Ausgabe 10/2026
Mag. Silvia Stefan-Gromen
In einer kleinen Tierarztpraxis liegen medizinische Verantwortung, Organisation, Personalführung und wirtschaftliche Entscheidungen häufig bei ein und derselben Person – nämlich der oder dem Praxisinhaber/in. Letztere/r behandelt, telefoniert, löst Personalprobleme, beantwortet Fragen des Teams und steht gleichzeitig für schwierige medizinische Entscheidungen gerade. Das kann auf Dauer zu einer besonderen Form der mentalen Belastung führen: Alles landet auf den Schultern einer Person, die womöglich auch im Krankheitsfall immer funktionieren muss.
Es geht um Fragen wie: Wer hat die Bestellung gemacht? Wurde der dringende Rückruf erledigt? Wer macht die Urlaubsvertretung der neuen Kollegin? Kann ich mich darauf verlassen, dass die Aufgabe in meinem Sinne erledigt wird?
Die naheliegende Reaktion ist Kontrolle. Doch genau hier beginnt ein Kreislauf, der für kleine Tierarztpraxen besonders problematisch werden kann: Je mehr der Praxisinhaber oder die Praxisinhaberin kontrolliert, desto weniger Verantwortung übernehmen Mitarbeiter*innen selbst; und je weniger Verantwortung übernommen wird, desto mehr muss der Praxisinhaber oder die Praxisinhaberin kontrollieren.
Vertrauen braucht einen klaren Rahmen
Vertrauen bedeutet deshalb nicht, Aufgaben einfach abzugeben und darauf zu hoffen, dass alles funktioniert – es bedeutet, Verantwortung mit einem definierten Handlungsspielraum zu übertragen. Eine Tierarztassistentin kann beispielsweise für die Materialbestellung verantwortlich sein. Dann sollte aber klar sein: Was darf sie selbst entscheiden? Bis zu welchem Betrag? Wann muss Rücksprache gehalten werden? Und woran wird am Ende beurteilt, ob die Aufgabe gut erledigt wurde?
Je klarer diese Grenzen sind, desto weniger Rückfragen entstehen. Das ist gerade in kleinen Teams wichtig. Denn hier ist nicht nur die Zahl der Mitarbeiter*innen klein – auch die personellen Ressourcen sind knapp. Fällt jemand aus, spüren es alle sofort. Eine kleine Tierarztpraxis braucht keine komplizierten Führungsstrukturen. Sie braucht Klarheit darüber, wer wofür zuständig ist und wer was entscheiden darf. Das klingt banal, ist im Alltag aber oft weniger eindeutig, als man denkt.
„Darum kümmere ich mich“ kann beispielsweise heißen: „Ich erledige die Aufgabe selbst“, oder: „Ich bin dafür verantwortlich, dass sie erledigt wird“ – das ist ein großer Unterschied. Zwischen Praxisinhaber*innen und den restlichen Mitarbeiter*innen sollte deshalb regelmäßig besprochen werden, wer welche Aufgaben übernimmt, wer wann welche Entscheidungen treffen darf; und weiters: Was wird von jedem/jeder Einzelnen erwartet – und was passiert, wenn etwas nicht wie geplant funktioniert?
Solche Gespräche brauchen Zeit – die aber gut investiert ist: Sie verhindern, dass unausgesprochene Erwartungen irgendwann als Enttäuschung oder Kritik zurückkommen.
Mentale Entlastung durch echte Verantwortung
Für Tierärzt*innen ist das Thema besonders relevant, weil die berufliche Belastung ohnehin hoch ist: Medizinische Entscheidungen, Notfälle, teils schwierige Gespräche mit Tierhalter*innen, finanzielle Belastung und die emotionale Seite von Krankheiten und Euthanasie lassen sich nicht einfach an andere delegieren. Umso wichtiger ist es, jene Aufgaben abzugeben, die nicht zwingend an der tierärztlich tätigen Person hängen. Dies ist wichtig, da man damit mentale Entlastung erreicht.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie kann ich sicherstellen, dass alles so gemacht wird, wie ich es machen würde?“, sondern: „Was muss wirklich auf meine Weise gemacht werden – und wo reicht es, wenn es jemand anderer gut erledigt?“
Vertrauen heißt auch, Fehler auszuhalten
Wer Eigenständigkeit erwartet, muss akzeptieren, dass Dinge manchmal anders gelöst werden als vom Praxisinhaber oder von der Praxisinhaberin selbst. Und gelegentlich werden auch Fehler passieren. Das bedeutet nicht, dass Fehler keine Konsequenzen haben sollen oder Qualität unwichtig ist – aber ein Team, in dem jede Abweichung sofort korrigiert wird, lernt vor allem eines: lieber nichts selbst entscheiden.
Gerade in einer kleinen Tierarztpraxis ist ein Klima hilfreich, in dem Unsicherheiten früh angesprochen werden können und auch Fragen gestellt werden dürfen. Sie können verhindern, dass aus einer kleinen Unsicherheit ein größeres Problem wird.
Wer Rollen klärt, Erwartungen ausspricht und Verantwortung mit Entscheidungsfreiheit verbindet, schafft nicht nur mehr Selbstständigkeit im Team, sondern reduziert auch die ständige alltägliche Belastung. Und schließlich sollte eine gut geführte Tierarztpraxis nicht davon abhängig sein, ob der oder die Praxisinhaber/in anwesend ist und alles kontrolliert. Vertrauen bedeutet, Verantwortung so zu verteilen, dass Menschen sie tatsächlich übernehmen können.