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Arthrose beim Pferd: Warum genaue Diagnostik der Schlüssel zur Therapie ist

Verfasst von
office@tieraerzteverlag.at
Veröffentlicht am
17.02.26

Inhaltsverzeichnis

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Dr. Sophie Hanak

Vetjournal 02/2026

Arthrose beim Pferd ist eine chronisch-degenerative Gelenkerkrankung, die aus einem Missverhältnis zwischen mechanischer Belastung und der Belastbarkeit der gelenkbildenden Strukturen resultiert. Pathogenetisch stehen progressiver Knorpelabbau, subchondraler Knochenumbau, Synovialitis sowie eine gestörte Gelenkhomöostase im Vordergrund.

Neben sportbedingter Über- und Fehlbelastung spielen auch im Freizeitbereich relevante Risikofaktoren eine Rolle. Unphysiologisches oder inkonsequentes ­Training, fehlendes systematisches Aufwärmen, zu geringe oder unregelmäßige Bewegung, längere Boxenruhephasen sowie eine insgesamt mangelhafte Anpassung von Belastung und Regeneration können die Knorpel­ernährung beeinträchtigen und degenerative Prozesse begünstigen.

Arthrotische Veränderungen machen sich beim Pferd oft schleichend bemerkbar. Zu Beginn fallen lediglich dezente Abweichungen im Bewegungsablauf auf, etwa ein verkürzter Schritt oder eine diskrete Lahmheit. In der tierärztlichen Praxis sind dies häufig die ersten An­zeichen, die an eine Arthrose denken lassen.

Gezielte Lahmheitsdiagnostik

„Um abzuklären, ob tatsächlich eine Arthrose vorliegt und welches Gelenk betroffen ist, braucht es eine strukturierte Lahmheitsuntersuchung. Diese beginnt immer mit einer gründlichen klinischen Untersuchung“, sagt Veronika Apprich von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Dabei werden die Beine abgetastet und alle Gelenke systematisch überprüft. Anschließend wird das Pferd in der Bewegung beurteilt. Auf harten ­Böden wie Beton oder Asphalt wird es im Schritt und im Trab vorgeführt; zusätzlich folgt die Beurteilung an der ­Longe auf weicherem Untergrund. Ziel ist es, möglichst viele Bewegungssituationen zu erfassen, denn nicht jede Lahmheit zeigt sich unter denselben Bedingungen. „Wir müssen herausfinden, welches Gelenk tatsächlich die Ursache ist und ob es wirklich eine Arthrose ist, die die Lahmheit verursacht“, betont Apprich.

Manche Lahmheiten sind so leicht, dass sie nur unter bestimmten Voraussetzungen sichtbar werden, etwa beim Reiten oder bei speziellen Lektionen. In solchen Fällen kann das Pferd auch unter dem Sattel beurteilt werden oder es kommen verschiedene Provokationsproben zum Einsatz. Erst wenn ein möglichst klares Bild des Bewegungsablaufs vorliegt, wird die Diagnostik weiter verfeinert.

Leitungsanästhesien stellen ein zentrales diagnostisches Verfahren in der Lahmheitsabklärung dar. Durch die sequenzielle perineurale Anästhesie von distal nach proximal lässt sich die schmerzverursachende Region systematisch eingrenzen. Ergänzend kommen intra­artikuläre, intrasynoviale oder intrabursale Anästhesien zum Einsatz, um spezifische Gelenk-, Sehnenscheiden- oder Schleimbeutelstrukturen gezielt als Ursache der Lahmheit zu identifizieren. „Nur wenn wir die Haupt­ursache der Lahmheit identifizieren, können wir die richtige Struktur gezielt behandeln“, sagt Apprich. „Das ist entscheidend für den Behandlungserfolg, und deshalb ist eine saubere Diagnostik so wichtig.“

Besonders häufig sind an den Vorderextremitäten die Zehengelenke von Arthrosen betroffen. An der Hinterhand spielen neben Krongelenk und Fesselgelenk auch andere Gelenke eine größere Rolle. Das Sprunggelenk ist etwa eine Region, die sehr häufig von arthrotischen Veränderungen betroffen ist. Welche Gelenke involviert sind, beeinflusst nicht nur die Symptome, sondern auch die therapeutischen Möglichkeiten.
In der Diagnostik kommen neben der klinischen Untersuchung bildgebende Verfahren zum Einsatz. Röntgen­aufnahmen gehören dabei zum Standard, ebenso Ultra­schalluntersuchungen, abhängig vom betroffenen Gelenk und der Fragestellung. In speziellen Fällen können auch Magnetresonanztomographie oder Computer­tomographie sinnvoll sein. Erst diese Bilder zeigen, welche strukturellen Veränderungen bereits vorhanden sind. „Je nachdem, ob ein Gelenk einen großen Bewegungsradius hat oder von Natur aus eher steif ist, müssen wir die Therapie dann individuell anpassen“, erklärt Apprich.

Eine relativ neue Methode in der Lahmheitsdiagnostik ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz. Dabei wird das Pferd mit einer Handykamera gefilmt; eine speziell entwickelte KI-gestützte Technologie analysiert dann bestimmte Punkte am Körper und erkennt selbst ­kleinste Veränderungen im Bewegungsablauf innerhalb kurzer Zeit. Die Auswertung erfolgt binnen ­wenigen Minuten und liefert eine detaillierte Auswertung mit Analysevideo und biomechanischen Daten, wodurch Lahmheiten präziser und früher erkannt werden können. Dafür braucht es keine Sensoren und keine aufwendige Vorbereitung; und es ist auch für praktische Tierärzte gut umsetzbar und eine gute Unterstützung.

