s large carnivores. R. Soc. opensci. 5:172235. http://dx.doi.org/10.1098/rsos.172235

2 Kaeser, A.; Zimmermann, W. (2012): Analyse der Wolfpolitik verschiedener Länder: Wolfmanagement in der Schweiz, Montana (USA) und Sachsen (DE). ETH Zurich.

3 Mayer, M. D. R. (2021): Gelenkte Weideführung und Herdenschutz auf der Spisser Schafberg-Alm und der Lader Heuberg-Alm. Online verfügbar unter https://www. tirol.gv. at/fileadmin/themen/land-forstwirtschaft/
agrar/LWSJF/Grosse_Baeutegreifer/Vegetationskundliche_ Erhebungen.pdf

4 Willems, E. V. D. H., Büro Alpe (2023): Neue Hirtenarbeit auf Tiroler Schafalmen bei Umsetzung von gelenkter Weideführung und eingezäunten Übernachtungsplätzen als Herdenschutzmaßnahme. Büro Alpe, Weerberg.

5 Informationen zu den Projekten in der Schweiz bei Agridea: https://www.protectiondestroupeaux.ch/de/menu/
planung-beratung/projekte/

6 Moser, S.; Willems, H. (2025): Zwischenbericht Herdenschutzprojekte Tirol 2024. Büro Alpe, Weerberg.

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