Mag. Silvia Stefan-Gromen
Ausgabe 12/2025–01/2026
Die Forschung zur Persönlichkeit von Tieren hat in den letzten Jahren stark zugenommen, doch es ist unklar, inwieweit Ergebnisse von speziellen Testsituationen die Persönlichkeit widerspiegeln, da diese nur einen kurzen Ausschnitt des Verhaltens zeigen. Eine aktuelle Studie des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV) der Vetmeduni hat untersucht, inwieweit Persönlichkeitstests das natürliche Verhalten von frei lebenden Hunden erfassen – und gezeigt, dass die speziellen Tests durchaus die Persönlichkeit von frei lebenden Hunden messen und ihr Verhalten in Alltagssituationen vorhersagen.
Während es für die Untersuchung von Haushunden mehrere etablierte Instrumente gibt, sind ihre frei lebenden Artgenossen trotz ihres Anteils von rund 80 % an der weltweiten Hundepopulation noch weitgehend unerforscht. Da die Sozialisierung und Ausbildung durch den Menschen wahrscheinlich die Entwicklung von Haushunden beeinflusst, könnte dies möglicherweise das natürliche Persönlichkeitsspektrum der Spezies verzerren.
In ihrer nun in „iScience“ veröffentlichten Studie haben die an der Vetmeduni tätigen Forscherinnen zwei einander ergänzende Methoden zur Bewertung von drei Persönlichkeitsmerkmalen genutzt und validiert: menschenbezogene Geselligkeit, artbezogene Geselligkeit und Erkundungsverhalten. 201 frei lebende Hunde aus der marokkanischen Region Souss-Massa wurden mit den beiden Methoden bewertet. Dazu Studien-Erstautorin Urša Blenkuš vom KLIVV: „Die erste Methode basierte auf der Beobachtung der Hunde in ihrer alltäglichen Umgebung, während die zweite einen strukturierten Verhaltenstest umfasste. In diesem Test wurde jedem Hund nacheinander ein unbekannter Mensch, ein Hundemodell und ein neuartiges Objekt präsentiert, um seine Reaktionen in verschiedenen sozialen und explorativen Kontexten zu bewerten.“
Neu entwickelte Messmethoden liefern stabile und konsistente Ergebnisse
Beide Methoden zeigten, dass selbst nach mehreren Wochen Abstand dieselben Verhaltensweisen gemessen wurden – also eine hohe zeitliche Stabilität. Das deutet laut den Wissenschafterinnen darauf hin, dass die Messinstrumentarien konsistente Aspekte der individuellen Persönlichkeit über einen längeren Zeitraum hinweg erfassten. Die Forscherinnen fanden heraus, dass die Ergebnisse beider Methoden einander stark ähneln, unabhängig vom Kontext. Das zeigt, dass die Persönlichkeit von frei lebenden Hunden zuverlässig gemessen werden kann.
Richtungsweisend für künftige Persönlichkeitsforschung an wild lebenden Tieren
„Unsere Ergebnisse belegen, dass Persönlichkeitsmerkmale bei frei lebenden Hunden zuverlässig gemessen werden können“, betont Urša Blenkuš. Zudem konnte die Studie nachweisen, dass lange und komplexe experimentelle Tests auch in störungsanfälligen Umgebungen durchführbar sind – und somit nicht auf experimentelle Settings beschränkt sind. „Die Erkenntnisse unserer Studie sind ein wichtiger Schritt in der Erforschung der Persönlichkeit von wild lebenden Tieren. Unsere Forschungsarbeit ebnet den Weg für die Einbeziehung frei lebender Populationen in umfassendere Studien zur Persönlichkeit und fördert unser Verständnis der Verhaltensökologie solcher Tierarten“, so Urša Blenkuš.
Quelle
Personality Traits in Free-Ranging Dogs: Do Experimental Tests Mirror Natural Behaviour? – ScienceDirect; https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2589004225021170?via%3Dihub
Rückfragekontakt
Urša Blenkuš
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV)
Domestication Lab
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni)
ursa.blenkus@vetmeduni.ac.at