Therapie und Management

Ist die Diagnose gestellt, wird die passende Therapie ausgewählt. In der Forschung wird intensiv an regenerativen und biologischen Therapien gearbeitet, etwa mit Stammzellen oder Eigenblutprodukten. Diese Ansätze zielen darauf ab, nicht nur Symptome zu lindern, sondern auch krankhafte Prozesse im Gelenk zu beein­flussen. Allerdings fehlen bislang groß angelegte Studien, die einen klaren Durchbruch belegen würden. „Es gibt viele spannende Ansätze, aber noch keinen echten Gamechanger“, ordnet Apprich ein. „Wir verwenden in bestimmten Situationen Mesenchymale Stammzellen (MSCs, Anm.) oder Eigenblutaufbereitungen wie IRAP. Bei den Mesenchymalen Stammzellen verwenden wir mittlerweile hauptsächlich kommerziell erhältliche allogene Produkte.“

In der Praxis bleiben Corticosteroide die wohl am häufigsten eingesetzten Medikamente bei Gelenktherapien. Sie wirken stark entzündungshemmend und unterbrechen die schädliche Entzündungskaskade im Gelenk. Bereits bestehende Knorpelschäden können sie allerdings nicht rückgängig machen. „Cortison mildert die Entzündung, aber es heilt keinen Knorpel“, sagt Apprich. Zudem ist eine vorsichtige Dosierung essenziell, da Corticosteroide mit einem gewissen Risiko für Hufrehe verbunden sind, insbesondere wenn Pferde an bestimmten Stoffwechselerkrankungen vorerkrankt sind. Zur Therapie von Arthrosen werden sie üblicherweise direkt ins Gelenk injiziert, oft in Kombination mit Hyaluronsäure.

Neben medikamentösen Maßnahmen spielt auch das Management eine entscheidende Rolle. Gleichmäßige leichte Bewegung gilt als optimal für Pferde mit Arthrose, dauerhafte Boxenruhe ist hingegen ungünstig. Ideal sind Haltungsformen, bei denen sich das Pferd tagsüber ruhig im Schritt bewegen kann, etwa auf der Koppel oder am Paddock. Auch die Hufbearbeitung und der Beschlag sind wichtige Faktoren. Bei ortho­pädischen Problemen sollten auch die Beschlagsintervalle eher kurz gehalten werden, um starke Veränderungen der Hufstellung zu vermeiden. Gerade bodennahe Gelenke reagieren empfindlich auf harte Untergründe und starke Prellwirkungen – dämpfende Einlagen oder Kunststoffbeschläge können hier entlastend wirken. „Mittel­weiche, federnde Böden sind für arthrotische Pferde deutlich angenehmer als Asphalt oder sehr tiefer ­Boden“, erklärt Apprich.

Ziel ist es, möglichst konstante Bedingungen für die Gelenke zu schaffen. Mit einem angepassten Management ist es durchaus realistisch, dass viele Pferde mit Arthrose weiterhin zumindest freizeitmäßig geritten werden können; vorausgesetzt, Aufwärmen und rich­tige Belastung werden ernst genommen.

Besonders anspruchsvoll ist der Umgang mit Sportpferden, da viele wirksame Medikamente dem Doping unterliegen. Gleichzeitig ist es ethisch nicht vertretbar, ein Pferd, das Schmerzen hat, im Sport einzusetzen. Hier haben physiotherapeutische Maßnahmen eine große Bedeutung, ebenso gezielte Gymnastizierung, Stangenarbeit und gegebenenfalls ergänzende Verfahren wie Laser- oder Stoßwellentherapie. Doch auch die Stoßwellentherapie unterliegt in den ersten Tagen nach Anwendung dem Doping, weil sie schmerzstillend wirkt.
Auch Prävention spielt eine zentrale Rolle: Eine bedarfsgerechte Fütterung, gute Heuqualität und eine ausgewogene Mineralstoffversorgung sind ebenso wichtig wie regelmäßige Bewegung und Koppelgang. Hinsichtlich Supplementen ist die klinische Evidenz am Pferd weiterhin dünn, Produkte sind schwer vergleichbar (Dosis, Zusammensetzung, Reinheit); und wenn ­Effekte vorhanden sind, sind diese häufig moderat. Freie Bewegung fördert nicht nur Muskulatur und Koordination, sondern reduziert auch das Verletzungs­risiko. Arthrosen entstehen selten isoliert, sondern sind Teil eines komplexen Systems aus Muskulatur, Stabilität und ­Belastung. Werden Schmerzen lange kompensiert, ­drohen Folgeprobleme durch Überlastung anderer Gelenke oder des Rückens.

„Pferde sind in der Regel nicht faul oder unwillig“, sagt Apprich, „meist gibt es einen Grund für solch ein Verhalten.“ Je früher dieser erkannt wird, desto besser lassen sich Fortschreiten und Begleitprobleme begrenzen. Eine Heilung der Arthrose ist bislang nicht möglich, da es sich um einen chronisch degenerativen Prozess handelt. Durch gezielte Therapie und gutes Management lässt sich der Verlauf jedoch verlangsamen und die ­Lebensqualität der Pferde deutlich verbessern.

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