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Von Melk-Robotern, Mutterschutz und dem Mountainbike

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
22.02.26

Inhaltsverzeichnis

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Tierärztin Tanja Warter

Ausgabe 02/2026

33 Jahre ist es nun her, dass Bernd Hradecky, ein ­gebürtiger Grazer, in Osttirol in einer Großtierpraxis (mit einem Großtieranteil von mindestens 80 Prozent) zu ­arbeiten begann. Osttirol ist seine neue Heimat ­geworden, der Großtieranteil hat sich in Hradeckys beruflicher Laufbahn später stark reduziert. Ein Gespräch über die Praxis, Kontinuität und Veränderung im Leben, über ­Digitales – und das Mountainbike.

Herr Hradecky, Sie sind eigentlich unerwartet in die Rolle des Landespräsidenten gekommen, oder?

Ja und nein. Durch den tragischen Todesfall meines Vorgängers Andreas Taxacher bin ich als Vorstands­mitglied in diese Rolle geschlüpft und habe die Präsidentschaft in Tirol übernommen. In der Kammer aktiv bin ich aber schon seit knapp 25 Jahren.

Blicken wir nochmals kurz zurück – wie kommt man denn als Grazer nach Osttirol?

Im Grunde meines Herzens war ich nie ein Stadtmensch, sondern immer gern in den Bergen, in der Natur; und ich wollte immer mit Rindern arbeiten. Ich war zuvor in der Schweiz, im Pinzgau, im Zillertal, im Mölltal, in Amerika und eben auch in Osttirol. Hier wurde ich von Anfang an sehr freundlich willkommen geheißen. 1997 heiratete ich meine Frau Katharina, bald darauf kamen Victoria und Max auf die Welt. So war ich in dieser Region, in der ich arbeiten darf, auch familiär verwurzelt. Seit 2001 habe ich meine eigene Praxis in Lienz, die ich heute mit einer Kollegin und einem Kollegen sowie zwei Ordinationshilfen führe. Das Bild zu meinem ersten Job hat sich inzwischen um fast 180 Grad gewendet: Heute mache ich etwa 30 Prozent Großtiere und 70 Prozent Heimtiere.

Gutes Stichwort: Eigentlich ist ja der Bedarf an Tierärzt*innen in der Großtierpraxis höher denn je. Trotzdem hat sich das Verhältnis Großtier zu Kleintier bei Ihnen umgedreht. Wie kam das?

Ja, diesen Wechsel habe ich durchlebt. Extrem beschleunigt hat sich das in den letzten zehn Jahren mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft: Kleine Betriebe haben immer öfter aufgehört oder wirtschaften heute extensiv; und die großen Betriebe werden immer größer und professioneller. Diese Landwirt*innen genießen heute sehr gute Ausbildungen – und machen dann auch sehr viel von der früheren tierärztlichen Arbeit selbst. Dann kommen auch noch all die neuen Entwicklungen hinzu, Telemedizin, KI, Internetapotheken, Trächtigkeitsuntersuchungen über die Milch … Selbst das Tierseuchenmonitoring läuft heute großteils nicht mehr übers Blut, sondern über die Milch. Wer hätte sich vor zehn Jahren gedacht, dass bei uns in unserer Struktur Melkroboter zu finden sein werden? Jetzt ist das sogar auf kleineren Betrieben mit 20 Tieren stark im Kommen. Technik wird billiger, Roboter können immer mehr; Routinearbeiten wie Besamungen fallen zunehmend weg, weil es Eigenbestandsbesamer*innen und Besamungstechniker*innen gibt – und die extensiven Betriebe Zuchttiere haben, die sie mitlaufen lassen. Da hat sich sehr, sehr viel gewandelt.

Und das schlägt sich im Umsatz nieder…

Natürlich. Allein die Frequenz der Visiten ist erheblich zurückgegangen. Dieses Phänomen sehen wir österreichweit, aber in gewissen Regionen besonders stark. Bei uns im Gebirge wird das schnell unwirtschaftlich. Für eine Besamung 30 oder 40 Kilometer zu fahren, das machen noch manche alteingesessenen Kolleg*innen, weil sie es so gewohnt sind und sie die Kundschaft noch betreuen wollen – aber die Jungen machen das nicht mehr.

Was sind derzeit noch Ihre Tätigkeiten bei den Rindern?

Bei mir ist es noch bunt gemischt: vom kranken Kalb über Impfungen, Besamungen und Milchfieber bis hin zu Geburten; nicht zu vergessen die Betreuung von Schafen und Ziegen, die bei uns noch sehr häufig vertreten sind. Auch möchte ich einen Überblick über den Gesundheitsstatus meiner Betriebe behalten. Speziell was den Tierschutz, den Arzneimitteleinsatz, die Fruchtbarkeit und auch das Seuchengeschehen – wie aktuell die Blauzungenproblematik – betrifft, ist unsere beratende Funktion für die Landwirt*innen sehr wichtig, um alle erforderlichen Qualitätskriterien des Handels erfüllen zu können.

Aber wenn die Tätigkeiten weniger werden, warum sinkt dann nicht auch der Bedarf an Tierärztinnen und Tierärzten in der Großtierpraxis?

Folgendes ist das Problem: Wenn wir uns zum Beispiel die Tiroler Struktur anschauen, mit den vielen Seitentälern, dann braucht der entlegenste Landwirt oder die entlegenste Landwirtin im Tal auch noch immer einen Tierarzt, eine Tierärztin, wenn ein Kalb krank wird. Aber es fehlen uns die fünf, sechs Visiten auf dem Weg zu ihm. Das ist wirtschaftlich nicht machbar. Die Zeit, die man im Auto sitzt, wird unverhältnismäßig mehr, und da will ich noch gar nicht von der Stauproblematik, die man in den Tourismusregionen einfach immer wieder hat, reden. Das ist teilweise nicht mehr tragbar. Trotzdem erwartet die Gesellschaft von uns die Sicherstellung der hohen Tierschutzstandards, die Gewährleistung der Arzneimittelsicherheit, Tierseuchenbekämpfung und vor allem Lebensmittelsicherheit im ganzen Land. Diese Anforderungen zu erfüllen wird die große Herausforderung für unseren Berufsstand – aber auch für die Vertreter*innen der Landwirtschaft und der Politik.

Stimmt es, dass inzwischen – wie einst bei den ­Skilehrer*innen – einzelne holländische Kolleginnen und Kollegen zu uns kommen?

Richtig. Wir haben gewissermaßen einen Hotspot im Paznaun. Auch in meiner Umgebung arbeiten zwei Holländerinnen und eine norddeutsche Kollegin. Sie alle haben sich in die Berge verliebt und finden die Landschaft und das Arbeitsumfeld attraktiv. Befragt nach ihrer Motivation sagen sie, dass sie nicht mehr auf großen Milch- und Mastbetrieben arbeiten wollen, sondern den persönlichen Kontakt mit den Landwirt*innen suchen und die Arbeit in der klein strukturierten Landwirtschaft einfach herausfordernder und interessanter finden. Sie machen die Arbeit sehr gut, aber auch die Belastung ist sehr groß. Der Arbeitsalltag und das Einkommen sind auf Dauer einfach problematisch.

Aber wenn das Problem in der Landwirtschaft begründet liegt, ist es dann nicht ein ewig sinnloser Kampf in der Tierärzteschaft, nach neuen, jungen Großtierpraktikerinnen und -praktikern zu suchen? Zäumen wir hier das Pferd von hinten auf?

Ich bin davon überzeugt, dass wir in Zukunft damit leben werden müssen, dass weniger Nutztierärzt*innen – auch mithilfe der neuen digitalen Möglichkeiten wie Telemedizin, KI, Transpondertechnik oder Melk­robotern – künftig die Versorgung der Landwirt*innen im ganzen Land übernehmen werden müssen. Es wird mehr so­genannte Versorgungszentren wie Praxis­gemeinschaften oder Gemeinschaftspraxen geben, die mehr auf die Bedürfnisse der jungen Kollegen und Kolleginnen eingehen können. Diese suchen das Arbeiten im Team mit allen Vorteilen, die sich daraus ergeben; geregelte Freizeit, soziale Absicherung, Wissens­austausch, Reduzierung des bürokratischen Aufwands und bessere Arbeitsteilung sind nur einige davon. Nur das kann schlussendlich auch die Lebensqualität der Tierärzt*innen in diesem Bereich verbessern. Aber es stimmt: Wenn die Gesellschaft den jetzigen Standard an tierärztlicher Betreuung erhalten will, wird es zukünftig auch maßgebliche Unterstützung von allen Seiten geben müssen.

Wie haben denn Sie Ihre Mitarbeiterin und Ihren Mitarbeiter gefunden?

Meine langjährigen Mitarbeiter*innen waren früher entweder Praktikant*innen oder sind mit mir mitgefahren. Nach vielen gemeinsamen Jahren erlebt man vieles, meistert Probleme gemeinsam – das schweißt zusammen und macht ein Team, manchmal fast eine Familie, erfolgreich.

Und was war Ihr Beitrag?

Ich glaube schon, ein Teamplayer zu sein, immer auf ­Augenhöhe mit den Mitarbeiter*innen. Sehr wichtig ist es, Rücksicht auf die Lebensumstände der Kolleginnen und Kollegen zu nehmen – deswegen ist es für mich auch als Kammerpräsident unter anderem ein großes An­liegen, eine finanzielle Unterstützung der ­Kolleginnen, die in Mutterschutz sind, zu etablieren. Damit ­könnte man vielen Berufskolleginnen und -kollegen ganz ­wesentlich den beruflichen Einstieg erleichtern und erheblichen Druck von den Arbeitgeber*innen nehmen.

Was macht den Beruf bis heute für Sie aus?

Die Wertschätzung, die man jeden Tag erleben kann. Es ist einfach fein, wenn die Leute glücklich aus der Praxis gehen oder wenn du ein Kalb auf die Welt gebracht hast; der Bauer oder die Bäuerin freut sich und bedankt sich vielmals. Das ist Lebensqualität. Und das überwiegt den Druck durch die vielfältigen Belastungen und Herausforderungen.

Was war Ihre Strategie in schwierigen ­Phasen?

Ich bin immer Sportler gewesen. Ich setze mich zu Mittag aufs Radl, genieße die herrliche Natur hier bei uns oder mache eine kleine Skitour. Ich bin ein anderer Mensch, wenn ich zurückkomme. Mir hilft das viel, und ich habe wieder mehr Energie für die anstehenden Aufgaben. Aber ich muss auch sagen: Ich habe immer Glück gehabt – mit dem Einstieg in den Beruf, mit dem familiären Rückhalt, mit der richtigen Entscheidung, den Kleintieren mehr Raum zu geben, aber trotzdem der Landwirtschaft erhalten zu bleiben. Ich glaube, es ist immer gut, auf sein Bauchgefühl zu vertrauen. ­Mittlerweile bin auch ich in einem Alter, in dem man an die Pension denkt. Ein Weitwanderweg wäre vielleicht irgendwann schön. Aber wenn ich es so recht überlege: Eigentlich will ich gar nicht in Pension gehen …

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